S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Riesentussis auf der Reeperbahn

Business-Entwickler wollen Hamburgs Szenestadtteil St. Pauli zum Disneyland mit Erotikecken für Papi umformen. Besonders witzig gemeinte Innovation: Überdimensionale rote Frauenfiguren werben für die Ware Frau.

Eine Kolumne von Silke Burmester


Kommen Sie näher, kommen Sie ran! Na, junger Mann, Stangenfieber? Hier wird es gleich ganz, ganz heiß. So heiß, wie es werden kann, wenn sich eine Interessensgemeinschaft einer Sache zwecks Gewinnoptimierung annimmt. In diesem Fall sind es diejenigen, die aus der Hamburger Reeperbahn eine Art Disneyland formen möchten - eine keimfreie Zone mit Eis und lustigem Amüsement für die ganze Familie. Wobei für den Papi ganz besondere Spielecken eingerichtet werden, also nicht wundern, wenn der mal für 15 Minuten verschwindet. Das fällt auch gar nicht groß auf, wenn Mutti mit den Kleinen die Angebote der Erlebnisgastronomie wahrnimmt. Oder vielleicht einem der Themenwege folgt, die die Interessensgemeinschaft einzurichten gedenkt. Etwa dem zum Thema St. Pauli als "Immigrantenquartier". Das ist richtig, richtig interessant und kann für die Kinder nützlich sein, wenn in Sachkunde das Thema Einwanderung durchgenommen wird.

Zusammengefunden haben sich in der Interessensgemeinschaft Grundeigentümer und Gewerbetreibende, die Interessengemeinschaft St. Pauli, das Bezirksamt Hamburg-Mitte, die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt und die Handelskammer Hamburg. Und das, was sie aus der Reeperbahn und den angrenzenden Straßen machen wollen, nennen sie BID, Business Improvement District. Also Geschäfts-Verbesserungsgegend. Wie man sich eben formiert, wenn man einen Stadtteil umwandeln will und gern so manche Auflage außer Kraft setzen würde.

Die Pläne, aus der Meile der Sünde eine Vergnügungssteppe nach dem Vorbild einer McDonalds-Toilette zu machen, die - statt von Kriminellen - von Business-Developern kontrolliert wird und für die eine Frau wie Heidi Klum ihr Gesicht hinhalten würde, sind alt.

Total trendy ist dagegen der Ansatz der Ganzheitlichkeit, der das Konzept des Disney-Lustparks durchzieht. Als würde man die Wellnessabteilung eines Hotels eröffnen, schwebt den BIDs "ganzheitliche Pressebetreuung" ebenso vor, wie "professionelle und ganzheitliche Betreuung des Vergnügungsviertels St. Pauli ... durch das geplante Quartiersmanagement". Total hip ist auch das Vorhaben, "temporäre Belegung bei Leerstand von Geschäften/Flächen durch sog. Pop up Stores/Clubs/Galerien" zu unterstützen. Denn dies, so die Businessfüchse, "erzeugt hohe Anziehungskraft für die kreative Szene und jeden, der sich dazu zählt".

Malle-Proll-Style

Voll supi kreativ sind aber nicht nur die, die sich dafür halten, sondern auch die Business Developer. Die haben sich nämlich was ganz Tolles ausgedacht, damit Karin und Michael aus Rüsselsheim überhaupt merken, dass sie auf der Reeperbahn sind und sich nicht fragen, wo auf der Mönckebergstraße das C&A-Geschäft geblieben ist. Damit sie und der Hanseat mit Stangenfieber vor lauter Langeweile der von allem Charme und Geheimnis befreiten Vergnügungsmeile nicht augenblicklich den Rücken kehren, sollen überdimensionale rote Frauenfiguren die Straße zieren.

Die aufreizend posierenden, beleuchteten Frauensilhouetten symbolisieren: Hier kann man Frauen kaufen. Wer noch mal will, wer noch nicht hat - hier kommt König Kunde zum Zuge, wie sonst nur an der Wursttheke.

Ganz besonders schön ist die breitbeinig stehende Figur auf High Heels, die ein großes Schild mit dem Buchstaben "i" für "Information" über dem Kopf trägt. Die zwei Informationstafeln die sie trägt, könnten dem Besucher das "Fußgängerleitsystem" erklären. Oder zeigen, wo er Pommes kaufen kann. Sind sie interaktiv, wäre das aber auch eine schöne Möglichkeit, die Tageskurse für die Dienstleistungen der Frauen bekannt zu geben, eine Top Ten der meist genutzten Prostituierten und welche es heute besonders billig macht. Schließlich möchte die Interessensgemeinschaft es den St.Pauli Besuchern leicht machen, ihre Angebote zu nutzen und sich als Gast rundum willkommen zu fühlen.

Bis zum 9. Oktober liegt der Antrag auf Genehmigung der BID-Pläne im Bezirksamt Hamburg-Mitte aus und kann eingesehen werden. Erste Beschwerden wegen der billigen, platten, im Malle-Proll-Style gestalteten Frauenfiguren weist der Projektleiter des BID Reeperbahn, Andreas Pfadt, zurück. Gegenüber der "taz" sagte er: Man solle die Idee, die Silhouetten als Aushängeschild für die Ware Frau aufzuhängen, "einfach nicht so ernst nehmen". Auf ihrer Homepage verkünden die Reeperbahn-Optimierer, es erscheine "sinnvoll und erforderlich, stärker auf den Wandlungs- und Umgestaltungsprozess Einfluss zu nehmen und durch koordiniertes Handeln so mitzugestalten, dass der Stadtteil insgesamt davon profitiert, ohne sein besonderes St. Pauli typisches Flair einzubüßen." Wenn ein paar sexistische Kackschilder das sind, was von St. Pauli nach der Säuberungsaktion durch den BID übrig bleibt, na dann gute Nacht Hamburg!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
L!nk 08.09.2013
1.
Abbildungen erotischer Art bestimmten schon immer das Bild der Reeperbahn, auch wenn die Zeit von Erwin Ross lange vorbei ist. Bedauernswerter ist der Austausch des normalen Lebens gegen das Glas-Stahl Ambiente und die strickte Trennung zwischen Arm und Reich. Und Frauen kaufen konnte man(n) da noch nie, höchstens teuer mieten.
specialsymbol 08.09.2013
2. Sex aus der Schmuddelecke!
Ich finde das gut. Endlich wird mal von Fachleuten (Werbefachleuten, Immobilienentwicklern) das Geschäft mit dem Sex aus der Schmuddelecke geholt. Wer geht schon gerne zu einer Prostituierten, die die Hälfte ihres Einkommens an den Zuhälter abgeben muß? Ich würde lieber zu einer Prostituierten gehen, die die Hälfte ihres Einkommens an die Bank abgeben muß. Da fühlt man sich wie zuhause und es ist auch besser wenn die Polizei das Gewaltmonopol innehält, die ist auch bei Anruf erst in 15 Minuten vor Ort und lungert nicht schon vor der Tür rum. Ständig diese Überwachung, das ist mir schon im Internet zuviel.
lagioconda 08.09.2013
3.
Die Unverfrorenheit, mit der plumper Sexismus neuerdings entschuldigt werden soll, ist atemberaubend. Der Deutsche Werberat etikettiert frauenfeindliche Werbung einfach als "ironisch gemeint", sie sei "mit einem Augenzwinkern" zu verstehen. Die Herren vom BID wollen alles "nicht so ernst nehmen". Ich hoffe sehr, das tun die Kunden auch und boykottieren das Puff-Disneyland genauso wie Produkte aus sexistischer Werbung.
Sleeper_in_Metropolis 08.09.2013
4.
Die "sexistischen Kackschilder " gab und gibt es entlang der Reeperbahn an jedem zweiten Etablissement, mindestens. An jedem Nachtclub, jeder Strip-Bar sind die Fronten mit entsprechenden Bildern von freizügigen Damen beklebt, die eindeutig klar machen, was es da drinnen zu sehen und zu erleben gibt. Von den Frauen, die sich in den Schaufenstern der Herbertstraße präsentieren ganz zu schweigen. Die Reeperbahn ist ein Ort, mit dem Feministinnen sicherlich niemals warm werden, aber ein eine Werbefigur mehr wird da kaum auffallen, auch wenn sie diesmal besonders groß sein soll.
g.vlach 08.09.2013
5. Kieztod
Zitat von L!nkAbbildungen erotischer Art bestimmten schon immer das Bild der Reeperbahn, auch wenn die Zeit von Erwin Ross lange vorbei ist. Bedauernswerter ist der Austausch des normalen Lebens gegen das Glas-Stahl Ambiente und die strickte Trennung zwischen Arm und Reich. Und Frauen kaufen konnte man(n) da noch nie, höchstens teuer mieten.
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