Skandalöse Organspende-Show TV geht an die Nieren

Ist das krank oder schon wieder aufklärerisch? Im niederländischen Fernsehen sollen Hilfesuchende um ein Spenderorgan konkurrieren - live, unter Einbeziehung der Zuschauer. Ausgeheckt haben das Format die Macher von "Big Brother".


Den Haag - Lisa muss bald sterben. Die 37-jährige Niederländerin leidet an einem Hirntumor, alle anderen Organe sind gesund. Deshalb hat sie beschlossen, eine ihrer Nieren zu spenden. Das Außergewöhnliche daran: Die Entscheidung über den Empfänger will sie in einer Fernsehsendung fällen - live und unter Einbeziehung der Zuschauer.

Organstransplantation: Vorbereitung im TV
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Organstransplantation: Vorbereitung im TV

Zur besten Sendezeit will der Sender BNN "Die Große Spendershow" am Freitag ausstrahlen - und löste damit bereits im Vorfeld heftige Empörung aus. Gleichzeitig rückt das von den "Big Brother"-Erfindern der Firma Endemol entwickelte TV-Konzept das ganz reale Problem der fehlenden Spenderorgane ins Blickfeld der Öffentlichkeit.

Der auf ein jugendliches Publikum abzielende Sender BNN ist Skandale gewohnt: Mit freizügigen Formaten zu Sexualerziehung und Magazinen zu Sex und Drogen sorgte der Kanal in den Niederlanden schon häufiger für Aufregung. Ganz bewusst riskierten die Macher mit der Organspende-Show eine öffentliche Kontroverse. Sie wollten die Öffentlichkeit auf das Problem des Spendermangels aufmerksam machen, hieß es. Anlass für die Sendung, die einmalig bleiben soll, war demnach der fünfte Todestag des BNN-Gründers Bart de Graaff. Dieser starb an Nierenversagen, nachdem er jahrelang vergeblich auf eine Spenderniere gewartet hatte.

Das Konzept der Fernsehmacher ging auf: Weltweit berichteten Medien über die makabre Reality-Show, vor allem christlich engagierte Bürger veröffentlichten ihre moralischen Bedenken in Internetforen und Leserbriefen. Ein EU-Kommissionssprecher in Brüssel sprach mit Blick auf die Sendung von "ziemlich schlechtem Geschmack".

Die Live-Nieren-Vergabe beschäftigte schließlich sogar das niederländische Parlament. Zu einem Verbot der Sendung aus ethischen Gründen konnte sich die Regierung nach heftiger Debatte dennoch nicht entschließen. Das Mediengesetz erlaube es nicht, eine Sendung vor der Ausstrahlung zu untersagen, gab Medienminister Ronald Plasterk bekannt.

Eines hat die Sendung, so geschmacklos sie auch sein mag, bewirkt: Das Thema Organspende ist wieder ganz oben auf der Agenda. So wünscht sich die EU dringend mehr Organspenden und prüft derzeit die Einführung eines europäischen Spender-Ausweises, damit Herzen, Lungen und Lebern auch grenzüberschreitend zu neuen Besitzern finden können.

"Der Wunsch, Organe zu spenden, ist zwar hoch, de facto aber wird nicht viel gespendet", sagt EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. 2006 hätten 56.000 Europäer vergeblich auf eine Organspende gewartet. Über die niederländische Show zeigte sich der Kommissar jedoch "schockiert". "Organspende ist ein sehr heißes Eisen", unterstrich er. Er lehne es ab, wenn damit Geld gemacht werde.

In Deutschland wurde vor allem Kritik an Endemol laut, die schon für Reality-Formate wie die Containersendung "Big Brother" und die "Traumhochzeit" verantwortlich zeichnete. Die "Spendershow" sei das makabre Spiel um menschliche Not einer "moralisch völlig verkommene Medienagentur", ließ die Bundesärztekammer wissen. Mit der "unwürdigen Zurschaustellung menschlichen Elends" solle "durch Menschenverachtung" die Quote gesteigert werden, wetterte die Ärzteschaft und forderte einen europäischen Wertekonsens, der dies künftig unterbinde.

Für die drei Kandidaten im Alter von 18 bis 40 Jahren, die ab Freitag vor laufender Fernsehkamera ihre Not zur Schau stellen werden, zählt vermutlich nur die Aussicht auf den Hauptgewinn. Ihre Chance, eine Niere zu erhalten, liegt mit 33 Prozent "deutlich höher als für Menschen auf den Wartelisten", wie BNN-Chef Laurens Dillich kürzlich im Radio betonte. Anders als Teilnehmern anderer Fernsehshows winkt ihnen keine Karriere als "Superstar" oder "Supermodel" - sondern etwas viel Besseres: das Überleben.

Gerald de Hemptinne, AFP



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