S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Oh Gott, der Rösler steht vor der Tür!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Der deutsche Volksvertreter will jetzt seine Wähler daheim besuchen. Fragt sich nur: Ist das ein willkommener Versuch, Bodenhaftung zu bewahren? Oder ein Selbsterfahrungstrip auf Kosten der Bürger? Denn der Spitzenpolitiker macht den Dreck ja nicht weg, den er hinterlässt - sondern wir.

Liebe unerschrockene Politiker-Einlader!

Die Politiker sind dabei, einen neuen Spleen zu kultivieren: Sie wollen wissen, "wo das Volk der Schuh drückt". Volk, das sind wir. Die Politiker selbst zählen sich, obschon wahlberechtigt und zum Klo gehend, wohl irgendwie nicht dazu, weswegen sie neuerdings keinen Weg scheuen und zu Menschen ins Wohnzimmer kommen, die offenbar so anders sind als sie selbst.

Um diese Andersartigkeit spüren zu können, werden jetzt "normale" Familien besucht. Also welche, die - anders als ein Politiker - mit wenig Geld auskommen müssen, die beengt wohnen und das in einem Kaff, von dem ein Politiker, der zwischen Berlin, London, Washington und Bad Godesberg umherjettet, nicht einmal weiß, dass es existiert.

Wer aber ist bereit, die Politiker reinzulassen? Immerhin muss man sich dafür ein, zwei Stündchen Zeit nehmen, und manch einer wird meinen, dafür ähnliche Vorbereitungen treffen zu müssen wie am Weihnachtsfest. Also die Flecken aus den Polstern schrubben, Fenster putzen, die Frösche in der Vitrine abstauben und noch mal ordentlich durchsaugen. Und, sofern in Schwaben, auch die Gardinen waschen, schließlich heißt "normal" ja nicht dreckig.

Hausbesuch für Abgeschottete

Eine Menge Arbeit mit so einem Politiker, zumal man ja auch noch etwas Knabberzeug bereitstellen muss und etwas zu trinken, jeder, dem das zu viel ist, hat mein vollstes Verständnis. Umso mehr bewundere ich Sie, liebe Mitbürger, die sich bereit erklären, ihre Wohnung für den Selbsterfahrungstrip eines Volksvertreters zur Verfügung zu stellen.

Ich muss sagen, ich finde das ganz, ganz toll und ich denke, ich spreche im Namen vieler Mitbürger, wenn ich Ihnen dafür meinen Dank ausspreche. Denn dass es nicht bei der Vorbereitung und den anderthalb Stunden Gespräch bleibt, das wissen wir alle. Wahrscheinlich zieht der Besuch die Schuhe nicht aus, krümelt das Sofa voll und - sofern es sich um Herren der älteren Generation handelt - pinkelt er im Stehen und wischt die Tropfen nicht weg.

Umso toller ist es, dass sie diesen Menschen die Gelegenheit geben, mal mit denen in Kontakt zu kommen, deren Interessen sie als Volksvertreter zu vertreten sich zur Aufgabe gemacht haben. Tatsächlich haben viele von ihnen vor Jahren zuletzt ein Päckchen Butter gekauft oder den Matsch beseitigt, den sie mit ihren Schuhen in die Wohnung geschleppt haben. Hätten sie mehr Zeit, würden sie durch die Programme der RTL-Gruppe auf dem Laufenden gehalten, aber wenn unsereins "Frauentausch" oder "Familien im Brennpunkt" schaut, sitzen sie in einer Ausschusssitzung und verhandeln die Höhe der Müllgebühren oder den Einsatz von Militärflugzeugen in Afrika.

So wissen sie gar nicht, wie sich die Kinder entwickeln werden, die Dank der Herdprämie den ganzen Tag an der Seite von Mutti verbringen, wie gut ein Wein unter fünf Euro schmecken kann oder wie dankbar man ist, dass wenigstens die NPD Freizeitangebote für Jugendliche hat, weil so der Junge wenigstens nicht den ganzen Tag an der Tankstelle rumhängt.

Parteizugehörige ausgeschlossen

Neu ist die Idee nicht. Lange schon bevor Obama auf den Einfall kam, sich von normalen Bürgern erzählen zu lassen, wie das Leben so ist als Normaler, haben die Toten Hosen ihre "Wohnzimmerkonzerte" gegeben. Eine Band, die Stadien füllt, in der guten Stube von Nora und Jörg, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, wie die Musiker sagen, den Kontakt zu ihrer Herkunft, dem Normalsein, das so häufig für die verloren geht, die sich in die Öffentlichkeit stellen. Auch Radiosender geben aus diesem Grund immer mal wieder einem Barden oder einer Band die Möglichkeit, fremder Leute Bude zu verwüsten.

Und nun auch Sie!

Allein die Vorstellung, Philipp Rösler stünde vor meiner Tür, treibt mir den Schweiß der Panik auf die Stirn! Die Vorstellung, irgend so ein Pirat käme und besäße die in meinen Augen ausgewiesene Frechheit (in seinen Augen Selbstverständlichkeit), beim Kaffeetrinken zu gucken, was bei Twitter los ist und Nachrichten zu versenden, und brächte mich so in die Situation, ihn darauf hinweisen zu müssen, dass das bei uns ein No-Go ist, ist mir ein Gräuel. Die Möglichkeit, Claudia Roth käme, würde bedeuten, die Dielen verstärken zu müssen, die Ankunft von Kristina Schröder, 15 Kilo abnehmen zu müssen, um in die alte, lila Latzhose wieder reinzupassen. Nein, nein, nein, für mich ist das nix.

Umso großartiger, dass Sie sich anbieten, das zu übernehmen. Und umso schöner, wenn Sie auch noch Spaß daran haben. Eines allerdings sollten Sie beachten: Sie, anwesende Freunde und Ihre Familie sollten nicht der Partei angehören, die der Politiker oder die Politikerin vertritt. Dann nämlich flippen die Medien aus, denn mit einer Parteizugehörigkeit sind Sie bereits verdächtig, nicht normal zu sein. So dünn ist schon das Eis, auf dem Engagierte sich bewegen.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. ??
janne2109 20.01.2013
Och Spon, das ist ein ganz alter Hut. Die FDP hat schon vor 12 Jahren vor den Wahlen Hausbesuche gemacht. Ausserdem konnte man sich für eine Runde Freunde und Bekannter ( ca. 20-30 Pers) die man zusammen trommelte, auch einen FDP Politiker nach Wahl zu einer Gesprächsrunde privat einladen. Die bekanntesten waren oft vergeben, aber die waren nicht immer wichtig. Sehr viele Kommunalpolitiker waren spannender und wenn man selbst nicht so dröge Gäste hatten waren diese Gesprächsrunden sogar sehr interessant und erhellend. Man mußte ja nicht immer der gleichen Meinung sein. Ich fand und finde es noch immer eine sehr gute Idee. Was Herr Steinbrück jetzt mit Eierlikör macht ist also ein ganz alter abgeschauter Hut. Spon- ich bin enttäuscht, dass hätten Sie doch wissen müssen bzw. in Ihrem Haus bekannt sein müssen.
2. och nö
krauthausenkreuzundquer 20.01.2013
so einer käme mir nicht ins haus. es fällt mir schon schwer nicht sofort wegzuzappen. also in der glotze ist für so jemanden bei mir auch kein platz.
3. Das wäre doch eine Geschäftsidee!
a.b. surd 20.01.2013
Zitat von sysopDer deutsche Volksvertreter will jetzt seine Wähler daheim besuchen. Fragt sich nur: Ist das ein willkommener Versuch, Bodenhaftung zu bewahren? Oder ein Selbsterfahrungstrip auf Kosten der Bürger? Denn der Spitzenpolitiker macht den Dreck ja nicht weg, den er hinterlässt - sondern wir. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-politiker-auf-hausbesuch-liebe-einlader-a-878379.html
Ich erinnere mich an viele Aufkleber aus meinen jungen und revolutionären Jahren. Da gab es einen mit der Aufschrift "Wir müssen leider draußen bleiben", darunter zwei weinende Polizisten. Den klebte man sich damals direkt neben die "Stones/d"-Zunge auf die rostige Ente oder den R4. Wie wär´s den mal mit weinenden wahlkampfpolitischen Hausbesuchern?
4. da macht man sich schon so seine Gedanken...
Martin Heinrichs 20.01.2013
...wenn er denn was mitbringen würde könnte man sich evtl. noch auf den Lieferanteneingang verständigen, aber der bringt ja nix, mit. Und für ein brauchbares Gespräch im Raucherzimmer schon gar nicht. Mein Wein über 5€ ist mir zu schade. Und überhaupt – was würden die Nachbarn sagen…
5. tja
kluzniak89 20.01.2013
wer von anfang an, vorurteile hat und die argumentation nichtmal anhören mag, geschweige denn die rechtfertigung dieser... der hat sein recht auf wahl leider verspielt...von einer proll diktatur sind wir nicht mehr so weit entfernt...wenn der kuschelkurs der am lautesten schreienden "Wähler" durchgesetzt wird...dann enden wir wie griechenland mit ner rente von 95% und wundern uns dann, warum der wohlstand nicht gehalten werden kann... es ist echt zum auswandern...was man hier im spiegel forum zu hauf geboten bekommt...aber damit würd man ja den antikapitalisten das feld kampflos überlassen
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Silke Burmester

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