S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Verehrte Langfinger!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Telefon, Geld, EC-Karte, Schlüssel, Ausweise - alles weg! Wisst ihr elenden Taschendiebe eigentlich, dass wir im Zeitalter moderner Speicher- und Kommunikationsgeräte leben? Dass so ein Taschenklau den Menschen heute als beziehungsloses Häufchen Elend hinterlässt? Na, schönen Dank!

Kennen Sie das, dass der Steuerberater sein Honorar anmahnt? Als meiner das letzten Monat tat, war ich gerade in England, hatte keine Tan-Nummern für Online-Überweisungen dabei und eine gute Ausrede, das Geld, das ich eh grad nicht hatte, zurückzuhalten. Irgendwann fragte der Herr erneut nach der Überweisung seiner Gebühren und da ich dachte, er kann ja nichts dafür, dass mein Konto eine Rotphase durchlebt, überwies ich brav eine Summe, die meinen Kontostand in den Bereich bringt, wo der Geldautomat nix mehr ausspuckt. Ein Umstand, der ein Gefühl der Ohnmacht und Abhängigkeit auslöst. "Ist ja nur Geld!" - pflege ich in solchen Situationen zu denken, um die Leichtigkeit zurückzugewinnen. Ist ja nur Geld. Nicht wirklich Wichtiges. Nicht Leben, nicht Liebe. Nur Geld. Ersetzbar. Da oder nicht da, wo ist schon der Unterschied? Irgendwann kommt ja wieder was.

Sie sehen, ich versuche, das Leben leicht zu nehmen, nicht zu viel Gewicht auf Dinge zu legen, die am Kern des Eigentlichen vorbeigehen.

Am Mittwoch nun traf ich mich mit zwei Kollegen von Freischreiber, dem Berufsverband freier Journalisten, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. So ein Einsatz muss sein, sich mit unguten Gegebenheiten abzufinden, ist der falsche Weg. Wir setzten uns in ein Café an der Alster, um zu besprechen, was wir tun wollen, in Anbetracht einiger Verlage, die sich dumm und dämlich verdienen, die Freien aber für einen Hungerlohn arbeiten lassen.

Und dann kamen sie.

Und nahmen mir meine Tasche. Und gaben mir die Gelegenheit, über mein Leben nachzudenken. Mich zu fragen, ob das alles gut ist, so wie es ist. Oder ob ich nicht vielleicht zu sehr an Dingen festhalte, die nicht wichtig sind. Der Zufall unterstützt sie in diesem Akt meiner Persönlichkeitsentwicklung, denn ich hatte an diesem Tag ALLES in meiner Tasche. Und ich meine ALLES. Die EC-Karte UND die Kreditkarte. Den Ausweis UND den Reisepass. Das Telefon mit all seinen Nummern, privat und beruflich, UND den Timer, in den ich seit 15 Jahren Adressen und Telefonnummern eintrage. Alle Schlüssel. Von zu Hause. Vom Büro. Vom Auto. Vom Fahrrad. Außerdem die BahnCard, die Krankenkassenkarte, den Presseausweis, den Führerschein, den Fahrzeugschein. Und ja, die Tan-Nummern auch.

Eben noch ein Mensch. Und jetzt?

So ein Taschenklau bringt einen von 100 auf 0. War man eben noch ein Mensch mit einem funktionierenden Drum und Dran, mit einer Wohnung, einem Arbeitsplatz, Geräten, die autonomes Handeln ermöglichen, ermöglicht so ein Taschenklau, sein Ich ganz neu zu erleben. Man steht in der Polizeiwache, es ist 19.30 Uhr, und es wird deutlich, was dieser Klau bedeutet, zumal gerade alle Menschen, mit denen man zusammenwohnt, weit, weit weg sind: Man kommt nicht mehr in seine Wohnung. Nicht ins Büro, um den Rechner rauszuholen, bevor Sie es tun. Man kann niemanden anrufen, der vielleicht einen Schlüssel hat, weil man kein Telefon hat.

Stellen die netten Polizisten einem ein lustiges Gerät mit großen Tasten zur Verfügung, hat man keine Nummern. Man kommt von der Polizeistation nicht nach Hause, weil man das Fahrrad, das am Büro steht, nicht nehmen kann, weil die Schlüssel weg sind. Man kann sich kein Stadtrad ausleihen, weil man keine EC-Karte mehr hat und kein Telefon mit dem man eines auslösen könnte. Man muss schwarzfahren, weil man kein Geld mehr besitzt, um eine U-Bahn-Karte zu kaufen. Neues Geld kann man nicht holen, weil die EC-Karte weg ist und die Ausweispapiere auch. Das Auto kann man nicht nehmen, weil der zweite Schlüssel in Irland unterwegs ist.

Also fährt man schwarz, hat das Glück, dass die Nachbarin mit dem Ersatzschlüssel zu Hause ist und sitzt in einer Bude, vor einem Festnetztelefon, das man nicht zum Klingeln bringen kann, weil weit und breit keine Nummern sind, die man wählen könnte. Und der Computer, der übers Internet die eine oder andere Nummer liefert, ist im Büro, das man nicht mehr aufschließen kann. Und dann wird klar, wie bescheuert es ist, ein Leben diesen kleinen Geräten anzuvertrauen und was für ein Gefühl von Sicherheit es gibt, telefonieren zu können. Man merkt das, wenn man es nicht mehr kann und erinnert sich all die Male, als man auf der Straße oder in der U-Bahn zum Telefon griff, anstatt einfach mit sich allein zu bleiben: Man vergewissert sich. Man schafft sich die Sicherheit, in einem Netz aus Beziehungen zu leben, nicht allein zu sein.

Beklautwerden als Chance

Auch ich bin nicht ganz allein, ein Freund leiht mir 100 Euro und bietet an, noch mehr zu überweisen. Doch was soll das bringen, wo doch alle Konten gesperrt sind und man bis Montag keine neuen Ausweispapiere beantragen kann, weil man zu Hause sitzt und darauf wartet, dass die Hausverwaltung die Schlösser austauscht und man berufliche Termine hat, die sich nicht verschieben lassen? Also schleicht man vor den Terminen in die Drogerie und tuscht verstohlen die Wimpern, weil man sich nicht traut, das Geld, das für vier Tage reichen muss, für Schminke auszugeben, denn natürlich war auch die gesamte Kosmetik in der Tasche. Man ist ja Frau.

Um jetzt doch noch mal eine andere Ebene einzuziehen, ihr elenden Kerle: Ich habe seit Mittwochabend ununterbrochen Migräne. Ich kann meine Arbeit nicht vernünftig tun, weil ich in Gedanken woanders bin und der Kopf so schmerzt. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich rede wirr. Denn es hat mich erschüttert. Euer Handeln hat mich erschüttert. Es wirft mein Leben in all seinen Gepflogenheiten durcheinander. Ich merke, wie wuschig es mich macht, nicht telefonieren zu können. Freunde nicht anrufen zu können, weil ich ihre Nummern nicht habe. Die Überlegung, wie lang es dauern wird, diese wiederzubeschaffen, weil ich denen, von denen ich keine E-Mail-Adresse habe, nicht einmal eine Postkarte schicken kann, weil auch die Anschriften im Filofax waren.

Und dann das Geld. Das Telefon und die Brille allein liegen bei rund 1000 Euro. Der Filofax wird wohl durch ein Ringbuch ersetzt werden müssen, die Kosten für den Wechsel der diversen Schlösser und die neuen Schlüssel sind noch nicht abzusehen. Die für den Ersatz der Papiere auch nicht. Ich bin nur froh, wenigstens vorher noch den Steuerberater bezahlt haben und denke mir, es ist ja nur Geld. Es ist nur Geld. Nur Geld.

Ich denke an die Buddhisten mit ihren Sandmandalas, riesige, facettenreiche Bilder, in Tagen der frimeligen Kunstfertigkeit gekrümelte Darstellungen aus Sand, die kurz nach ihrer Vollendung von ihren Erschaffern verwischt werden, um das Loslassen zu lernen. Ich denke: "Es ist nur Geld". Das Konto richtig böse im Minus, was sind da ein-, zweitausend Euro mehr? Ich wiederhole diesen Gedanken wie ein Mantra, aber es erreicht mich nicht. Es will sich keine Beruhigung einstellen. Ich denke an die Arbeit, die es machen wird, all die Dinge neu zu beschaffen. Die Ausweispapiere und die Telefonnummern, die BahnCard und eine neue Brille.

Und während meine Gedanken unablässig kreisen und die Kopfschmerzen nicht weniger werden trotz der Tabletten, stelle ich fest: Ich hänge noch zu sehr am Materiellen. Binde mich zu sehr. Bin nicht frei und offen für das Neue. Ich merke, dass die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung, die ihr mir durch euer Handeln eröffnet habt, sich noch nicht in ihrer Gänze entfalten will. Es ist wie ein Schatz, den ich noch nicht entdeckt habe. Wie Kinder, die beim Topfschlagen blind mit dem Kochlöffel in der Luft rumhauen, so habe auch ich das Geschenk, das ihr für mich in der Tat des Diebstahls verborgen habt, noch nicht gefunden. Ich werde noch mal in mich gehen und versuchen, dahin vorzudringen.

Ich weiß, verehrte Taschendiebe, so eine Gelegenheit bekommt man nicht oft im Leben. Man sollte sie nutzen.

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insgesamt 129 Beiträge
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1. Beileid...
vhe 02.06.2013
Mir reicht es schon, wenn ich Portemonnaie oder Handy daheim hab liegenlassen. Hier 2 Tipps: - Es gibt Hosentaschen. Handy, Portemonnaie und Schlüsselbund sind da sicher besser aufgehoben als in einer Tasche, die man jederzeit irgendwo liegen- oder sich klauen lassen kann. - Die Handydaten kann man sichern. Am PC daheim oder beim Mobilfunkanbieter.
2.
hador2 02.06.2013
Sowas ist ärgerlich, keine Frage...aber: Wer seine TAN Nummern in der Handtasche mit sich rumträgt, der braucht sich nicht wundern wenn einem irgendwelche Leute das Konto leer räumen. Ich nehme mal an die Pin ihrer EC Karte haben sie netterweise direkt auf die Rückseite geschrieben, oder?
3. Auf die 12
oannes 02.06.2013
War mal in Mexico in der gleichen Lage: Alles weg. Geld, Pass, Kamera, etc. Mitten in der Pampa, auf dem Weg nach Guatemala. Irgendwie noch nachvollziehbar, dass es dort Leute gibt, die Touristen abzocken. Hier, in München, wurden mir im Lauf der Jahre schon 8 (!) Fahrräder geklaut (Trotz Schloss). Da kommen schon mal Mordgelüste auf. Sollte ich mal einen Dieb auf frischer Tat ertappen, gibt es ordentlich auf die 12! Das ist sicher!
4.
McMacaber 02.06.2013
Einfach nicht beklauen lassen. Der Großteil der Langfinger sind Amateure. Die greifen sich die einfache Beute. Wie man sich davor schützt sagt der einfache Menschenverstand, alternativ ein Info-Termin der Polizei. Die wenigen Meisterdiebe sind eher selten anzutreffen aber dann dort, wo sich die Skills rentieren.
5. Eine Chance...
luna87 02.06.2013
Selten einen so guten SPON-Beitrag gelesen. Zum einen herzliches Beileid und viel Gelingen beim Wiederbeschaffen der vielen Habseligkeiten, die uns als modernen Indiviualisten definieren. Unser Leben strukturieren und ihm Form verleihen. Und wenn das Smartphone, die vielen Karten, Kontakte und Ausweise weg sind? Ist man doch wieder nur auf sich als normalsterbliche Existenz zurückgeworfen und wird sich des künstlichen Konstrukts des globalen allzeit erreichbaren und immer vernetzten Menschens bewusst. Natürlich nur sehr schwer bis nicht umgängliche Realität - jedoch wünschenswert? Sehr lobenswert und tiefsinnig, diesen unsinnigen und einfach bescheuerten Diebstahl als Chance zu sehen.
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