Skulpturen-Triennale in Bingen Gestrickter Kaugummiautomat

Eine nackte Kanone, erotische Kriegswaffen, bunte Kaugummistrickkugeln: Am Binger Rheinufer stehen 21 Kunstwerke, die Passanten staunen lassen. Die Skulpturen-Triennale fragt nach dem Verhältnis von "Mensch und Maschine".


Berührungsängste mit der Kunst scheint das Publikum der Skulpturen-Triennale in Bingen am Rhein nicht zu haben: Im Park spielen ein paar Jungen Fußball neben "Crazy Daisy", einer schon von weitem sichtbaren, fünfeinhalb Meter hohen Säule, deren Raketenform aus Körperfragmenten nackter Schaufensterpuppen zusammengesetzt ist. Eine türkische Familie hat sich daneben auf einer Decke ausgebreitet.

Die Berliner Künstlerin Birgit Dieker, 44, hat ihre "nackte Kanone", wie einer der Fußballer sie nennt, eigens für die Skulpturenschau mit dem Thema "Mensch und Maschine" entworfen. Erotik und Kriegswaffen seien schon immer miteinander verbunden gewesen, sagt Dieker. So bemalten zum Beispiel die US-Amerikaner die Nasen ihrer Militärflugzeuge mit weiblichen Pin-ups, und die Deutschen verzierten ihre V2-Testrakete mit einer leichtbekleideten "Frau im Mond". Auf diese Traumfrauenbilder beziehen sich Diekers geköpfte, amputierte und zerschnittene weibliche Plastikkörper, und der Titel ihrer Arbeit bezieht sich auf amerikanische Fliegerbomben, die "Daisy Cutter", also "Gänseblümchenschneider", heißen.

Mischwesen aus Mensch und Maschine

21 Skulpturen von 22 Künstlern sind in dem Park am Rheinufer aufgebaut. Auch Nuria Fusters große, aufrecht stehende und sich nach vorn biegende Stahlskulptur findet Interesse: als Schattenspender und in der Diskussion, wie sie wohl konstruiert ist, damit sie nicht umkippt. "Richtige Kunst, so wie ein Roboter", erklärt der kleine Fußballspieler, sei für ihn allerdings der in Sichtweite stehende überlebensgroße "Antimensch" von Zbigniew Fraczkiewicz. Einerseits eine klassische Figur, andererseits ein Mischwesen zwischen Mensch und Maschine, denn einige Körperteile sind mit merkwürdigen Platten so zusammengeschraubt, als sei die Figur aus auswechselbaren Ersatzteilen zusammengesetzt.

Damit fügt sich der "Antimensch" perfekt in das Thema "Mensch und Maschine" der dritten Skulpturen-Triennale - ein Motto, das so gar nicht zur vielbesungenen romantischen Rheinlandschaft oder zu dem perfekt angelegten Park zu passen scheint.

Aber noch vor sieben Jahren war hier eine völlig heruntergekommene Industriebrache mit den Schienen eines ausrangierten Güterbahnhofs und den Kränen eines aufgelassenen Industriehafens. "Wir konnten den Rhein zwar sehen, aber nicht am Ufer spazieren gehen", sagt Kuno Pieroth, Weinunternehmer aus Bingen und mit seiner 2007 gegründeten "Gerda und Kuno Pieroth Stiftung" Träger und Finanzier der Skulpturen-Triennale. Erst mit der Landesgartenschau 2008 wurde aus den zwei Schrottkilometern am Rhein ein Erholungsgebiet für die Stadtbewohner.

Das sei der Anknüpfungspunkt für das Thema, sagt André Odier, der die Skulpturenschau zum zweiten Mal zusammen mit Lutz Driever und vor Ort mit Gisela Klippel kuratiert hat. Allerdings habe man das bereits seit dem 17. Jahrhundert diskutierte Thema bis heute gespannt - in eine Zeit, in der seit der Erfindung des Computers eine prinzipielle Überlegenheit des Menschen über die Maschine nicht mehr selbstverständlich ist.

"Armes Deutschland"

Die eingeladenen Künstler haben ihre sehr unterschiedlichen Perspektiven in sehr unterschiedlichen Skulpturen umgesetzt: Via Lewandowsky hat an einer Hauswand eine Uhr angebracht, die zwar die Zeit anzeigt, deren Zeiger sich aber wie verrückt dem Zifferblatt entgegen drehen. Uwe Hennecken bezieht sich auf die Trutzburgen am Rhein: Er zeigt drei buntbemalte Kanonen als erste technisierte Distanzwaffen und als Symbol für die heutige anonymisierte Kriegsführung.

Seine Kollegen Irene Pätzung und Valentin Hertweck haben auf der Wiese "Erwins Pforte" aufgestellt, eine Tür, die vom Betrachter geöffnet werden soll und die ihm dann eine andere Raumwahrnehmung erschließt. Nicht weit davon haben die Strickkünstlerinnen von "Social Knit Work Berlin" ein grünes Gebäude in ein "Haus mit Kaugummiautomat" mit bunten Strickkugeln verwandelt, inklusive eines echten Automaten. Damit wollen sie zeigen, wie eine Manufaktur im Gegensatz zu einer Maschine frei entscheiden kann, was und wie produziert wird.

Neben einem Schornstein stehen drei Industrie-Sheddächer, aus denen Produktionsgeräusche dringen - eine Installation von Iskender Yediler. Vielleicht ein versteckter Arbeitsplatz für Flüchtlinge? Die Assoziation befeuert ein schrottreifes Auto, gefährlich hoch bepackt mit Koffern, Taschen, Pappkartons, das direkt am Erste-Weltkrieg-Denkmal parkt - eine Arbeit der Berliner Künstlerin Anna Fasshauer.

"Armes Deutschland", bemerkt ein vorbeigehender Mann. Und ein anderer sagt, dass für ihn "das Auto auch ein Denkmal" sei - nämlich für alle Menschen, die auf der Flucht sind und nach ein paar Sekunden in den Nachrichten vergessen.


Mensch und Maschine - Skulpturen am Rheinkilometer 529. Bingen, bis 5.10.



insgesamt 6 Beiträge
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mikahi 29.04.2014
1. Armes Deutschland
Kunst ist für mich nur noch eine Inspiration zum Nachdenken, wie überflüssig und schizophren die Ressourcenfressenden Künstler der heutigen Zeit sind. Im Grunde können die sich die Arbeit an einer Skulptur ect. sparen und jegliches Material, ob Wolle, Lebensmittel, Metall, ... auf einen Haufen werfen und darauf aufmerksam machen, wie unsere Kultur mit Mitteln umgeht, die anderen Menschen in Armut helfen würden. Genausogut kann man eine Exkursion zu z.B. einer riesigen Lebensmittelabfallhalde unternehmen, Industrielle und Politiker einladen und diese für ihr gelungenes Kunstwerk loben und den schwer arbeitenden Baggerfahrer fristlos entlassen, weil er seinem Broterwerb entsprechend den Müll seiner letzten Bestimmung zuführen wollte. Fehlen bei dieser Veranstaltung darf natürlich auf keinen Fall ein profilneurotischer Kunstwissenschaftler, der sich selbst gern in den Medien VOR dem von ihm klug erklärten "Kunstwerk" sprechen sieht, um im Anschluss noch schnell ein kluges Buch darüber auf den Markt zu schmeißen. Kultur bist du noch zu retten?
mikahi 29.04.2014
2. Armes Deutschland
Kunst ist für mich nur noch eine Inspiration zum Nachdenken, wie überflüssig und schizophren die Ressourcenfressenden Künstler der heutigen Zeit sind. Im Grunde können die sich die Arbeit an einer Skulptur ect. sparen und jegliches Material, ob Wolle, Lebensmittel, Metall, ... auf einen Haufen werfen und darauf aufmerksam machen, wie unsere Kultur mit Mitteln umgeht, die anderen Menschen in Armut helfen würden. Genausogut kann man eine Exkursion zu z.B. einer riesigen Lebensmittelabfallhalde unternehmen, Industrielle und Politiker einladen und diese für ihr gelungenes Kunstwerk loben und den schwer arbeitenden Baggerfahrer fristlos entlassen, weil er seinem Broterwerb entsprechend den Müll seiner letzten Bestimmung zuführen wollte. Fehlen bei dieser Veranstaltung darf natürlich auf keinen Fall ein profilneurotischer Kunstwissenschaftler, der sich selbst gern in den Medien VOR dem von ihm klug erklärten "Kunstwerk" sprechen sieht, um im Anschluss noch schnell ein kluges Buch darüber auf den Markt zu schmeißen. Kultur bist du noch zu retten?
mikahi 29.04.2014
3. Nachtrag
Das ist Kunst: http://www.dk-online.de/csp/mediapool/sites/dt.common.streams.StreamServer.cls?STREAMOID=EFIGjxsbNeh9v5cbrBqUtc$daE2N3K4ZzOUsqbU5sYtusIoyET0f7Y5ckNRJ1PT$WCsjLu883Ygn4B49Lvm9bPe2QeMKQdVeZmXF$9l$4uCZ8QDXhaHEp3rvzXRJFdy0KqPHLoMevcTLo3h8xh70Y6N_U_CryOsw6FTOdKL_jpQ-&CONTENTTYPE=image/jpeg
e-hugo 29.04.2014
4. Kunst? Das kann weg.
Zitat von sysopDavid von BeckerEine nackte Kanone, erotische Kriegswaffen, bunte Kaugummistrickkugeln: Am Bingener Rheinufer stehen 21 Kunstwerke, die Passanten staunen lassen. Die Skulpturen-Triennale fragt nach dem Verhältnis von "Mensch und Maschine". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/skulpturen-triennale-in-bingen-am-rhein-mensch-und-maschine-a-966573.html
Das grüne Haus ist recht witzig, aber ist das Kunst? Richtig lustig ist für mich aber Bild 12. Es dauert etwas, bis man erkennt was Kunst sein soll, und was weg kann. Das Auto ist ja recht nichtssagend. Das sieht man ja öfter auf Pressefotos, wenn die Polizei mal wieder so einen Transport von der Autobahn gefischt hat. Ich habe zuerst die pseudopatriotische Stele für das "Kunstwerk" gehalten ;-) ........"fürs Vaterland...." Und das beim ersten Weltkrieg, wo man doch vor 1918 für Gott und Kaiser starb. Das war real "Mensch und Maschine".
Thomas Losleben 29.04.2014
5. Binger Rheinufer
Sehr geehrte Frau Wiensowski! Das Ufer zu Bingen wird nicht "Bingener Rheinufer", sondern Binger Rheinufer genannt - darauf legen die Einwohner meiner Stadt (gemeinhin "Binger" genannt) seit jeher besonderen Wert. Darüber hinaus danke ich Ihnen für den Beitrag, auch wenn ich selbst dieser Kunstform nicht viel abgewinnen kann. Mit freundlichen Grüßen, Thomas Losleben!
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