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Skandal-Ausstellung: Zu Besuch im Ethno-Zoo

Von Henryk M. Broder, Augsburg

Ausgerechnet im Zoo fand in Augsburg das "African Village" statt - und die Republik erbebte vor Empörung: Von Rassismus und Menschenverachtung war die Rede. Doch bei näherem Hinsehen wird klar, wie nah "Political Correctness" und Hysterie beieinander liegen.

"African Village"-Aussteller Dia-Wohlatz: Entwicklungshilfe, die sich auszahlt
Henryk M. Broder

"African Village"-Aussteller Dia-Wohlatz: Entwicklungshilfe, die sich auszahlt

Passiert war noch nix, aber alle waren schon furchtbar aufgeregt. Die Rede war von der unbewältigten deutschen Kolonialvergangenheit, von Rassismus und Menschenverachtung, von einer unbelehrbaren Zoo-Direktorin und einer beratungsresistenten Stadt. Die "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" (ISD) sprach von der "Reproduktion kolonialer Blick-Verhältnisse", bei der "schwarze Menschen als exotische Objekte, als Un- oder Untermenschen" zur Schau gestellt würden. Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordiner wurde informiert und reagierte wie erwartet: Das Projekt sei "unglaublich", erklärte die Nobelpreisträgerin. Ein in Berlin lebender Afrikaner stellte einen Eilantrag auf Verbot der Schau beim zuständigen Verwaltungsgericht, der abgelehnt wurde. Eine daraufhin erfolgte Beschwerde gegen die Entscheidung des Landgerichts wurde vom übergeordneten Verwaltungsgerichtshof zurückgewiesen.

Business und Entwicklungshilfe

Als dann das "African Village" im Augsburger Zoo letzten Donnerstag eröffnet wurde, war der Skandal ein Selbstläufer und die Stadt Augsburg, bis dato nur als die Geburtsstadt von Bert Brecht, Sitz der "Fuggerei" und ICE-Station auf dem Weg nach München bekannt, in den Schlagzeilen aller deutschen Zeitungen - von der Münchener "AZ" bis zur Berliner "taz". Tatsächlich scheint der erste Blick den Anfangsverdacht zu bestätigen. Gleich am Eingang zum Augsburger Zoo wird "Nigeria-Bier" verkauft, der Viertelliter zu zwei Euro; dazu gibt es "Bratwurst mit typisch afrikanischer Soße" für 2,50. Daneben warten kleine Holzelefanten und T-Shirts mit aufgedruckten Löwen auf Käufer, die statt nach Afrika zu fahren lieber in den Zoo gehen.

Ex-Banker Winkler: "Nur Unsinn vorm Computer"
Henryk M. Broder

Ex-Banker Winkler: "Nur Unsinn vorm Computer"

Es ist der übliche Ethno-Kitsch, wie man ihn auf jedem Trödelmarkt und auf jedem Bazar zugunsten Not leidender Kinder bekommen kann, aber rechtfertigt dies schon den Vorwurf des Rassismus und der Menschenverachtung? "Alles Unsinn", sagt Guido Dia, der mit seiner Frau Mariene Kunsthandwerk aus Afrika verkauft. "Wenn das Ding hier 'African Market' statt 'African Village' heißen würde, hätte sich kein Mensch aufgeregt."

Guido Dia, 55, heißt eigentlich Wohlatz, war bis vor kurzem evangelischer Seelsorger in Berlin, unter anderem zehn Jahre Pfarrer an der Heilig Kreuz Kirche in Kreuzberg. Im historischen Jahr 1989 lernte er während eines Sabbatical-Aufenthalts in Spanien Mariene aus Senegal kennen, Tochter eines Arztes und einer Lehrerin. Die junge Frau studierte Sprachen und wollte Übersetzerin werden.

Jetzt sind die beiden seit fast 15 Jahren verheiratet, fahren jedes Jahr zweimal zum Einkaufen nach Afrika und bieten ihre Waren - Decken und Körbe aus Senegal, Puppen und Schmuck aus Benin - auf Märkten und Messen in Deutschland an. "Auf Kunsthandwerk wird fast kein Zoll erhoben", sagt Guido Dia-Wohlatz, er geht direkt zu den Herstellern und freut sich, dass inzwischen "fast 1000 Menschen davon leben, was wir ihnen abkaufen". So macht er nicht nur ein Geschäft, sondern leistet auch praktische Entwicklungshilfe - "weit mehr als ich zu meiner Zeit als Pfarrer tun konnte", damals, als er noch zu Spenden für die Dritte Welt aufrief und "Brot statt Böller" predigte.

Berufswechsel mit Geschmack

Spezialitäten-Köche Rudi, Nene: "Das Besteck ist alle!"
Henryk M. Broder

Spezialitäten-Köche Rudi, Nene: "Das Besteck ist alle!"

Ein paar Stände weiter dampfen Yassa, Tamatan und Maffeh, "Spezialitäten aus Gambia und dem Senegal" in großen Pfannen. Hinter der Theke steht eine Afrikanerin, recht korpulent und sehr resolut, und ruft: "Rudi, räum das Geschirr ab!" Worauf Rudi die Teller und Bestecke einsammelt und hinter den Wagen bringt, wo sie gespült werden. Rudolf Winkler ist gelernter Bankkaufmann, 34 Jahre hat er für verschiedene Geldinstitute gearbeitet, zuletzt als stellvertretender Abteilungsleiter für die Credit Suisse in Frankfurt: "Ackermann war mein Chef."

Dann wurde das Personal abgebaut; Winkler bekam eine Abfindung und bezog zwei Jahre lang Arbeitslosengeld, weil er mit über 50 "nicht vermittelbar" war. "Ich hab den ganzen Tag vor dem Computer gesessen und nur Unsinn getrieben." Als er irgendwann genug hatte, meldete er sich beim Arbeitsamt ab. "Ich ging noch einmal hin, sagte 'Tschüss!' und 'Ihr seht mich nie wieder!'" Vor sechs Wochen hat er sich ein neues Auto gekauft, einen Nissan-Pickup, den er vor seine mobile Garküche spannen kann. Seine Frau Nene kocht, er besorgt den Einkauf und macht die Buchhaltung, da kennt er sich aus.

Rudi und Nene haben sich vor 13 Jahren kennen gelernt. Er besuchte seine Mutter im Krankenhaus, Nene lag im selben Zimmer. Seit acht Jahren sind sie verheiratet, leben in einem kleinen Ort bei Frankfurt und haben "noch nie Rassismus erlebt oder gespürt". Nene hat erst als Zimmermädchen im Holiday Inn gearbeitet, dann als Küchenhilfe bei einem Lufthansa-Caterer, schließlich als Köchin in einem Restaurant bei Frankfurt. An Wochenenden kochte sie und bot ihre Gerichte auf Straßenfesten an.

Doktorandin Gabi: Aktiv für Mensch und Tier
Henryk M. Broder

Doktorandin Gabi: Aktiv für Mensch und Tier

Jetzt rollen sie von einem "Event" zum nächsten, als selbständige Unternehmer, die ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten. Das einzige größere Problem, mit dem sie fertig werden müssen, ist der mangelnde Komfort unterwegs. "Als ehemaliger Banker schlafe ich ungern in einem Zelt." Meistens gehen Rudi und Nene in eine "ordentliche Pension".

Über Rassismus und Kolonialismus im Zusammenhang mit dem "African Village" können sie nur staunen. "Vor drei Wochen gab es die 'Afrika-Tage' in München, da hat sich keiner aufgeregt." Und wer wen "kolonialisiert", wird spätestens dann klar, wenn Nene entscheidet, dass Rudi schon zu lange mit dem Reporter gesprochen hat. "Rudi, das Besteck ist alle, mach schon!"

Korrektur der Klischees

So wie Guido und Mariene, Rudi und Nene haben viele der "African-Village"-Teilnehmer eine persönliche oder emotionale Beziehung zu Afrika. Gabi, 27, war zwar noch nie in Afrika, aber seit sie die Schimpansenforscherin Jane Goodall bei einem Vortrag gesehen hat, weiß sie, dass man etwas "für die Natur, die Menschen und die Tiere dort" tun muss. Die Doktorandin in Neurobiolologie arbeitet ehrenamtlich für das "Jane Goodall Institut Deutschland". Sie hat Ikuru, einen zwölf Jahre alten Schimpansen, auf der Insel Ngamba im Viktoriasee adoptiert.

Patrick, 23, kam vor sechs Jahren aus Senegal nach Nürnberg, hat Maler und Lackierer gelernt und will bald "etwas Eigenes aufmachen". Bis er genug Geld zusammen hat, grillt er afrikanische Makrelen auf Festen und Märkten. Seine Mutter hat einen Deutschen geheiratet, Patrick spricht Deutsch mit bayerischem Akzent.

Und so weiß man nicht, wer in diesem "African Village" die Exoten und wer die Normalos sind. Die Deutschen mit ihren zum Teil wilden Frisuren und den serienmäßigen Piercings oder die Afrikaner, die sich alle Mühe geben, brav und bieder aufzutreten. Nur Dontana, der Trommler, sieht in seinem knallbunten Hemd und der blauen Baseballmütze so aus, wie man sich einen "echten" Afrikaner vorstellt.

 Musiker Dontana beim "African Village"-Event: Harmloser als der "Karneval der Kulturen"
Henryk M. Broder

Musiker Dontana beim "African Village"-Event: Harmloser als der "Karneval der Kulturen"

Er soll, so steht es im Programm, "heiße angolanische Rhythmen" produzieren, aber die Leute sitzen an den Biergartentischen und bewegen nur ihre Kiefer zu "Empanadas" und "Gemüse-Kokosnuss-Curry" mit Hähnchen. "Keiner tanzen, lieber auf der Banke sitzen", beschwert sich Dontana und trommelt weiter.

Was bleibt vom Vorwurf des Kolonialismus, des Rassismus, der Menschenverachtung? Wenig bis gar nichts. Nur die Verbindung von "Afrika" und "Zoo" provoziert ungute Assoziationen und zeigt, wie nahe "Political correctness" und Hysterie beieinander liegen. Bei jedem "Karneval der Kulturen" in Berlin kommen mehr Rassismus, Sexismus und Voyeurismus zum Zuge als im "African Village", das bis gestern Abend gezeigt wurde.

Mit etwas Glück und guter PR könnte Augsburg bald wieder böse auffallen. Vom 25. Juni an wird in der Freilichtbühne der "Zigeunerbaron" gespielt. Das Plakat zur Operette zeigt einen schmierigen Typen mit einem Schwein im Arm. Ist es Kunst, Rassismus oder Tierquälerei? Wir werden es bald erfahren.

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