Skulpturen-Schau "Schönheit und Natur" Mäh-Roboter bei Rheinkilometer 529

"Schönheit und Natur" heißt die Sommer-Skulpturenausstellung am Rheinufer in Bingen - und sie macht ihrem Titel alle Ehre: Auf einem Spaziergang begegnet man nicht nur 22 Skulpturen, sondern man hat auch einen großartigen Blick auf die berühmte Romantik-Landschaft.


Schon die Romantiker erklärten am Beginn des 19. Jahrhunderts die Rheingegend zu ihrer Sehnsuchtslandschaft. Friedrich Schlegel schwärmte auf seiner Rheinfahrt von der Schönheit der "rauhen und wilden" Gegend, die er als erhaben empfand. Victor Hugo veröffentlichte 1842 ein Rheinbuch, Lord Byron verfasste Gedichte, und William Turner skizzierte und malte gleich ganze Serien an der Fluss-Landschaft.

"Schönheit und Natur" heißt die Skulpturen-Schau am Bingener Rheinufer. Beide Begriffe seien im ästhetischen und kunsthistorischen Kontext lange eng miteinander verbunden, sagen die Kuratoren Lutz Driever und André Odier - auch wenn "Natur" heute nicht mehr göttlich und erhaben, nicht mehr wild und rau ist, sondern gezähmt und kultiviert. Und auch wenn der Begriff "Schönheit" sich seit der Moderne permanent und radikal verändert hat. In der Kunst kann heute alltägliches Material als schön gelten oder ein rationaler Gedanke zum Werk werden.

Uneitle Kunstwerke

Wie selbstverständlich das sein kann, zeigen die 22 Bildhauerwerke auf dem Spaziergang am Rhein entlang. Weil sie einfach da sind, weil sie sich nicht aufdrängen, aber sichtbar sind, weil sie nicht belehren wollen und nichts beweisen müssen. Nicht, dass sie unauffällig wären, aber sie stellen keine eitlen Ansprüche, sondern sind angenehm, manchmal komisch und manchmal einfach - jedenfalls auf den ersten Blick. Wer will, kann ihre Komplexität auf den zweiten Blick entdecken.

Von Stephan Balkenhol beispielsweise steht auf der Wiese eine mannshohe "Krone" von 15 Metern Durchmesser aus gelb angemaltem Zementguss. Eine Krone repräsentiert Macht und Herrschaft, das weiß jedes Kind, und damit könnte die Monumentalität erklärt sein. Im Katalog allerdings weisen die Kuratoren darauf hin, dass Balkenhol einmal im Zusammenhang mit der Arbeit den Scheinriesen Tur Tur aus dem Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" erwähnt habe, der von weitem so riesig und furchteinflößend erschien, dass sich niemand an ihn herantraute. Deshalb war Herr Tur Tur einsam, obwohl er aus der Nähe genauso groß war wie jedermann.

Blickachsen gibt es und einen roten Faden, sagt der Kurator André Odier, aber sonst bestünden keine engen oder intellektuellen Zusammenhänge zwischen den Arbeiten. Das sei so gewollt - schließlich gehen die Menschen hier spazieren und nicht durch ein Museum.

Viele Spaziergänger richten ihren Weg im denkmalgeschützten Park nach den Skulpturen aus. Und jeder bleibt an den beiden spektakulären riesengroßen Skulpturen von André Tempel stehen, die wie Fremdkörper in ihrer Umgebung wirken. "Meeting I" klemmt zwischen den Astgabelungen eines Baumes und besteht aus fünf roten Kunststoffbällen, an denen mit Kabelbindern Grabvasen mit ihren Spitzen nach außen befestigt sind. "Meeting II" aus über sieben Meter hoch gestapelten grünen Kunststofftonnen umringt einen Baum, und man kann sogar in den Turm hineingehen. Die Künstlichkeit von Natur und unser "Konsumverhalten" will Tempel hinterfragen, aber er will auch "auf die Ästhetik alltäglicher Plastikprodukte" hinweisen. Letzteres klappt, die meisten Besucher freuen sich über die überraschende Schönheit und Flexibilität des billigen Materials und die Phantasie des Künstlers.

Auch die acht klassischen Frauenskulpturen aus Stein und Bronze im kleinen Kräutergarten am "Museum am Strom" von Hanna Cauer, Claus Korch, Reinhold Petermann und Robert Metzkes werden bewundert, besonders für ihre Realitätsnähe. Ihr gemeinsames Schönheitsideal, der weibliche Körper, soll als Ausgangspunkt für das Thema der Schau stehen. Aber schon ein paar hundert Meter weiter wird dieser Schönheitsbegriff von Rainer Fettings neoexpressiver Bronze eines überlebensgroßen Männeraktes mit provozierend zur Schau gestellter Nacktheit bewusst in Frage gestellt.

Geheimnisvolle Höhle

Manche Skulpturen sind einfach schön, wie George Rickeys sich leicht im Wind drehende Skulptur oder die zwei bronzenen blütenähnlichen Gefäße von Morio Nishimura auf dem Rasen. Wunderschön ist die Papierarbeit von Angela Glajcar: Mit gerissenen Papierbahn-Schichten vor den Fenstern des Pegelhäuschens verwehrt sie Einblick in den Innenraum und konstruiert gleichzeitig den Blick in eine geheimnisvolle Höhle. Auch Marcel Bühler spielt mit Wahrnehmung. Auf den 28.000 silbernen Plättchen eines Riesenbillboards reflektiert sich das Wasser, brechen sich Sonnenstrahlen, spiegeln sich die gegenüberliegenden Weinberge. "Great and OK" nennt Bühler seine Wand, auf der üblicherweise für Konsum geworben wird.

Am lustigsten ist die Arbeit "MÄH" des jungen Berliners David Hahlbrock, die leider nur an Wochenenden in Aktion zu sehen ist. Drei Mähroboter, die mit wild wucherndem Gras bedeckt sind, rasen ferngesteuert über eine Wiese, scheren jeden Grashalm kurz und sorgen so für permanente Ordnung. Das Verhältnis des Menschen zur Natur hinterfragt Hahlbrock an einem Ort, an den eine Landesgartenschau vor drei Jahren 1,3 Millionen Besucher lockte. Die sahen damals die erste Skulpturenschau, veranstaltet von der eigens dafür gegründeten Gerda-und-Kuno-Pieroth-Stiftung.

Sie sei damals sehr begeistert gewesen und habe viel gelernt, sagt Gerda Pieroth. Als sie und ihr Mann jetzt zum ersten Mal ihr Versprechen einlösten, die Skulpturenschau alle drei Jahre zu wiederholen, holten sie zur heimischen Kuratorin zwei weitere Kuratoren dazu, die mehrere Künstler nach Bingen einluden, um neue Arbeiten zu realisieren.

Wenn die Schau Anfang Oktober endet und die Arbeiten abgebaut werden, wird den Bingenern etwas fehlen am Rhein. Aber bis zur nächsten Skulpturenschau im Frühjahr 2014 dauert es dann nur noch zweieinhalb Jahre.


Schönheit und Natur. Skulpturen am Rheinkilometer 529. Bingen. Bis 3.10.



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