S.P.O.N. - Oben und unten Sind Sie Rassist? Bitte ankreuzen.

Neben Boateng wohnen? Klar, will jeder. Millionenschwere Nationalspieler haben sowieso kein Problem, eine Unterkunft zu finden. Wer aber unbekannt ist, ausländisch aussieht und den falschen Namen oder Akzent hat, kann lange suchen.

Flüchtlingsfamilie als Nachbarn
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Flüchtlingsfamilie als Nachbarn

Eine Kolumne von


Mein Nachbar ist professioneller Posaunist. Ein sehr fleißig übender professioneller Posaunist. Ich kann mir Schöneres vorstellen, aber es hilft nichts, ich habe das nicht zu entscheiden. Ein ganzer Haufen Leute kann sich im Moment vorstellen, Jérôme Boateng als Nachbarn zu haben, und sie bestehen darauf, nicht "die Leute" zu sein, die Alexander Gauland meint, wenn er sagt, "die Leute [...] wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben". Schön, dass sich so viele solidarisieren und erklären, sie hätten nichts gegen Boateng.

Sogar Gaulands Nachbarn haben das gesagt. Ich würde mich, zack, einreihen, klar. Außer Boateng spielt Schlagzeug, da könnte ich für nichts garantieren. Aber auch das: nicht meine Entscheidung.

Der Haken ist: Wer in welche Wohnung oder welches Haus zieht, entscheidet in vielen Fällen der Vermieter, und Vermieter sind in Deutschland lange nicht so lässig drauf, wie man sich das wünschen würde. In Deutschland eine Wohnung zu finden, ist für People of Color, für Frauen mit Kopftuch, für Menschen mit nicht urdeutsch klingenden Namen oder mit Akzent oft ein riesiges Problem. Klar, in einigen Gegenden ist die Wohnungssuche inzwischen generell frustrierend für alle mit einem Einkommen unter 10.000 Euro netto im Monat, aber diese Probleme kommen eben nur oben drauf bei Leuten, die zusätzlich auch noch mit Rassismus konfrontiert sind.

"Damit ich überhaupt eine Chance kriege"

Es gibt Paare, bei denen eine Person so deutsch aussieht oder heißt, wie man sich das in der AfD oder bei Pegida wünscht, und die andere Person nicht - und Letztere bleibt bei der Wohnungsbesichtigung eben besser zu Hause, erfahrungsgemäß. Natürlich steht nicht in den Wohnungsanzeigen: "Bitte keine Ausländer", und die wenigsten Vermieter sagen den Leuten direkt ins Gesicht: "Für solche wie Sie nicht". Die Diskriminierung funktioniert dann zum Beispiel so, dass die Vermieterin oder der Makler einer Person, die anruft und einen Akzent hat, sagt, dass die Wohnung schon vergeben ist, und ein paar Minuten später mit jemandem ohne Akzent einen Besichtigungstermin ausmacht. Ich habe mal eine Wohnung zusammen mit einer Frau gesucht, deren Nachname aus Iran kommt und fünf Silben hat. Am Telefon meldete sie sich immer nur mit den letzten beiden Silben. Warum, fragte ich. "Weil es dann eher griechisch klingt", sagte sie. "Damit ich überhaupt eine Chance kriege".

Aber, aber, sagen Sie, die überwältigende Solidarität mit Boateng... ja. Schön. Aber es ist eben auch überwältigend einfach. Die Frage war ja nicht: Sind Sie frei von Rassismus, und würden Sie allen Menschen, unabhängig davon, wie sie aussehen, heißen oder sprechen, die gleiche Chance geben? Die Frage war: Würden Sie einen sehr gut verdienenden und gut aussehenden, erfolgreichen Sportler, der in Berlin geboren, christlich und schwarz ist und den Sie aus dem Fernsehen kennen und vom dem Sie ziemlich genau wissen, was er so treibt, als Nachbar haben wollen? Und alle so: klar.

Und selbst wer die Frage nach Rassismus für sich verneinen würde, ist nicht unbedingt frei davon. Berlin ist voll mit Leuten, die sich als links verstehen, aber ihre Kinder nicht auf Schulen mit hohem Migrationsanteil schicken wollen. Sie ziehen um oder melden sich in Wohnungen von Bekannten an, damit ihr Kind auf eine andere Schule gehen kann. Natürlich nicht "aus Rassismus". Sondern weil sie das Beste für ihr Kind wollen und so weiter. Aus Liebe, sozusagen. Aber eben nicht nur.

Wie muss man sein, um als Rassist bezeichnet zu werden?

Rassismus nicht benennen zu müssen, ist eine Bemühung, für die man sich gern erfinderisch zeigt, auch wenn es um andere geht. Sigmar Gabriel hat das Kunststück vollbracht, die AfD als "deutschfeindlich" zu bezeichnen, weil Boateng ja Deutscher ist.

Ähm. Fällt dem nichts auf? Natürlich lehnen "die Leute", die Gauland meint, "einen Boateng" nicht ab, weil er Deutscher ist, sondern weil er schwarz ist.

Und wenn man "die Leute" mal fragt, dann kommt nicht unbedingt nur Schönes raus: In einer Untersuchung von 2008 stimmten 26 Prozent der Befragten ganz oder teilweise dem Satz zu: "Menschen mit schwarzer Hautfarbe passen nicht nach Deutschland". Was das Wohnen betrifft, so stimmten 50 Prozent der Aussage zu: "Mit Türken möchte ich nicht in einem Haus wohnen". Das war vor acht Jahren. Es würde mich wundern, wenn die Ergebnisse in einer aktualisierten Version der Studie so viel besser wären. Für Gauland wären diese Leute übrigens nicht unbedingt Rassisten. Er antwortete auf die Frage, ob Menschen, die Vorbehalte gegen Nachbarn mit ausländischen Wurzeln haben, Rassisten seien: "So weit würde ich nicht gehen". Man will ja auch nicht seine eigenen Wähler beschimpfen.

Wäre es so einfach, könnte man die Umfrage von 2008 einfach neu starten, etwas vereinfacht: Sind Sie Rassist? Bitte ankreuzen: Ja / Nein / Vielleicht. Die Ergebnisse wären wahrscheinlich wunderschön. Aber leider falsch.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
ex-spiegel-abonnentin 31.05.2016
1. Ich würde meine Wohnung sofort an Boateng...
...vermieten, aber dafür nicht an einen Berliner. Bin ich dann auch schon Rassist? Grüße aus Stuttgart
paulvernica 31.05.2016
2. Kreuzberger Türken
Ich kenne gut verdienende Türken in Kreuzberg die schulen ihre Kinder auch nicht auf die "normale" Schulen ein sondern auf private Schulen. Nur mal so angemerkt.
forumgehts? 31.05.2016
3. Tja,
das sind die Folgen des überzogenen Mieterschutzes. Ein Vermieter kann sich keinen Irrtum erlauben, sonst hat er sich selbst enteignet. Das kann bedeuten, dass er ruiniert ist. Also Finger weg von möglichen Risikogruppen.
wecan 31.05.2016
4.
Ich habe kein Problem damit, wenn ein ausländisch aussehender Mensch mit eher schlechten Deutschkenntnissen in meine Nachbarschaft zieht. Aber ich gebe zu, dass ich nur ungern in eine Nachbarschaft umziehen würde, die zu dreiviertel fremdländisch geprägt ist. Im ersten Fall kann ich helfen, jemanden zu integrieren. Im zweiten Fall werde ich mich letztendlich integrieren müssen. Und das will ich nicht, auch wenn ich damit politisch überkorrekt betrachtet wohl ein Rassist sein muss.
politikus_ii 31.05.2016
5.
Im Gegensatz zu diesem Hr. Gausoundso, glaube ich eher, dass die Mehrheit der Deutschen sehr gerne Nachbar von Hr. Boateng wären. Wer wohnt nicht gerne in einer ruhigen, sicheren und reichen Gemeinde wie Grünwald.
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