"Eine griechische Trilogie" am Berliner Ensemble "Ich hol schon mal die Säge"

Der Regisseur Simon Stone schlägt mit seiner "Griechischen Trilogie" den Bogen von der Antike in die Gegenwart - an den Tragödien interessieren ihn vor allem die Showelemente.

Thomas Aurin

Vielleicht sollte man zur Selbstberuhigung und zur Vermeidung schlafloser Nächte, in denen man versucht, philologische Knäuel zu entwirren - vielleicht sollte man sich an den Satz der Besucherin halten, die in der späten Nacht im Berliner Ensemble zu ihrer Freundin sagte: "Naja, man muss das alles auch nicht überinterpretieren..."

Recht hat sie, und es macht gar keinen tieferen Sinn, seiner Bildung auf die Sprünge zu helfen, auf dass man jedem, der etwas ratlos hier zwischen Antike und Gegenwart verloren geht, die lange Nase zeigen kann: Inge ist eben nicht Hekabe und Friedrich ist nicht Kadmos. Zumindest nicht immer. Wer unbedingt herausfinden will, wer denn da wen verkörpern könnte in Simon Stones "Eine griechische Trilogie", die der australisch-schweizerische Autor und Regisseur am Berliner Ensemble mit einem Staraufgebot in Szene gesetzt hat, wird scheitern, und er nimmt sich die Freude an einem wahren Schauspielerfest.

Stone hat sich einmal mehr bekannten literarischen Stoff hergenommen, um ihn zu "überschreiben", wie man sein Neudeuten gerne nennt, und ihn ohne Not und Respekt in die Neuzeit gewuchtet. Da hätten wir also einmal "Lysistrata", dann "Die Troerinnen" und schließlich "Die Bakchen", doch wo "Griechische Tragödien" draufsteht, ist bei Stone nun mal selten auch wirklich eine drin.

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Simon Stone am Berliner Ensemble: Bloß nicht überinterpretieren!

Er nimmt die Texte des Aristophanes und Euripides lediglich als Anregung, benutzt das Schicksal der Frauen - denn um die geht es hauptsächlich in den Jahrtausende alten Dramen -, um darüber nachzudenken, ob sich im Geschlechterkampf über die Zeit hinweg irgendwo ein Verlierer, eine Siegerin ausmachen ließe. Und kommt zu dem Ergebnis: Nein, lässt sich nicht - am Ende sinken zwar alle Männer blutgetränkt nieder, die Frauen können aber auch nicht so richtig froh werden ob ihres Triumphes über die Schweinehunde.

Denn um solche handelt es sich bei denen, die in Stones Fassung Thomas und Jakob, Uli und Michael heißen, die in modernen Straßenklamotten oder gleich nur lächerlich in Unterhosen daherkommen. Sie alle haben der Philippa, der Lina und der Natalie Übles angetan, und Stone braucht gar keinen Verweis auf die aktuelle Debatte, um zu zeigen, dass es noch nie mit gleichberechtigten Dingen zuging in dieser Welt.

Permanent wird im Parkett gegluckst

Seine Auseinandersetzung mit dem Altertum bleibt aber eine Mogelpackung. Alles, was da geschrieben stand, wird angedeutet: die sexuelle Verweigerung, der Wahn, die Stärke, die Klage, das Leid - man kann in den Szenen, die scharfe Blackouts trennen, die Versatzstücke finden, wenn man will, man kann es aber auch lassen. Dann sieht man hinter der Glasscheibe, hinter der Stone seine Schauspieler ausstellt, eigentlich nur Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Den allerdings finden die Zuschauer ungemein komisch - permanent wird im Parkett gegluckst und gekichert.

Nichts scheint lustiger als das heftige Missverstehen zwischen den Geschlechtern, selbst wenn es sich aus Untaten speist. Natürlich wird auch in unserer Zeit gedemütigt und vergewaltigt, auch heute können Männer ihre rüde Arroganz und offene Brutalität ("Ich habe sie sehr lange nicht geschlagen") ebenso wenig verstecken wie ihr Genital, das ständig ihrem Nachdenken in die Quere kommt. Natürlich baut sich da weiblicher Widerstand auf, der aus der anfänglichen Ohnmacht heraus zu einem wilden, gerechten Wüten wird.

Ob das nun Katharsis ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall wachen sie alle irgendwie auf, erkennen die Demütigung, die Herabwürdigung, begreifen, dass sie nur benutzt und nie verstanden wurden. Das finale Mittel ist das Abschlachten (auch das Verspeisen natürlich!) des entmachteten Geschlechts: "Was machen wir mit der Leiche?" - "Ich hol schon mal die Säge." So entsteht eine feministische Gemeinschaft.

Sattes Schlachtfest

Wenn es dazu kommt, im letzten Drittel des langen Abends, hat Stone ein wenig zurückgefunden zu den Alten, schwenkt ins Klassische ein, doch ist das dann nicht nur schwer zu verstehen (bei der Premiere krächzten die Mikroports arg), sondern auch mühsam nachzuvollziehen. Die einzelnen Geschichten, die er zuvor mit Rückblenden und Zeitsprüngen faszinierend parallel erzählt hat, will er nun zusammenführen, Familienbande sichtbar machen, Abhängigkeiten verdeutlichen, und lässt all das in ein sattes Schlachtfest münden.

Das Ungeheuerliche muss im Mord enden, auch wenn diese Konsequenz alles andere als heutig ist, vielmehr nur pflichtschuldig den antiken Vorlagen abgeguckt wurde und seltsam aufgesetzt wirkt.

Im Gegensatz zu den glaubhaften Episoden aus unserer Zeit, die eine Verzahnung mit den griechischen Vorlagen gar nicht nötig hätten. Es gibt ihn, den prügelnden Familienvater, die hysterisch dem Wohlstand Nachjagende, den Schänder im Verwandtenkreis, den potent-protzigen Saubermann, die verlachte Pummelige, den albernen Frauenversteher, die verstummte Leidende, den jammernden Verlassenen und die befreite Verlassende; es gibt die zum Schämen seichten Männergespräche und die himmelschreienden Geständnisse derer, die ihr Leben lang mundtot gemacht worden sind.

Alle spielen perfekt ihre Rollen - allerdings ohne wirklich anzurühren, aufzuwecken. Die Lust zu schauen löst den Wunsch nach Tiefgang bald ab: Stefanie Reinsperger, Caroline Peters, Constanze Becker, Carina Zichner, Martin Wuttke, Peter Luppa, Tilo Nest... Künstler der Extra-Klasse, denen die schick gedrechselten Dialoge von den Lippen zu fließen scheinen, die sich aber auch ausstellen wie Pretiosen an einem Abend, der auf jeden Fall mehr von einem Best-of als von #MeToo hat. Also bloß nicht überinterpretieren!


"Eine griechische Trilogie", 12., 13., 20. und 21. Oktober, am Berliner Ensemble.



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