Fotoprojekt über Roma-Kultur "Das Mädchen und das Huhn waren unzertrennlich"

"Blechzigeuner", so nannten sie die Roma im rumänischen Dorf Pretai - kein schmeichelhafter Name. Die Fotografin Irina Ruppert hat sie porträtiert. Entstanden ist eine kunstvolle Fotoserie von psychologischer Tiefe.

Irina Ruppert/ VG Bild-Kunst

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SPIEGEL ONLINE: Ein Mädchen mit Huhn im Arm, ein Kupferschmied bei der Arbeit. Auf Ihren Fotografien sieht man Menschen, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Hat sich das Leben der Roma gar nicht verändert?

Irina Ruppert: Die Cortorari sind Roma, die ihre Tradition und ihre traditionellen Handwerksberufe bis heute bewahrt haben. Die Frauen tragen Kopftücher und lange bunte Röcke. Viele Männer stellen aus Kupfer heute noch Schnapsbrennanlagen, Kaffeekessel oder Töpfe her. Die Siebenbürger Sachsen sagen zu ihnen deshalb auch "Blechzigeuner" oder "Kesselflicker". Cortorari bleiben unter sich. Sie lassen niemand Fremdes einfach so in ihre Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es dann geschafft?

Ruppert: Das verdanke ich einem Zufall: An einem Tag traf ich eine Roma, die mit einem Schwein vor ihrem Tor stand. Sie erlaubte mir, sie zu fotografieren. Ein Jahr später kam ich wieder und brachte ihr das Foto. Ihr Schwein musste sie in der Zwischenzeit schlachten. Die Frau hatte es geliebt, mit der Babyflasche aufgezogen. Als sie das Bild sah, hat sie vor Rührung geweint. Daraufhin hat sie mich mit den Cortorari bekannt gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Begegnete Ihnen viel Skepsis?

Ruppert: Das war meine Befürchtung. Ursprünglich habe ich deshalb mitten im Dorf unter freiem Himmel ein Fotostudio aufgemacht. Die Porträts habe ich verschenkt. Die Bewohner fanden das super. Familien und Freunde standen um uns herum, haben uns Tipps zugeworfen. "Lach doch mal!" Oder: "Mach deinen Arm anders!" Als Porträt haben die Bilder aber so nicht funktioniert. Zu gestellt, zu wenig ernst. Danach habe ich nur noch in den Hinterhöfen fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Von den Hinterhöfen sieht man auf den Fotos nichts. Sie haben die Porträtierten vor einem blauen Tuch platziert. Warum?

Ruppert: Ich wollte die Cortorari frei von Klischees fotografieren. Frei von Schmutz und Elend. So konnte ich sie als Individuen herausstellen, die Würde jedes Einzelnen zeigen. Wenn man sie genau ansieht, merkt man trotzdem, dass sie arm sind. Sieht die Flecken auf dem T-Shirt, die abgearbeiteten Hände. Aber die Armut drängt sich dem Betrachter nicht auf. Man soll den Menschen sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schafft man das mit einem Foto?

Ruppert: Mit viel Geduld. Meistens habe ich mich schon vorher mit den Menschen beschäftigt und mir ihre Geschichte angehört. So kam ich besser an die Gefühlswelt ran. Bis ich in meinen Sitzungen ein Foto machen konnte, vergingen oft drei bis fünf Stunden. Irgendwann kommt der Moment, in dem ein Mensch über sich selbst nachdenkt. Wenn die Schultern nach unten sinken und er in sich zurückfällt. Wenn ich diesen Moment sehe, dann hab ich ein Bild von ihm. Dann habe ich eine Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?

Ruppert: Da ist dieses Mädchen mit dem Huhn auf dem Arm, das ich fotografiert habe. Ihre Mutter verließ das Land, um in Italien Arbeit zu finden. Sie kam nicht wieder, niemand weiß, wo sie ist. Das Mädchen und das Huhn aber waren unzertrennlich. Dass sich ein Tier und ein Mensch so ineinander verlieben können! Das Huhn lief dem Mädchen immer hinterher, schlief neben ihm im Bett. Das rührte mich. Und ich konnte sehen, wie sehr das Mädchen gelitten hat. Das alles wollte ich auf dem Foto zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt waren sie über einen Zeitraum von sechs Jahren immer wieder in Pretai. Warum so lange?

Ruppert: Für manche Fotos brauchte ich großes Vertrauen. Drei Mädchen haben mir zum Beispiel erlaubt, dass ich sie von hinten mit offenen Haaren fotografiere. Eigentlich ist das nicht erlaubt, da habe ich mich lange angenähert. Roma-Frauen dürfen ihre Haare nicht zeigen. Am Ende kamen aber alle Bewohner gerne zu mir. Sogar bei Hochzeiten und Beerdigungen durfte ich dabei sein. Der Andrang war so groß, dass ich für die Porträts eine Terminliste machen musste.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie das Projekt weiter verfolgen?

Ruppert: Auf jeden Fall. Seit etwa einem Jahr findet in dem Dorf eine Veränderung statt. Mit den Jüngeren bin ich seit Kurzem auf Facebook befreundet. Die Männer tragen nicht mehr nur Tracht, sondern auch Sportschuhe von westlichen Firmen. Ich möchte mit der Kamera dokumentieren, wie sich die Kultur der Roma entwickelt. Im nächsten Januar werde ich zur Taufe eines Kindes hinfahren. Diesmal nicht nur als Fotografin, sondern auch als Taufpatin.


Die Ausstellung "Cortorar Gypsies" ist im Forum für Fotografie in Köln zu sehen.

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