Sitcom "How I Met Your Mother" Meister des miesen Timings

"Seinfeld" und "Friends" lassen grüßen: Träumer Ted sucht in New York nach einer heiratswilligen Frau und rasselt von einem amourösen Notstand in den anderen. Die sexy Sitcom "How I Met Your Mother" ist in Amerika der Hit – hierzulande wird sie im ProSieben-Kinderprogramm versendet.

Von


Sein Problem haben Tausende von anderen Männern auch: Ted (Josh Radnor) kommt einfach zu schnell. Doch während die Geschlechtsgenossen eher das verfrühte Finale des Geschlechtsakts plagt, ist es bei ihm der abrupte Abbruch jedes Annäherungsversuchs. Schon beim ersten Date ergießt sich Ted in Liebeserklärungen und gemeinsamen Zukunftsvisionen – nicht unbedingt die beste Tour, um freisinnige New Yorkerinnen zu erobern.

Ted ist also nicht nur ein hoffnungslos spießiger Romantiker, der in einer Stadt voller erotischer Verheißungen die Mutter seiner Kinder sucht. Er hat auch das mieseste Timing, mit dem je eine amerikanische Serienfigur durch ihren Alltag gestolpert ist. Und unzureichende zeitliche Abstimmungen sind ja nicht nur Quell jeder großen Komödie, sondern auch jeder großen Tragödie.

Drogen- und Sexreferenzen im Kinderprogramm

So gesehen ist den Machern von "How I Met Your Mother", einer der zurzeit besten Sitcoms des amerikanischen Fernsehens, das Kunststück gelungen, ihren Helden auf jeweils knappen 22 Minuten in die perfekt choreographierte Paarungskatastrophe schlittern zu lassen. 64-mal ist ihnen das schon geglückt, ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. In den USA geht die Serie jetzt in die vierte Staffel. Und dass sie mit all ihren nebenbei eingestreuten trockenen Drogen- und Sexreferenzen nun zum Deutschlandstart ins Kinderprogramm von ProSieben gerutscht ist, wird sie wohl auch überstehen.

Schon die Perspektive von "How I Met Your Mother" beweist Risikofreude. Erzählt wird aus dem Jahr 2030, in dem eben jener romantische Einfaltspinsel namens Ted seinen gelangweilten Kindern berichtet, wie er einst ihre Mutter kennengelernt hat. Die Mutter allerdings bleibt außen vor – eben weil der Erzähler über verschlungene Pfade vor allem von Phasen des amourösen Notstands und desaströsen Sozialmanagements erzählt.

Um ihn herum hat der Held ein Grüppchen verzweifelter Endzwanziger gescharrt: Da ist zum einen die junge Fernsehreporterin Robin (Cobie Smulders), die Ted gleich beim Kennenlernen in der ersten Folge mit Liebesschwüren überhäuft – die er aber nach erfolgloser romantischer Bearbeitung kapitulierend in seine Clique aufnimmt. Zu der gehört auch das Pärchen Lily (Alyson Hannigan) und Marshall (Jason Segel), das in penetranter Zärtlichkeit immer ein bisschen mehr von seinem Intimleben preisgibt als die Freunde wissen wollen.

Und schließlich ist da noch Barney (Neil Patrick Harris), ein schamloser Typ, den eigentlich keiner in der Gruppe mag, der aber irgendwie immer dabei ist. Wieso eigentlich? Wo Ted Trost bräuchte, breitet der Anzugträger lieber ungefragt seine sexuell-darwinistischen Theorien aus.

Mit dieser Mischung aus entfesselter Gruppendynamik und unfreiwilliger Selbstentblößung vereinigt "How I Met My Mother" die schönsten Eigenschaften der beiden modernen Sitcom-Klassiker "Friends" und "Seinfeld". Nur die Musik – Indiepop zwischen Belle And Sebastian und Fountains Of Wayne – ist deutlich geschmackvoller als bei den Vorbildern, und die flott verschachtelte Rückblendenstruktur zeugt von den ästhetischen Verfeinerungsstrategien, die auch dieses Genre der in den USA immer prestigeträchtigeren Unterhaltungssektion Fernsehen über die letzten Jahre ausgezeichnet hat.

Die guten alten Sitcom-Grundregeln aber werden von den Serienschöpfern Carter Bays und Craig Thomas – einst Gagschreiber für David Letterman und kaum älter als ihre Protagonisten – tunlichst befolgt. Dazu gehört natürlich auch die topographische Übersichtlichkeit. Doch nicht nur Bar und Männer-WG sind wiederkehrende Handlungsorte, sondern auch die New Yorker Taxis. Denn regelmäßig verstrickt die Clique die Fahrer in ihre urbanen Irrungen und Wirrungen. Die klarsichtigsten Statements in Sachen Sex und Beziehung stammen in "How I Met Your Mother" deshalb meist von indischen, libanesischen und koreanischen Chauffeuren.

Bizarre Tour de force

Ob das der New Yorker Realität entspricht, soll hier nicht erörtert werden. Zuerst einmal ist man dankbar dafür, dass diese kleine, billig produzierte Serie all den teuer parfümierten Biedersinn wegspült, der zuvor durch "Sex and the City" in den Kulissen dieser Stadt verbreitet wurde. Dabei ist – zugegeben – "How I Met Your Mother" ja erstmal nichts anderes als die verzweifelte Jagd nach dem richtigen Lebenspartner mit vertauschten Geschlechterrollen.

Doch während man sich eben bei "Sex and the City" immer ein bisschen schämte für die Heldin, die bei aller aufgesetzten Experimentierfreude doch einfach nur unter die Haube gebracht werden wollte, so gerät das Paarungsansinnen des bekennenden Mittelklasse-Kids Ted in "How I Met Your Mother" zur bizarren Tour de force. Und zwar eben deshalb, weil er gar nicht so selbstlos und sensibel, so romantisch und herzensgläubig ist, wie er vorgibt zu sein.

Sehr schön in dieser Hinsicht ist eine Episode, wo er in seiner Verzweiflung eine Affäre von ehedem anruft. Der hatte er einst an ihrem Geburtstag per Anrufbeantworter den Laufpass gegeben. Drei Jahre später fällt ihm ein, dass die Frau mit ihrer Vorliebe für Belle And Sebastian und ihren feinfühligen Gesprächen doch gar nicht so übel war. Gönnerhaft beginnt er noch mal eine Beziehung mit ihr – die er dann ein weiteres Mal abwickelt. Diesmal allerdings von Angesicht zu Angesicht, man ist ja irgendwie reifer und verantwortungsvoller geworden. Blöde nur, dass die Frau schon wieder Geburtstag hat.

Selbst wenn Ted also ausnahmsweise mal nicht auf der Verliererseite steht – sein mieses Timing bleibt ihm treu.


"How I Met Your Mother", ab Samstag, 13. September, 14 Uhr auf ProSieben



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.