Von Werner Theurich
"Wir wollen nur beten!" Der Schweizer Pater Alois Brühwiler beteuerte absolute Friedfertigkeit, als er und seine rund zwanzig Getreuen als Abgesandte der Piusbruderschaft in der Hamburger Gaußstraße aufmarschierten. Diese Versicherung schien auch nötig, denn die radikale katholische Vereinigung hatte zuvor verbal heftig gegen eine Aufführung des Thalia-Theaters im Rahmen der Lessing-Tage 2012 protestiert. "Gólgota Picnic", die Performance des Centro Dramatico Nacional aus Madrid (in Zusammenarbeit mit dem Théatre Garonne aus Toulouse) sei eine Beleidigung für jeden Christen - grelle, persiflierende Darstellung des gekreuzigten Erlösers, nackte Menschen und allgemeine Respektlosigkeit, Blasphemie eben.
Rund tausend wütende E-Mails hatte die Thalia-Leitung in den vergangenen Tagen erhalten, wie der kaufmännische Leiter Ludwig von Otting erklärte. "Hunderte mit identischem Inhalt", wie er sagte, was eindeutig von Kampagnencharakter zeugte. Dennoch suchte er vor der Aufführung des "Gólgota Picnic" den Dialog mit Pater Brühwiler und war überrascht von dessen Friedfertigkeit. Brühwiler wiederum staunte über die Aggressivität der Drohungen - offenbar machte er sich keine plastische Vorstellung, wie viel Böses so in der digitalen Kommunikation explodierte.
Choräle und Ave Maria im Nieselregen
Die Pius-Gesandten sangen im leichten Nieselregen auf der Straße Choräle, beteten mehrere "Ave Maria", dazu Vaterunser, umrahmt vom katholischen Glaubensbekenntnis. Fernsehteams filmten, Journalisten fragten freundlich, und alle hatten sich irgendwie lieb. Wobei sich herausstellte, dass die entrüsteten Christen die Inszenierung nur bruchstückhaft aus Videoaufzeichnungen oder vom Hörensagen kannten. Auf eine Einladung Ottings, doch mal eben ins Theater reinzuschauen, in das Schrecknis, und die ganze Lästerlichkeit live zu erleben, mochten Brühwiler und seine Pius-Gang nicht recht eingehen. Wozu auch, ihren Medienauftritt hatten sie ja nun gehabt, die schlauen Pius-Füchse.
Schade eigentlich, denn ihnen entging ein womöglich erleuchtendes Aha-Erlebnis der langweiligen Art. Das, was die Theatertruppe auf der Studiobühne des Thalia-Theaters vor ausverkauftem Haus in den nächsten rund 130 Minuten aufführte, war ein vollfetter Textwust ohne dramaturgischen Zugriff, aufgesagt und illustriert von Gesten, Filmen, Geräuschen und ein wenig Musik. Das Spektakulärste war das Bühnenbild.
Und das bestand im Wesentlichen aus 20.000 Hamburgerbrötchen, die als fluffiger Teppich und weich-zähe Unterlage die Bewegungen der Akteure grundierten. Denn es ging ums letzte Abendmahl, natürlich zeitgemäß auf Campingstühlen dargeboten, die dekadente Gegenwart samt Religion und Philosophie wort- und zitatenreich kommentierend, wobei die Kreuzigung Jesu rudimentär und karikierend eingeflochten wurde. Man drehte - oha! - Fleisch durch den Fleischwolf, das anschließend dem an Jesusstelle Agierenden um das Haupt gepappt wurde. Sehr provokant, das alles. Und das bloße Name-Dropping von Skandalgranden wie Berlusconi und Bernie Ecclestone brachte schon wohlfeile Lacher. Die wichtigsten Szenen wurden auf eine überlebensgroße Leinwand projiziert, man konnte sprechen, essen, Grimassen intensiv genießen. Blau, braun, gelb und grün färbten die Schauspieler ihre Körper dann auch noch ein: Elementares zwischen Erde, Luft und Feuer brach sich Bahn.
Erlösendes Ende im Lärm
Den zweiten Teil der Performance bestritt ein Pianist, der einen Klavierauszug von Joseph Haydns Oratorium "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" in epischer Breite und mäßig belebtem Tempo darbot. Von "Vater vergib Ihnen" bis zum "Il Terremoto - er ist nicht mehr". Da blieb viel Zeit zum Nachdenken, die auch die Akteure nutzten, während sie ihr Lager zwischen den inzwischen etwas derangierten Brötchen aufgeschlagen hatten. Leise, stellenweise sehr leise ließ der Klavierspieler den Herrn ableben. Es könnte sein, dass einige im Publikum das Ende des Erlösers zumindest in dieser musikalischen Form herbeisehnten, denn so etwas wie Spannung hatte sich aus der Aufführung schon vorher verabschiedet. Da wirkte die abschließende Lärmorgie zu einem Fallschirmsprungfilm auf der Riesenleinwand eher als Faustschlag denn als Pointe.
Tja, liebe Piusbrüder, dumm gelaufen: Da war wohl wenig, was des Tumultes würdig gewesen wäre. Öfter mal ins Theater gehen oder auch ins Kino, das kann schon vor weiteren Blamagen der leerlaufenden Hyperventilation bewahren. Wen solche rechtschaffenen - und, echt! - gänzlich blasphemiefreien Schaustücke wie dies spanische "Picnic" schon aus dem Nachtjäckchen hauen, der sollte sowieso die Öffentlichkeit meiden.
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