Skandalblatt "Österreich" Wenn Hyänen heulen

Der Wiener Verleger Wolfgang Fellner feiert enthusiastisch den Erfolg seiner neuen Boulevardzeitung "Österreich". Die Branche ist sauer: die Auflagenzahlen seien schwer nachvollziehbar, die Qualität des Blattes sei bodenlos.

Von Marion Kraske, Wien


Der Mann ist very busy, er hastet den Gang entlang, gibt seiner Assistentin noch eine letzte Anweisung, dann macht er es sich atemlos am Ende eines langen Konferenztisches bequem. Hinter ihm, in einiger Entfernung, ragt die gewaltige Kuppel der Wiener Karlskirche in den Himmel. Wolfgang Fellner lehnt sich zurück und lächelt breit. So lächeln Sieger, Macher. Solche, die sich ganz sicher sind.



Fellner trägt ein hellblaues Business-Hemd, die Initialen eingestickt auf Bauchhöhe, im Gesicht eine lässige Urlaubsbräune. Soeben hat der 52-jährige Verleger noch ein paar Stockwerke weiter unten im futuristisch anmutenden Newsroom das Geschehen dirigiert, 2400 Quadratmeter groß ist der Saal, schallgedämmt. Deutsche, französische, amerikanische Kollegen seien schon da gewesen, erzählt er, um das Herzstück, die Schaltzentrale seiner medialen Neu-Schöpfung zu bestaunen. Ein echter "Besichtigungstourismus" sei im Gange.

Fellners jüngstes Baby – und das ist kein Zufall – heißt schlicht wie das Land: "Österreich". Seit einem Jahr ist es auf dem Markt, und wie immer, wenn er etwas anpackt, soll es etwas Großes sein, etwas Einmaliges. Eine Revolution. Es ist ein Mix aus Boulevardzeitung und Illustrierter, auf Hochglanz gedruckt gibt es für die alpenländische Damenwelt tagtäglich die kostenlose Beilage "Life and Style". Um die bei anderen Tageszeitungen nur an Wochenenden übliche Mischung technisch überhaupt umsetzen zu können, ließ Fellner – wieder so eine Revolution – eigens eine spezielle Druckmaschine entwickeln.

Heino der österreichischen Medienwelt

Die Superlative sprudeln nur so aus seinem Mund, wenn Fellner über Fellner spricht, ganz so, als sei das eigene Ego eine berauschende Droge. "Aus dem Stand" habe sich "Österreich" auf dem heimischen Markt behauptet. Mit Ausnahme der polnischen Zeitung "Fakt" habe es eine derartige Erfolgsgeschichte in Europa noch nie gegeben.

Fellner ist so etwas wie der Heino der österreichischen Medienlandschaft: Keiner mag ihn, aber mit dem was er macht, ist er extrem erfolgreich. Schon als Teenager mischte er den heimischen Zeitschriftenmarkt auf, die von ihm gegründete Schülerzeitung lief landesweit besser als das Aufklärerheftchen "Bravo".

Anfang der neunziger Jahre ließ sich der Medienmann in Amerika in die hohe Kunst des Magazinmachens einweisen. Wieder zu Hause, warf er mit seinem Bruder "News" auf den Markt, eine bunte Info-Illustrierte mit durchaus kommerziellem Erfolg. Durch den Verkauf von "News" wurde Fellner mehrfacher Millionär. Heute ist die gesamte "News"-Gruppe, an der Gruner + Jahr maßgeblich beteiligt ist, Österreichs größter Zeitschriftenverlag.

Draußen, auf dem Gang, hängt eine Schwarzweiß-Fotografie von Fellner, geschlossene Augen, ein sanftes Schmunzeln. "I have a dream", steht da zu lesen, dazu der kurze Zusatz: "Chef". Hier, im Konferenzraum, sagt der Mann mit dem Traum nun, dass das Land medial "wachgeküsst" werden musste, es sei reif gewesen für eine echte Alternative, für ein jüngeres, ein frecheres Produkt. "Wir haben etwas geschaffen, was es vorher nicht gab, eine Symbiose aus Boulevardzeitung und Qualitätsjournalismus."

Zwischen Fakten und Fiktion

Kritiker sehen das freilich anders. Das Blatt, das Fellner bei seiner Gründung vor 10.000 geladenen Gästen medienwirksam auf dem Wiener Pratergelände vorstellte und im Vorfeld schon mal als "österreichische 'Süddeutsche'" ankündigte, habe bislang nicht eine vernünftige Story zusammengekriegt, urteilt der Wiener Medienwissenschaftler Fritz Hausjell. "Österreich" werde gerade mal als Zweit-oder-Dritt-Zeitung gelesen. Die Berichterstattung, kommentiert der linksliberale "Standard", enthalte mitunter ein "Meer des Schwachsinns".

Fellners "größte Innovation" auf dem alpenländischen Printmarkt, wie er "Österreich" stolz nennt, gibt es zum Spottpreis von 50 Cent zu kaufen. Dafür werden der geneigten Leserschaft schon mal die zehn nervigsten Baustellen präsentiert, da gestehen Promis ihre Schwangerschaft, Politikerinnen ihre Scheidung, da steigt Österreichs EU-Kommissarin Benita Ferrero Waldner wegen der Befreiung inhaftierter Bulgarinnen zum barmherzigen "Engel" auf. Dass es sich dabei nicht, wie von "Österreich" verbreitet, um Aids-Häftlinge handelte, sondern um Krankenschwestern – wen stört das schon.

Mit schöner Regelmäßigkeit bietet Fellner höchstpersönlich Kommentare feil, in denen er sich mal direkt an den Herrn Bundespräsidenten wendet, mal an eine neue "Politik mit Herz" appelliert. Abgerundet wird das Ganze mit halbnackten und prall dekolletierten Frauen, von Paris Hilton bis Jerry Hall.

Schon regt sich Unmut: Österreich, so eine Gruppe erbitterter Fellner-Gegner, sei ein Land und keine Zeitung. Vor Gericht erlitten die aufgebrachten Lokalpatrioten eine Niederlage. Die Berufung aber läuft, die Fellnersche Namenspiraterie wollen sie nicht einfach so hinnehmen.

Schritt für Schritt geschmacklos

Wie skrupellos die Fellner-Truppe bisweilen agiert, zeigte sich vor wenigen Monaten bei einer Geiselnahme in einer Wiener Filiale der Gewerkschaftsbank Bawag. Ein "Österreich"-Reporter mischte sich direkt ins Geschehen ein, indem er mit dem Geiselnehmer in Aktion telefonierte. Auf ihrer Titelseite zeigten die Blattmacher den offenbar psychisch labilen Täter später mit durchnässter Hose, ein roter Pfeil zeigte auf das peinliche Malheur zwischen seinen Beinen.

Und auch sonst zieht "Österreich" sämtliche Register: Exklusivinterviews werden vorgetäuscht, die Grenzen von Öffentlichem und Privatem systematisch gekillt. Der junge Deutsche, der jüngst in der Donaumetropole mutmaßlich einen 49-Jährigen Obdachlosen erst tötete und dann aufaß, avanciert in der Fellner-Postille zum mordenden Hollywood-Monstrum "Hannibal Lecter". Hochjazzen ist eine von Fellners Spezialitäten.

Die Branche schäumt. Die jüngste Kreation aus dem Hause Fellner, so der verbreitete Tenor, habe dem Land einen weiteren Sittenverfall beschert. Der Wiener "Kurier" bezeichnete die Vorgehensweise "Österreichs" als "menschenverachtend." Fellner klagte, doch das Wiener Oberlandesgericht gab der drittgrößten Tageszeitung des Landes, an der auch die deutsche WAZ-Gruppe beteiligt ist, recht. Die Kritik sei zulässig, Fellners Methoden, befanden die Richter, dürften ruhig als "Hyänenjournalismus" bezeichnet werden.



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