S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Wut-Mütter, wehrt euch!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Wenn ein Beauty-Salon in Deutschland fünfjährige Mädchen zu Schönheits-Sklavinnen erziehen will, dann stimmt was nicht mit unserem Frauenbild. Zum Glück gibt es Menschen, die gegen diesen sexistischen Schrott vorgehen - und vor allem gegen frauenfeindliche Werbung.

Liebe Frau Dr. Schmiedel,

Sie sehen so harmlos aus, so freundlich, mit großen Augen und mädchenhaft langen Haaren und haben doch den King of Außenwerbung in Deutschland, Ströer, das Fürchten gelehrt!

Weil es Ihnen nicht passt, dass Ihre Töchter morgens nicht die Schule erreichen, ohne dass sie an magersüchtigen, ihren recht nackten Körper und ein einseitiges Frauenbild vermittelnden Frauen auf Werbetafeln vorbeikommen, sind Sie vor ein paar Monaten mit Ihrer Wut an die Öffentlichkeit gegangen. Und haben den Hamburger Senat attackiert, der einem Außenwerbeanbieter wie Ströer nicht nur gestattet, die Stadt mit seinen Schildern vollzustellen, sondern auch die Hoheit über die Inhalte abgibt. Und die damit, wie Sie meinen, sich seiner Verantwortung im Sinne der Fürsorgepflicht entzieht. Sie werden wissen, wovon Sie reden, denn Sie haben etliche Jahre im Bereich "Gender" geforscht und gelehrt und kennen die erschreckenden Zahlen magersüchtiger Mädchen und die Wirkung von sexualisierten und dünnen bis dürren Werbefiguren auf Mädchen und Frauen.

Die Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft und die Links-Fraktion haben in Folge Ihres Protestes zu einer Veranstaltung ins Rathaus geladen. Und? Wer ist nicht gekommen? Ströer. Der zunächst zugesagt hatte. Aber auch von C&A ist niemand erschienen, denen hatten Sie im Frühsommer ordentlich eingeheizt, indem Sie, schön vorn auf dem Titel der "Hamburger Morgenpost", Ihren Unmut geäußert hatten. Oder bilde ich es mir nur ein, dass ein paar Bikini-Plakate ganz schnell nach der "Mopo"-Geschichte verschwunden waren? Wobei, das muss man auch mal sagen, Sie mit Ihrer Aktion dem Pressemenschen die Feier der Goldenen Hochzeit seiner Großeltern verhagelt haben, der vor lauter Krisentelefonaten gar nicht dazu kam anzustoßen. Was wahrlich nicht schön ist, Frau Schmiedel!

Das fachgerechte Frausein

Und während ich noch darüber grüble, ob Sie vielleicht einfach hätten nichts sagen sollen, oder C&A das nächste Mal seine Plakatkampagne nicht auf den Zeitpunkt einer Goldenen Hochzeitsfeier seiner Mitarbeiter legt, haben Sie "Pinkstinks Germany" ins Leben gerufen. Beziehungsweise den deutschen Ableger einer britischen Wutbewegung, bei der angry mothers und vielleicht auch ein paar angry fathers der Industrie zusetzen, die mit ihrer Schmalspur-Denke zum Beispiel in Spielwarenkatalogen überholte Rollenbilder manifestiert. Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit dem Herd. Jungs tragen Blau, Mädchen Rosa, Jungs machen krawumm, Mädchen heile-heile. Eine Organisation, die große Erfolge verbucht, wie etwa den, dass der Spielwarenanbieter "Early Learning Center" seinen Katalog überarbeitet hat und Mädchen nicht länger nur als Prinzessin oder Fee zeigt, sondern jetzt auch als Polizistin und Feuerwehrfrau. Und auch sprachlich davon abrückt, Mädchen ununterbrochen das "Hübschsein" nahezulegen. Tatsächlich werden ihnen nun andere, geschlechtsneutrale Attribute zugestanden.

Klar, dass Sie zu denen gehören, die sich aufregten, als Ferrero vor Kurzem mit dem rosafarbenen Überraschungs-Ei für Mädchen auf den Markt kam. Das noch dazu, wie so viele Produkte für Mädchen, ein extrem dünnes, sexy Feenwesen zeigt, mit riesigen Augen, verführerischem Augenaufschlag, Wespentaille und Haaren bis zu den Knien.

Sie, Dr. Schmiedel, kotzt es einfach an, dass Mädchen mit einem von der Industrie gesteuertem Frauenbild konfrontiert werden, mit dem die meisten erwachsenen Frauen nichts zu tun haben wollen: Die Frau als extrem dünnes Wesen, deren Körper einzig der Verführung dient und die, weil sie diesen Körper hat, das Hirn nicht braucht. Ein Frauenbild, in dem die Welt rosa ist, wo als Berufsperspektive Top-Model versprochen wird und Mädchen Kleidung tragen, auf der steht: "Ich bin zu hübsch für Mathematik". Und die in München schräge Blüten treibt, wo ein Beauty-Salon für Fünf- bis Fünfzehnjährige eröffnet wurde. "Mädchen werden ständig mit dem Thema Frau-Sein konfrontiert", sagte die Betreiberin der "Süddeutschen Zeitung". "Wir müssen sie fachgerecht an das Thema heranführen." Was bedeutet, in einem rosafarbenen Zuckerwatte-Ambiente Maniküre, Pediküre und Schminktipps für Vorschulkinder anzubieten.

Weltweit gegen den Schönheitswahn

Und jetzt wollen Sie auch noch eine Petition beim Deutschen Werberat einreichen, wo Beschwerden gegen sexistische Werbung oft mit der Begründung abgetan werden, die Werbung würde mit "Augenzwinkern" arbeiten und das würde man schon verstehen. Die Richtlinien, nach denen der Rat mögliche Beschwerden wegen Diskriminierung oder Sexismus beurteilt, sind aus dem Jahr 2004. Bei der Überprüfung möglicher Beschwerden legt er den "Eindruck des verständigen Durchschnittsverbrauchers" zugrunde, nicht aber den Eindruck, der bei Kindern entsteht.

So wurde auch Kritik über die äußerst dämliche Werbung für die ARD-"Sportschau", bei der eine Knetgummi-Steinzeitfrau im Fußball-BH vor ihrem Knetgummi-Steinzeit-Mann steht, dem die Augen übergehen und die den Slogan trug "Männer waren schon immer so", mit dem Argument vom Tisch gewischt, das sei ironisch. Doch das, was Erwachsene eventuell als "ironisch" wahrnehmen, sehen Kinder unvermittelt und direkt: Eine Frau, die sich ihrem Mann im sexy Fußball-BH präsentieren muss, damit er aufhört, "Sportschau" zu gucken.

Deshalb fordern Sie, der Werberat müsse die Sicht von Kindern, die schließlich unablässig mit Werbung konfrontiert sind, berücksichtigen. Zur Realisierung der Petition hoffen Sie auf die finanzielle Unterstützung einer Stiftung, die Aussichten dafür sind gut. Schon jetzt haben sich der Deutsche Frauenrat, Mädchenmannschaft, der Verein Dolle Deerns der Forderung angeschlossen. Und die Initiative AnyBody, die Susie Orbach initiierte, die Therapeutin, die Lady Di wegen ihrer Essstörung behandelte, und die sich für die Akzeptanz des weiblichen Körpers einsetzt.

All das machen Sie, Frau Schmiedel, unablässig. Und wer weiß, was noch kommt. Auch in Spanien und Italien planen Frauen, Initiativen wie "Pinkstinks" zu initiieren. Und mittlerweile haben Sie aus wohl allen lateinamerikanischen Ländern Zuschriften, in denen Sie um Unterstützung gebeten werden, weil der Wahn, jung, dünn und operiert zu sein, die Mädchen in immer größerer Zahl krank macht.

Da sieht man mal, was so eine wütende Mutter bewirken kann! Ich bin begeistert! Vor allem begeistert mich, dass Sie so viel Unterstützung erfahren und immer mehr Leute sich anschließen. Außer der Dame natürlich, die den Beauty-Salon für Kinder eröffnet hat. "Monaco Princesse" heißt er und steht in München. Da sieht man mal, wohin es führt, wenn Kinder "fachgerecht" an das Frausein herangeführt werden.

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insgesamt 232 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gut zu lesen...
yast2000 30.09.2012
Frau Burmester wird einmal das historische Verdienst zukommen, sich als erste deutsche Intellektuelle intelligent und kritisch mit dem eigenen Geschlecht auseinandergesetzt zu haben. Respekt!
2. ...
Scheidungskind 30.09.2012
Zitat von sysopWenn ein Beauty-Salon in Deutschland fünfjährige Mädchen zu Schönheits-Sklavinnen erziehen will, dann stimmt was nicht mit unserem Frauenbild. Zum Glück gibt es Menschen, die gegen diesen sexistischen Schrott vorgehen - und vor allem gegen frauenfeindliche Werbung. Silke Burmester über Stevie Schmiedel und die Kampagne Pinkstinks - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-stevie-schmiedel-und-die-kampagne-pinkstinks-a-858638.html)
Liebende Eltern bewirken 1.000 mal mehr als eine wütende Mutter. Aber sie haben schon recht: Da wo die Erziehung immer leistungsorientierter und weniger kindgerecht wird, müssen Druck und Verbote für alle her, um die schlimmsten Auswüchse fehlender seelischer Stabilität bei den nachwachsenden Generationen im Nachhinein zu bekämpfen.
3.
T&T 30.09.2012
Zitat von sysopWenn ein Beauty-Salon in Deutschland fünfjährige Mädchen zu Schönheits-Sklavinnen erziehen will, dann stimmt was nicht mit unserem Frauenbild. Zum Glück gibt es Menschen, die gegen diesen sexistischen Schrott vorgehen - und vor allem gegen frauenfeindliche Werbung. Silke Burmester über Stevie Schmiedel und die Kampagne Pinkstinks - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-stevie-schmiedel-und-die-kampagne-pinkstinks-a-858638.html)
Ohje Frauen haben ja zum Teil sehr starke Komplexe mit ihrem Geschlecht. Meine Freundin hat sich über das Mädchen Ü-Ei gefreut, dass ich ihr mitgebracht habe. Und mich hat es gefreut, dass sie keine Probleme mit ihrem Frausein hat und dazu steht!
4. Von wegen Magersucht
abominog 30.09.2012
Also ich bin für Schönheitsideale, ich bin für Misswahlen und ich bin für Feminität. So nebenbei bin ich selbstverständlich auch für Fitness, ich bin für Misterwahlen und für Maskulinität. Wo liegt das Problem? Gibt es eigentlich eine offizielle amtliche Statistik, wieviele Jugendliche bereits unter Anorexia oder Adipositas leiden? Sowas würde mich im Vergleich echt mal interessieren! Attraktivität setzt sich immer durch. Das war so, das ist so und das wird auch immer so bleiben. Hoffentlich.
5. Ironie?
krather 30.09.2012
Ich hoffe der Artikel war ironisch! Man kann es auch überrtreiben mit dem Steinzeitfeminismus, die Sportschauwerbung ist lustig und wer schickt den die 5-15 jährigen Kids in so einen Salon?? Es sind dieMütter und nicht die Väter! Und dem Schönheitsdiktat unterwerfen sich mündige, intelligente, erwachsene Frauen doch selbst liebend gern. Es gibt dafür keinen Zwang, und außerdem ist es auch nicht negativ auf seinen Körper u. sein Äußeres zu achten. Hier schrieb mal wieder eine fehlgeleitete Feministin der ersten Stunde. Zum Glück ticken die Mehrzahl der Frauen komplett anders. Ihr verdient euer eigenes Geld, habt alle Freiheiten und Rechte, warum also unterwerft ihr euch diesem Schönheitsdiktat??? Freiwillig macht ihr das, denn ihr seid so...
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