2020 - Die Zeitungsdebatte

Die Friedhofsverwalter

Zeitungen seien selbstzufriedene, genügsame Monster, meint die Journalistin Silke Burmester. Gute Geschichten finde und lese sie vor allem im Netz - aber diese Kreativität verpuffe zu häufig, während der Zeitungsleser nicht mal ahne, was er verpasst.

Ich bin Journalistin. Klar, lese ich jeden Tag Zeitung. Eigentlich. Tatsächlich wird es jeden Tag weniger. Es ist das eindeutigste Gefühl vom Anachronismus des Mediums - am Morgen mit Meldungen konfrontiert zu werden, die gestern schon durch waren. Durch heißt: aufgegriffen, hochgeworfen, die Einzelteile nach dem Aufschlag analysiert. Im Internet, dem Medium, das heute berichtet, nicht morgen.

Die "taz" kommt noch täglich. Das "Süddeutsche"-Abo habe ich auf das Freitag-Samstag-Angebot reduziert. Drei Monate hat es gedauert, bis ich mich getraut habe, bei der Abo-Abteilung anzurufen, so schäbig habe ich mich gefühlt, so leid tut es mir, dass es heißt: "Wieder eine weniger."

Ich habe Zeitungen immer gemocht, und ich möchte sie weiter mögen, doch ich fühle mich von ihnen allein gelassen. Sie tun nichts dafür, dass ich sie mögen muss. Dass ich sie haben will. Sie sind ein selbstzufriedenes, genügsames Monster. Sie sind wie ein reicher, alter Mann, der meint, sein Geld genüge schon, damit die Weiber um ihn herumhüpfen.

Ehrlich gesagt, ich bin sauer auf die Zeitungen. Sauer, dass sie es sich und mir erlauben, ohne sie auskommen zu können. Warum schaffen sie es nicht, dass ich morgens die Treppe runterlaufe, gespannt, was sie heute wieder für mich haben? Warum schaffen sie es nicht, eine Wundertüte zu sein, die nicht in den Händen zu halten, ein Verlust ist? Deren einzelne Ausgabe man aufheben will, weil sie wieder mal so großartig ist?

Besser als schlimm reicht nicht

Weil die Redaktionen, weil die Chefs noch immer nicht begriffen haben, dass sie Teil eines kreativen Berufsfeldes sind. Sie begreifen sich noch immer als Nachrichtenverwalter und Schönschreiber. Sie haben nicht verstanden, dass das im Zeitalter des Netzes nicht mehr reicht. Eine Zeitung muss mehr sein als eine Kuh, die frisst, wiederkäut und ausscheidet. Eine Zeitung muss etwas Lebendiges sein. Etwas, das - bei aller Lesegewohnheit und bei allen Standards - morgen anders aussieht als heute. Sie muss knallen, sie muss überraschen. Aktuell kann man 50 Ausgaben einer beliebigen Seite einer beliebigen Zeitung nebeneinander legen und lediglich die Fotoauswahl lässt eine Unterscheidung zu. Keinem Beteiligten scheint es erlaubt gewesen zu sein, das Thema tatsächlich auf-zu-arbeiten. Es aufzubrechen, sich damit auseinanderzusetzen, etwas mit ihm zu machen. Grafiker sind Kästchenverschieber, oft genug sind mittlerweile die SchreiberInnen diese Kästchenverschieber. Ihnen wird die Langeweile in der Jobbeschreibung zwangsverordnet.

Ich dachte, ich mag die "SZ" so gern. Sonnabends sind die Wochenend-Seiten drin, mehr Zeit habe ich dann auch, also ist gut, das Wochenend-Abo beizubehalten. Tatsächlich wandert gerade der Extra-Teil immer häufiger ungelesen ins Altpapier. Auch hier will mich keiner überraschen. Wie Grabplatten liegen die Artikel in ihrer gestalterischen Uninspiriertheit auf dem zehn-Seiten-Friedhof. Die Themen sind so aufregend wie Brause, die zu lange steht. Dabei ist es schon besser geworden. Doch besser als schlimm reicht nicht. Es geht nicht um besser. Es geht ums Überleben.

Es geht auch anders

Ausgerechnet die "taz", dieses so häufig in seiner Existenz bedrohte Blatt, hat es geschafft, mit seiner kürzlich gerelaunchten Wochenendausgabe sonnabends etwas vor die Tür zu legen, das ich mit Vorfreude in die Hände nehme. Leider wurde die Neuausrichtung nicht genutzt, originelle Rubriken und schreiberische Spielplätze zu kreieren, doch sie schafft es, zu überraschen. Durch Themen, Autoren, Herangehensweisen, Herzblut. Ich habe beim Lesen das seltene Gefühl: Da steckt Liebe drin.

Die Zeitungsmacher vermitteln gern den Eindruck, alles zu tun, um das Sterben ihrer Blätter aufzuhalten und zeigen eine gewisse Hilflosigkeit, die wohl einen Mitnahmeeffekt wie bei rumänischen Straßenhunden auslösen soll. Dabei ist es ihre Angststarre, die die Misere so groß macht. Denn es ist ja nicht so, dass es sie nicht gibt, die guten Geschichten, die interessanten Schreiberinnen und Schreiber, die Leute, die kreuz und die quer denken. Doch die Verantwortlichen lassen es zu, dass die Kreativität im Netz verpufft. Anstatt die guten Leute aus dem Netz in die Zeitung zu holen, ihre Zeitung durch innovative Köpfe berauschend zu machen, sehen sie zu, wie das Internet zum kreativsten Platz der Welt wird. Und zum spannendsten. Denn etwas wie Standpunkt und Reibung macht den Zeitungsmachern von heute Angst. Ergo schaffen sie schlicht keinen Grund, ihre Zeitung zu kaufen - das Internet ist in jedem Punkt besser.

Dass es anders geht, hat die "Financial Times Deutschland" bewiesen. Mit ihrer letzten Ausgabe. Diese letzte Ausgabe war alles, was eine Zeitung - abgesehen vom schließungsbedingten Mangel aktueller Themen - sein soll. Sie war angstfrei, bunt, unvorhersehbar, gewagt, originell und vor allem persönlich. Die Menschen hinter der Zeitung sind sichtbar geworden in ihrem Umgang mit dem schwierigen Thema einer letzten Ausgabe. Das war echt, das war authentisch, das war spannend. Daran kann man sich reiben.

Wenn die Macht der Anpassung so weiter wirkt, wenn die Zeitungen weiter von den Langweilern der Mittelmäßigkeit verantwortet werden, wird für die meisten Blätter bald die letzte Ausgabe gekommen sein. Es wäre schade, wenn dies die beste Ausgabe ihrer Existenz wäre.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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Zur Autorin
  • Eva Häberle
    Silke Burmester ist freie Journalistin und schreibt seit bald 20 Jahren zum Thema "Medien". Jeden Mittwoch berichtet sie in der "taz" als "Kriegsreporterin" vom Kampfgeschehen an der Medienfront. Als SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin rühmt sie sonntags die "Helden der Gegenwart". 2012 ist ihr Pamphlet gegen die Hysterie der Nachrichtenmacher "Beruhigt Euch!" bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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