Foto-Fundstücke aus dem Stasi-Archiv Schnüfflers Kostümparty

Privatfotos von Schaumweinpartys und spaßige Ordensverleihungen: Der Berliner Künstler Simon Menner hat im Stasi-Archiv jede Menge gruselig-komisches Fotomaterial gefunden.

Simon Menner/ BStU 2013

Zur Konfrontation der Stasi-Leute mit ihren Opfern kam es bei einer Geburtstagsfeier. Hier standen die Funktionäre und die offiziellen Mitarbeiter, denen das Ausspionieren ihrer Landsleute Profession war. Dort die zersetzerischen Umwelt- und Friedens-Aktivisten mit ihren bunten Buttons am Revers. Die Sportler, denen es bei auswärtigen Wettkämpfen durch den Kopf flauste, dass ein Leben "drüben" auch ganz kurzweilig sein könne. Und, sogar im Ornat, die Kirchenleute, die stets ein offenes Ohr hatten für Ausreisewillige und Dissidenten.

Und dann das: Heitere Gesichter bei Spionen und Ausspionierten. Austausch von Geschenken und Zuprosten mit Schaumwein. Herzliches Einvernehmen auf beiden Seiten.

Des Rätsels Lösung ist: Verkleidung. Die Fotos dieser Täter-Opfer-Gemengelage entstanden bei der Geburtstagsparty eines hochrangigen Stasi-Funktionärs. Die meisten Teilnehmer waren in den Outfits derer erschienen, die bevorzugt im Visier der Staatssicherheit standen. Reichlich absurde Bilder sind das, und manch verrutschtes Lächeln deutet an, dass zumindest einigen Jubelfestgästen die zynischen Aspekte der Kostümierung nicht entgangen waren.

Pelzmütze tief ins Gesicht

Ans Licht gebracht hat diese Aufnahmen Simon Menner. Er entdeckte sie bei seinen Recherchen in der Bundeszentrale für die Stasi-Unterlagen. Zwei Jahre lang hat er dort nach Bildern gefahndet, die die Arbeitweise der Staatssicherheit dokumentieren. Die eigenwilligsten Fundstücke hat der Berliner Künstler nach den Kategorien "Anleitungen", "Operationen" und "Innere Angelegenheiten" sortiert und im gerade erschienen Fotoband "Top Secret" veröffentlicht.

Einige der abseitigsten Bilder sind bei Verkleidungsseminaren für angehende Stasi-Mitarbeiter entstanden. Sie sollten zu Demonstrationszwecken festhalten, was eine anständige Tarnung ausmachte: Die Pelzmütze tief ins Gesicht ziehen und den Gesichtsrest mit Goldrand-Sonnenbrille und falschem Schnauzbart camouflieren! Dabei kommt die Maskerade dem Klischeebild des Ostblockspions so nahe, als wäre den Stasi-Mannen ernsthaft die Tarnung als KGB-Spion empfohlen worden.

Bei der Aufmachung vom Typ "Muttersöhnchen mit Unschuldsmiene" sollte der viel zu große Hemdkragen blusenartig über die penibel zugeknöpfte Strickjacke lappen und die Haare wurden zur Mädchenfrisur gestylt, wie sie in den Tanzkursen der siebziger Jahre die schüchternsten Jungs trugen.

Polaroids vor der Wühlerei

Und das Modell "Westtourist" erleichterte es, sich an echte Westler ranzuwanzen. Obligatorisch für das Touri-Outfit waren Kamera und Einkaufstüte. Posierten die Stasi-Verkleidungsvorführer sonst stocksteif, als pressten sie sich innerlich ächzend in die stereotype Kontur hinein, ließen sie als BRDler mit freudigem, fast groovigem Ausdruck in den klassenfeindlichen Individualismus hinein.

Auch als Hilfsmittel bei Einsätzen vor Ort mussten Fotografien herhalten. Brachen die Stasi-Schnüffler in Wohnungen ein, dann hielten sie die Arrangements in Schlafzimmern, auf Schreibtischen oder Regalen mit Polaroidkameras fest. Die Bilder halfen, nach den Durchsuchungen alles wieder unberührt aussehen zu lassen, während sich in Wirklichkeit der lange Arm des DDR-Unterdrückungsapparats bis in die schmutzige Unterwäsche der Observierten hineingewühlt hatte.

In solch hinterhältiger Mission entstanden mitunter Aufnahmen mit durchaus ästhetischer Anmutung. Das Foto eines ungemachten Bettes könnte als früher Wolfgang Tillmans durchgehen oder unauffällig in einer Nan-Goldin-Diashow eingebaut werden. Allerdings geht es nicht wie bei Tillmans oder Goldin um die Ästhetisierung des eigenen Umfelds, sondern um knallharte Feindbeobachtung. Aber selbst wenn der Stasi-Knipser zwischen den Falten des Lakens Beweise für "politische Untergrundtätigkeit" oder "politisch-ideologische Diversion" (Stasi-Jargon) gesucht hat, vielleicht hat er sich dabei in den Dunstkreis eines lebenswerteren "Leben der Anderen" hineingeträumt.

Letztlich haben aber die Aufnahmen in Menners Skurrilitäten-Kompilation nicht nur zu massenhaften Intimsphärenverletzungen beigetragen, sondern in unzähligen Fällen zu Verhören, Verhaftungen und sozialem Ruin geführt. Weil hinter der Verkleidungskomik systematische Verfolgung Andersdenkender steckt, hätte man sich in "Top Secret" mehr Erklärung gewünscht als die knappe Einführung Menners und die wenigen Sätzen zu den verschiedenen Bildtypen. Ein Essay von einem Stasi-Experten wie etwa Ilko-Sascha Kowalczuk hätte helfen können, die realen Hintergründe der Stasi-Methoden zu beleuchten.

Dann hätte man vielleicht auch mehr erfahren über ein besonders merkwürdiges "Top Secret"-Fundstück: Mit der Schreibmaschine getippt, berichtet das Blatt von einem lustigen LPG-Vorsitzenden. Dieser habe sich beim Kauf eines Trabants über die vielen Aufpreise so geärgert, dass er beim Verkauf einer Kuh ebenfalls allerhand Extras veranschlagte: die Ausführung in schwarz/weiß, den Rindslederbezug und vier Zapfhähne à 35 Mark. Alles in allem: "Totalkuh in gewünschter Ausführung: 5920,- M".



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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 31.08.2013
1. na was denn?
Sicherheit ist doch DAS "Supergrundrecht" schlechthin, oder muss man da auf einmal differenzieren?
martinstuttgart 31.08.2013
2.
gibt es irgendwo mehr Bilder zu sehen?
ted211 31.08.2013
3. Briefkastenobservation
Briefkästen wurden überwacht, wenn daraus Sendungen von West-Agenten mit Geheimschreibmitteln (unsichtbare Tinte) gefunden worden waren. Dann gab es auch die Sonderleerung durch das MfS.
tetaro 31.08.2013
4.
Der Hamster ist ja gut. Wieviele Leute mögen wohl durch ihre Hamster ausspioniert worden sein?
MHD77 31.08.2013
5.
Zitat von martinstuttgartgibt es irgendwo mehr Bilder zu sehen?
Evtl. bei Monty Python. :-) Das Foto sieht John Cleese zum verwechseln ähnlich.
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