Skandalöse Rede Mehdorn als "Führer der neuen Reichsbahn" beschimpft

Der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf hat Bahn-Chef Mehdorn mit einem Nazi verglichen. Der Konzern weigere sich, eine Ausstellung über den Nationalsozialismus zu fördern. In einer öffentlichen Rede beschimpfte er Mehdorn als "Führer der neuen Reichsbahn".

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Düsseldorf - 150 Menschen hatten sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof versammelt, um die Ausstellung "Zug der Erinnerungen" zu besuchen - und erlebten einen Verbalausfall sondergleichen: Wie die "Rheinische Post" in ihrer Online-Ausgabe berichtet, hat der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf bei seiner Eröffnungsrede Bahnchef Hartmut Mehdorn mit einem Nationalsozialisten verglichen.

Ausstellungszug: "Beim Bahn-Vorstand für Furore sorgen"
DPA

Ausstellungszug: "Beim Bahn-Vorstand für Furore sorgen"

"Wenn Herr Mehdorn im Dritten Reich in derselben Position gewesen wäre wie heute, hätte er mit großer Überzeugung Deportationen angeordnet", zitiert die Zeitung Michael Szentei-Heise.

Die mobile Ausstellung, die in einem Zug auf ehemaligen Deportationsstrecken fährt, dokumentiert die Deportation von Kindern und Jugendlichen im Nationalsozialismus. Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Rolle der damaligen Reichsbahn.

Mehdorn sei der "Führer der neuen Reichsbahn", attackierte Szentei-Heise den Konzernchef vor versammeltem Publikum. Der Geschäftsführer wirft der Deutschen Bahn vor, das Gedenken auf deutschen Bahnhöfen an die Opfer des Nazi-Regimes zu verhindern, indem sich der Konzern weigere, die Ausstellung finanziell zu unterstützen.

Mehdorn ein "innerlicher Nazi"?

Laut "RP" sagte Szentei-Heise in seiner Ansprache, der Bahn-Chef habe "bewiesen, dass er ein innerlicher Nazi" sei. Gegenüber SPIEGEL ONLINE wies der Geschäftsführer diese Formulierung zurück: "Der Begriff Nazi ist zu keinem Zeitpunkt in meiner Rede gefallen", sagte Szentei-Heise, "ich habe dieses Wort bewusst vermieden". Teile seiner Rede seien von der Zeitung "scharf überinterpretiert" worden. Er lege Wert darauf, dass Mehdorn dem Wortlaut zufolge "möglicherweise" in der NS-Zeit Deportationen veranlasst hätte. Jedoch habe er "Verständnis" dafür, dass seine Aussagen gegenüber Mehdorn auf den Vergleich mit einem "Nazi" reduziert worden seien.

Alle anderen von der Zeitung wiedergegebenen Ausschnitte seiner Rede, auch die Passage über den "Führer der neuen Reichsbahn", entsprächen der Wahrheit, sagte der Geschäftsführer. "Ich wollte bewusst provozieren", um "in der Vorstandsetage der Bahn für etwas Furore zu sorgen". Die Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus müsse in der Öffentlichkeit präsent bleiben, so Szentei-Heise.

Die Ausstellungsmacher hatten sich schon im Vorfeld über die Haltung der Bahn AG beschwert: Anstatt das Projekt zu fördern, berechne das Unternehmen bis zu 40 Euro pro Stunde Aufenthalt in einem Bahnhof, schreibt die "Rheinische Post". Für den viertägigen Halt in Düsseldorf müssten die Organisatoren nach eigenen Angaben 10.000 Euro aufbringen.

"Kleinkinder in den Tod befördert"

"Für mich hat es den Anschein, als ob es den heutigen Verantwortlichen im Nachhinein leid tut, Kleinkinder damals kostenlos in den Tod befördert zu haben", sagte Szentei-Heise zu SPIEGEL ONLINE - in Anspielung darauf, dass Erwachsene damals für die eigene Deportation ein Ticket der Reichsbahn lösen mussten, Kinder unter sechs Jahren jedoch kostenlos fuhren.

Diese Geldeinbuße wolle man heute wohl durch Gebühren für den "Zug der Erinnerung" gutmachen, sagte Szentei-Heise. "Ich fordere die Reichsbahn von heute auf, sie möge die Finanzierung der Fahrten dieses Zuges aus den Gewinnen entnehmen, die sie seinerzeit mit den Todestransporten der erwachsenen Deportierten gemacht hat", so der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Ob die Deutsche Bahn Szentei-Heise jetzt wegen Beleidigung verklagt, ist unklar: Bahn-Sprecher Jens-Oliver Voss bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass der Fall die Rechtsabteilung beschäftige. "Wir überprüfen das weitere Vorgehen", hieß es aus der Konzernzentrale. Voss verwies auf mehrere von der Bahn initiierte Ausstellungen über die Deportationen: "Der Vorwurf, dass sich die Bahn nicht ihrer historischen Verantwortung stellt, stimmt nicht".



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