Skandalinszenierung "Gólgota Picnic": Die wollen nur beten

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Schon vor der Aufführung hagelte es Proteste von Katholiken, doch der große Eklat blieb aus. Das vermeintlich blasphemische Stück "Gólgota Picnic" im Hamburger Thalia-Theater geriet zum erstaunlich faden Bühnen-Dinner. Da half auch die Mini-Demo der Pius-Bruderschaft nicht.

Fotostrecke: Erleuchtendes Aha-Erlebnis der lahmen Art Fotos
Davir Ruano

"Wir wollen nur beten!" Der Schweizer Pater Alois Brühwiler beteuerte absolute Friedfertigkeit, als er und seine rund zwanzig Getreuen als Abgesandte der Piusbruderschaft in der Hamburger Gaußstraße aufmarschierten. Diese Versicherung schien auch nötig, denn die radikale katholische Vereinigung hatte zuvor verbal heftig gegen eine Aufführung des Thalia-Theaters im Rahmen der Lessing-Tage 2012 protestiert. "Gólgota Picnic", die Performance des Centro Dramatico Nacional aus Madrid (in Zusammenarbeit mit dem Théatre Garonne aus Toulouse) sei eine Beleidigung für jeden Christen - grelle, persiflierende Darstellung des gekreuzigten Erlösers, nackte Menschen und allgemeine Respektlosigkeit, Blasphemie eben.

Rund tausend wütende E-Mails hatte die Thalia-Leitung in den vergangenen Tagen erhalten, wie der kaufmännische Leiter Ludwig von Otting erklärte. "Hunderte mit identischem Inhalt", wie er sagte, was eindeutig von Kampagnencharakter zeugte. Dennoch suchte er vor der Aufführung des "Gólgota Picnic" den Dialog mit Pater Brühwiler und war überrascht von dessen Friedfertigkeit. Brühwiler wiederum staunte über die Aggressivität der Drohungen - offenbar machte er sich keine plastische Vorstellung, wie viel Böses so in der digitalen Kommunikation explodierte.

Choräle und Ave Maria im Nieselregen

Die Pius-Gesandten sangen im leichten Nieselregen auf der Straße Choräle, beteten mehrere "Ave Maria", dazu Vaterunser, umrahmt vom katholischen Glaubensbekenntnis. Fernsehteams filmten, Journalisten fragten freundlich, und alle hatten sich irgendwie lieb. Wobei sich herausstellte, dass die entrüsteten Christen die Inszenierung nur bruchstückhaft aus Videoaufzeichnungen oder vom Hörensagen kannten. Auf eine Einladung Ottings, doch mal eben ins Theater reinzuschauen, in das Schrecknis, und die ganze Lästerlichkeit live zu erleben, mochten Brühwiler und seine Pius-Gang nicht recht eingehen. Wozu auch, ihren Medienauftritt hatten sie ja nun gehabt, die schlauen Pius-Füchse.

Schade eigentlich, denn ihnen entging ein womöglich erleuchtendes Aha-Erlebnis der langweiligen Art. Das, was die Theatertruppe auf der Studiobühne des Thalia-Theaters vor ausverkauftem Haus in den nächsten rund 130 Minuten aufführte, war ein vollfetter Textwust ohne dramaturgischen Zugriff, aufgesagt und illustriert von Gesten, Filmen, Geräuschen und ein wenig Musik. Das Spektakulärste war das Bühnenbild.

Und das bestand im Wesentlichen aus 20.000 Hamburgerbrötchen, die als fluffiger Teppich und weich-zähe Unterlage die Bewegungen der Akteure grundierten. Denn es ging ums letzte Abendmahl, natürlich zeitgemäß auf Campingstühlen dargeboten, die dekadente Gegenwart samt Religion und Philosophie wort- und zitatenreich kommentierend, wobei die Kreuzigung Jesu rudimentär und karikierend eingeflochten wurde. Man drehte - oha! - Fleisch durch den Fleischwolf, das anschließend dem an Jesusstelle Agierenden um das Haupt gepappt wurde. Sehr provokant, das alles. Und das bloße Name-Dropping von Skandalgranden wie Berlusconi und Bernie Ecclestone brachte schon wohlfeile Lacher. Die wichtigsten Szenen wurden auf eine überlebensgroße Leinwand projiziert, man konnte sprechen, essen, Grimassen intensiv genießen. Blau, braun, gelb und grün färbten die Schauspieler ihre Körper dann auch noch ein: Elementares zwischen Erde, Luft und Feuer brach sich Bahn.

Erlösendes Ende im Lärm

Den zweiten Teil der Performance bestritt ein Pianist, der einen Klavierauszug von Joseph Haydns Oratorium "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" in epischer Breite und mäßig belebtem Tempo darbot. Von "Vater vergib Ihnen" bis zum "Il Terremoto - er ist nicht mehr". Da blieb viel Zeit zum Nachdenken, die auch die Akteure nutzten, während sie ihr Lager zwischen den inzwischen etwas derangierten Brötchen aufgeschlagen hatten. Leise, stellenweise sehr leise ließ der Klavierspieler den Herrn ableben. Es könnte sein, dass einige im Publikum das Ende des Erlösers zumindest in dieser musikalischen Form herbeisehnten, denn so etwas wie Spannung hatte sich aus der Aufführung schon vorher verabschiedet. Da wirkte die abschließende Lärmorgie zu einem Fallschirmsprungfilm auf der Riesenleinwand eher als Faustschlag denn als Pointe.

Tja, liebe Piusbrüder, dumm gelaufen: Da war wohl wenig, was des Tumultes würdig gewesen wäre. Öfter mal ins Theater gehen oder auch ins Kino, das kann schon vor weiteren Blamagen der leerlaufenden Hyperventilation bewahren. Wen solche rechtschaffenen - und, echt! - gänzlich blasphemiefreien Schaustücke wie dies spanische "Picnic" schon aus dem Nachtjäckchen hauen, der sollte sowieso die Öffentlichkeit meiden.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Laaaaaaaaaangweilig!!!
Das-tobende-Steuerschaf 24.01.2012
Die Künstler wähnen sich wohl noch in der bunten LSD-Ära, als man mit Jesus-bashing und Bühnenhäppenings noch spießiges Protestgekeife auslösen konnte. Heute lockt das doch keinen Hunde mehr hinter dem Ofen hervor. Welches Risiko gehen sie dabei ein, auf einen verfetteten, müden, alten Gegner einzuprügeln? Richtig - keines! Demensprechend wenig Mut gehört dazu, und dementsprechend gering ist auch das Interesse. Andere Leute riskieren ihr Leben für ein paar Karikaturen, mit der sie eine nicht so verfadete und zwangstolerante Religion aufs Korn nehmen. Gegenüber dieser bzw. ihren schlimmsten Auswüchsen wäre Kritik wirklich mal angebracht, aber dann müsste man ja etwas riskieren und sähe sich obendrein als 'pöser Nahsie' dargestellt. Da hält man sich lieber an wohlfeiles und alt bewährt langweiliges. Für eine Fußnote in der Geschichte wird's vielleicht gerade genügen. Wüßte auch gerne, wieviel 'Staatsknete' der Plumperquatsch eigentlich benötigt, um nicht gleich wieder mangels Nachfrage abgesetzt zu werden. Gehört wohl auch zum 'Krampf gegen Rrrrechts', da dürfen keine Kosten gescheut werden ;-)
2.
hirnbenutzer 24.01.2012
Zitat von sysopSchon vor der Aufführung hagelte es Proteste von Katholiken, doch der große Eklat blieb aus. Das vermeintlich blasphemische Stück "Gólgota Picnic" im Hamburger Thalia-Theater geriet zum erstaunlich faden Bühnen-Dinner. Da half auch die Mini-Demo der Pius-Bruderschaft nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,810890,00.html
... ob das ganze auch so friedlich abgelaufen wäre, wenn es ein ähnliches Stück über die Religion des Friedens gewesen wäre. Oh, ich vergaß, aus vorauseilendem Gehorsam, hätte das Stück gar kein Theater gefunden, welches das Stück aufführt. Natürlich nur um keine Gefühle zu verletzen ;-), vielleicht auch aus purer Angst, dass irgendwo auf der Welt wieder ein Mob unschuldige Menschen deswegen lyncht...
3. Auf die Katholiken kann man sich verlassen
nurmeinsenf 24.01.2012
Ohne die "hagelnden Proteste" und ohne die Pius-Bruderschaft hätte es die "Skandalinszenierung" sicherlich nicht bis zu einem SPIEGEL-Beitrag gebracht. Liebe Katholiken, liebe Pius-Brüder - manchmal (oder sogar in der Regel) ist es sinnvoller, einen "Skandal" gar nicht erst entstehen zu lassen und eine gewollt provozierende Theaterdarbietung nicht mal zu ignorieren. Aber auf euch kann man sich halt verlassen. Leider.
4. ein Segen für die Kirche
wilam 24.01.2012
Zitat von sysopSchon vor der Aufführung hagelte es Proteste von Katholiken, doch der große Eklat blieb aus. Das vermeintlich blasphemische Stück "Gólgota Picnic" im Hamburger Thalia-Theater geriet zum erstaunlich faden Bühnen-Dinner. Da half auch die Mini-Demo der Pius-Bruderschaft nicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,810890,00.html
ist das Stück! Denn die Frage, ob es Gott gibt, ob da jemand lohnt oder straft, verschwindet völlig hinter der, ob er gut oder böse ist.
5. titellos glücklich
jörg seifert 24.01.2012
Zitat von nurmeinsenfOhne die "hagelnden Proteste" und ohne die Pius-Bruderschaft hätte es die "Skandalinszenierung" sicherlich nicht bis zu einem SPIEGEL-Beitrag gebracht. Liebe Katholiken, liebe Pius-Brüder - manchmal (oder sogar in der Regel) ist es sinnvoller, einen "Skandal" gar nicht erst entstehen zu lassen und eine gewollt provozierende Theaterdarbietung nicht mal zu ignorieren. Aber auf euch kann man sich halt verlassen. Leider.
Das ist völlig richtig. Mehr als Dekadenz und spätpubertäre Lust am Überschreiten von Grenzen - nur dass es letztere heute nicht mehr gibt - steckt nicht dahinter. Und Feigheit natürlich, denn herumgetrampelt wird wie immer auf den Gefühlen von Christen - von letzteren hat man ja nichts zu befürchten. Von mir aus können die sich doch da auf der Bühne gegenseitig anurinieren, wen interessiert das? Einige Katholiken und Pius-Brüder haben das Spiel noch nicht begriffen; ohne ihren Protest würden sich die "Künstler" doch fühlen wie ein kleines Kind, dessen Mutter sich partout nicht aus der Ruhe bringen lässt durch sein Getöse und Getrampel. Ein erbärmliches Rumgehure nach Aufmerksamkeit ist das, weiter nichts, und das sollte man nicht auch noch mit ebendieser bestätigen.
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