S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Hier bleibt kein Auge trocken

Eine Kolumne von Silke Burmester

Es war eine harte Woche für das sogenannte starke Geschlecht: Thomas Schaaf verlässt Werder Bremen, Angelina Jolie hat sich von ihren wunderschönen Brüsten getrennt - und dem Seehofer Horst geht es auch nicht gut. Zeit für einen tiefen Blick in die männliche Seele.

Weinende Männer!

Es ist so schön, wenn Männer Gefühle zeigen! Und diese Woche waren es ihrer, also der gefühligen Männer, so viele!

Zumal es rund um Ihren Lieblingssport, den Fußball, so traurig wurde. Trainer Thomas Schaaf verlässt Werder Bremen. Mehr als diese Nachricht braucht es nicht und dieses kalte, herzerbärmlich durchkalkulierte Leistungs- und Profituniversum "Fußball" wird einmal mehr zum Hort der Emotionen. Dort, wo sonst der Feuereifer der Mannschaft brennt, brennt aktuell der Schmerz des Abschieds. Da rannen den Spielern Tränen herab, laut "Bild"-Zeitung wurden auch welche "verdrückt". Und auch "11 Freunde" findet einen Weg, dem Nass im Auge Ausdruck zu geben: "Schnüff!"

Christliches Miteinander gegen alle Widerstände

Oder nehmen wir den Seehofer Horst. Bevor er dazu antrat, konservative Kollegen als "Loser" zu beschimpfen, musste er sich in Bezug auf die Journalisten die Last von der Seele reden. Und so hat er einfach mal in die Mikrofone geweint, weil die, die die Mikrofone halten, so gemein sind. Zu ihm und seiner schönen Bayern-Partei. Einer Partei, die so viel Gutes will. Für Deutschland. Seine Bürger. Seine Bayern. Für ihre Abgeordneten. Und deren Familienmitglieder. Die CSU ist eben eine Partei, die Verantwortung, die die Verantwortung für ihre Mitglieder, ernst nimmt. Da wird keiner im Regen stehen gelassen. Da werden alle unter dem Rettungsschirm der Festanstellung zusammengehalten. Fest hakt man sich ein, dass keiner zur Seite weg rutscht und alle gut versorgt sind. Das ist christliches Miteinander. Das ist für einander da sein. Das ist Gemeinschaft.

Aber das will ja keiner sehen. Schon gar keiner von dieser unchristlichen Journalistenmeute, die laut Seehofer zu einer "Treibjagd" blasen und die ihm, dem Seehofer Horst das Leben schwermachen. Weil sie es sich nicht gefallen lassen, wenn der CSU-Sprecher beim ZDF anruft und Einfluss auf die Berichterstattung nehmen will oder ihn, den Seehofer fragen, ob er oder seine Frau von der Verwandtenbeschäftigung in der CSU gewusst haben. "Wir lassen nicht mit uns Schlitten fahren!", hat er jetzt gerufen und - zumindest wohl in Gedanken - die Faust in die Luft gehalten.

Jolies Brüste weg - welch ein Frevel!

Und erst die Tränen, die weltweit diese Woche geweint wurden im Angesicht von Angelina Jolies Brüsten, die nun nicht mehr da sind! Nur wenige werden ihrer leibhaftig ansichtig geworden sein, aber etlichen Herren sind die Augen feucht geworden bei der Vorstellung, dass ausgerechnet bei so einer schönen Frau der Inbegriff des Weiblichen weg sein sollte! Die erste Anlaufstelle für tastende Herrenhände wenn es beim Küssen weitergehen soll. Welch ein Frevel, welch ein Verlust!

Aber auch aus dem Verteidigungsministerium drangen Klagelaute in die Welt. Jahrelang haben Tüftler und Militärs von der größten Aufklärungsdrohne der Welt, dem tollsten Ausspionierungsding, dem Erfasser aller Elektrosignale, der "Euro Hawk" geträumt. Bei Tag und bei Nacht - kaum haben sie die Augen zugemacht, ist das unförmige Fluggerät, das scheinbar ohne designkundliche Beratung entwickelt wurde, in seiner mausoleumsgrauen Couleur vor ihnen aufgestiegen und dann, ja dann... dann ist irgendjemandem aufgefallen, dass es gar keine Zulassung für den europäischen Luftraum gibt. Und während eben noch die Augen feucht vor Glück waren, fallen nun die bitteren Tränen der Enttäuschung auf die Millitärbaumwollbrust. Ein dreistelliger Millionenbetrag, jahrelange Träume vom perfekten Datenstaubsauger, vom Ausspionieren des Bösen, davon herauszufinden, wo das Übel seine Radargeräte aufgestellt hat, seine Flugabwehr und sein UKW-Empfangsgerät, um anschließend alles kaputt zu schießen - wie schön hätte das sein können! Aber nein, irgend so ein Schreibtischsoldat hat übersehen, mal zu gucken, wie das eigentlich so geht mit der Drohne im Luftraum und dass die ja vielleicht eine Zulassung braucht. Nun ist der Drohnentraum geplatzt, und wenn es doch einen Moment des Gemeinsamen gibt, dann die Vereinigung seiner Väter im Schmerz.

Und dann auch noch Hipster-Mode für Obdachlose

Ganz anders Mike Jeffries, dem wohl ganz allein zum Heulen sein wird, in Anbetracht der Tatsache, dass seine Kleidung nun von Obdachlosen getragen wird. Abercrombie & Fitch heißt die Marke des Unternehmers, der seine Textilien nur an schlanke, gut aussehende Menschen verkaufen möchte und nun zusehen muss, wie weltweit Leute seine Klamotten an Obdachlose weitergeben, um seine menschenverachtende Absicht zu unterlaufen. Dabei haben die Tränen im Gesicht des 68-Jährigen immerhin ein leichtes Spiel. Weil es so gut wie keine Falten aufweist, nimmt die Flüssigkeit quasi ungebremst und ohne Verlust ihren Lauf über die üppigen Polster und ungewöhnlichen Ausformungen im Gesicht des Unternehmers, der sich bereits einem Verfahren wegen Rassendiskriminierung stellen musste und 40 Millionen Dollar Entschädigung zahlte.

Kommt nicht in die Tüte

Aber auch in Eppelheim bei Heidelberg ist Gesichtsniederschlag angesagt. Und zwar ausgerechnet dort, wo man die Sonne in Tüten packt, beim Hersteller von Capri-Sonne. Die Verbraucherinitiative Foodwatch hatte Capri-Sonne Geschmacksrichtung Orange als Kandidaten für die dreisteste Werbemasche im Bereich der Kinderprodukte nominiert, weil sie mit 6,5 Zuckerwürfeln pro Einheit "Dickmacher ersten Ranges" sei. Auch Pom-Bär und der Pudding "Paula" waren im Rennen. Dass die Verbraucher trotz der starken Konkurrenz für den Saftbeutel votierten, ist für die Geschäftsführer ja schon mal ein guter Grund, traurig zu sein.

Das muss man sich mal vorstellen: Da kaufen sie nur die besten Früchte, schleppen das Zeug heran und pressen und pressen die Orangen, auf dass all das Gute aus der Frucht in den Alubehälter fließt, und dann kommt da so eine beknackte Organisation und nölt rum, Kinder würden durch hinterhältige Maschen zum Zuckerkonsum verführt. Da fühlt man sich auch als Herrscher über ein Sonnenreich nicht gern gesehen. Da hat man schon mal das Gefühl, nicht die Anerkennung zu bekommen, die einem gebührt.

Was dann aber das Fass zum Überlaufen bringt und die Emotionen dazu, sich über die Augen zu entladen, ist die Tatsache, dass die Verbraucher auch noch auf so jemanden wie Foodwatch reinfallen und "Capri-Sonne" als Produkt mit der dreistesten Werbelüge wählen, obschon man in den letzten Wochen versucht hat, richtig zu stellen, dass sich "Capri-Sonne" ja gar nicht an Kinder richtet. "Es ist nicht richtig, dass "Capri-Sonne" an Kinder vermarktet wird", hieß es in einer Mitteilung an die Presse. Die Menschen, die zum Beispiel auf der Homepage des Unternehmens das Getränk so begeistert in die Luft halten, sehen demnach zwar aus, wie das, was man gemeinhin als "Kind" wahrnimmt, seien aber in Wahrheit Erwachsene.

Auch hier zeigt das Unternehmen soziale Verantwortung: Für seine diversen Werbe-Images beschäftigt es Menschen, die an einer Fehlbildung leiden. Die zwar schon asbachuralt sind, aber wie Kinder aussehen. Wer früher bei der Aktion Sorgenkind Besen binden musste, bekommt bei den SiSi-Werken die Möglichkeit, als Werbeträger ein Auskommen zu sichern. Das muss man sich mal vergegenwärtigen. Und wenn man das tut, dann kann man auch verstehen, warum den Capri-Sonne-Herstellern so zum Heulen ist, wenn ihr Produkt jetzt mit dem "Goldenen Windbeutel 2013" ausgezeichnet wird.

Es war wirklich eine harte Woche, meine Herren. Erst die Brüste weg, dann auch noch der Schaaf und am Ende fliegt einem auch noch der gute Saft um die Ohren. Dass man da auch einfach mal nicht mehr kann, und dass Tränen fließen, das kann, so glaube ich, jeder verstehen. Und das ist gut so. Denn nichts ist so schlimm wie aufgestaute Gefühle. In diesem Sinne meine Herren, lassen Sie es raus! Lassen Sie es fließen!

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Gut das es diese Emotionen gibt
sukowsky 19.05.2013
Gut das es diese Emotionen gibt. Sie müssen immer wieder von uns nach außen Entweichen können und zur Entspannung führen. Das ist wahres Menschsein. Wir sollten diese unseligen Sprüche vergessen, hart wie Kruppstahl............. Manchmal ist es auch gut weniger Nachrichten zu lesen oder schauen!
2. Sollte witzig sein, Frau Burmester?
spiekr 19.05.2013
1. Guter Humor basiert auf Selbstironie (die im Artikel fehlt), wie sie von guten (95% männlichen) Komikern lernen können. 2. Nehmen sie das andere Geschlecht auch die nächsten Jahre wie es kommt ohne an der Andersartigkeit des anderen zu leiden.
3. Schnauze halten, Männer!
kayhawai 19.05.2013
Nachdem uns Sibylle Berg in ihrer Kolumne gerade klar gemacht hat, dass es chauvinistisch, anmaßend und schlicht völlig daneben ist, wenn Männer sich über das Seelenleben von Frauen auslassen, erklärt uns Silke Burmester jetzt die männliche Seele. Das lässt nur einen Schluss zu: Frauen wissen, können und durchschauen alles - Männer eben nicht. So einfach ist die feministische Welt. Also Männer: Demütig das Haupt geneigt und SCHNAUZE HALTEN!
4. Tränenmeer
to5824bo 19.05.2013
Zitat von sysopEs war eine harte Woche für das sogenannte starke Geschlecht: Thomas Schaaf verlässt Werder Bremen, Angelina Jolie hat sich von ihren wunderschönen Brüsten getrennt - und dem Seehofer Horst geht es auch nicht gut. Zeit für einen tiefen Blick in die männliche Seele. Silke Burmester über weínende Männer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/silke-burmester-ueber-weinende-maenner-a-900603.html)
Ach, es wurde (und wird) doch noch viel mehr geweint. Vorletzten Samstag Uli Hoeneß bei der Meisterfeier auf der Tribüne. Gestern Jupp Heynckes bei der Pressekonferenz in Gladbach. Zuvor unter der Woche David Beckham in Paris. Gestern wiederum ganz Düsseldorf nach dem Abstieg. Und ganz sicher werden am kommenden Samstag in Wembley wieder jede Menge Männer heftig schluchzen (ich hoffe, der Jupp H. und der Uli H. sind wieder dabei...). Das wird auf jeden Fall ein Tränenmeer. Da könnte Frau Burmesters Blick in die männliche Seele noch weit tiefer dringen.
5. Erst
Steinwald 19.05.2013
Erst der Männer-Text von Frau Berg, jetzt der von Frau Dings, man hat den Eindruck, die Damen seien regelrecht besessen von uns Männern. Ich verstehe das. Irgendwie hat dieses Abarbeiten an uns sowas Pubertäres, das erinnert schwer daran, wie 14jährige immer über die Eltern maulen, daß sie jetzt auch mal Bier trinken wollen etc... Jaaa....Mädels. Ist ja gut. Ich schlage vor, Ihr werdet erwachsen und kümmert Euch dann einfach mal um die richtigen und wichtigen Fragen. Ansonsten dürft Ihr aber gerne weiter über uns meckern, in echt ist das ja nur ein Zeichen dafür, wie sehr Ihr noch wachsen müßt, bis wir auf Augenhöhe sind. Aber das wird.
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