S.P.O.N. - Der Kritiker: Das größte Geheimnis von James Bond

Eine Kolumne von Georg Diez

Welch ein Siegeszug für "Skyfall": Sieben Millionen Zuschauer in Deutschland, der bisher erfolgreichste Kinofilm überhaupt in England, eine Milliarde Dollar weltweit eingespielt - und in China läuft der neue "007" erst noch an. Was macht den altersmüden Agenten so attraktiv? Vielleicht genau das: sein Alter.

"Skyfall": Mach's für Mutti, James! Fotos
Sony Pictures

Eines der ungelösten Rätsel des Jahres 2012 ist der Erfolg von "Skyfall", jener Film, mit dem James Bond zurückgeschickt wurde tief ins 20. Jahrhundert, aus dem er geboren war, mit seiner Bond-Mischung aus Playmobil-Männlichkeit, Weltverschwörung ultra light und Sex für Mönche und Mormonen - die Erlösung, die dieser angebliche Agent versprach, war immer die Erlösung des 20. Jahrhunderts von sich selbst, was ultimativ schief gehen musste. Denn das Jahrhundert der Menschheitsverbrechen und der Weltdeutungsideologie ist ein Zombie in der Zeit, es wird stetig wiederkehren, hässlich und grotesk entstellt.

Genau davon erzählt aber diese dunkle, deprimierende, langweilige Geschichte, sagen die, und das sind ja nicht wenige, die den Film als so erwachsen und intelligent loben - was ungefähr so schlüssig ist, wie wenn man die Coca-Cola-Flasche oder Warhols Brillo-Box als erwachsen oder intelligent loben würde: Die Freiheit und Schönheit dieser Ikonen der Nachkriegszeit bestand ja gerade darin, dass sie sich von so Begriffen wie erwachsen und intelligent emanzipiert hatten.

Und Bond, der müde Krieger Bond gehört unbedingt in diese Kategorie, Coke, Brillo, Bond. Er war immer eine Marke, nie ein Mensch, das machte die Modernität der Figur aus. Das machte aber auch die Frage, welcher Bond nun der beste sei, so antiquiert - dieser Mann kam schon als Zitat auf die Welt, das Zitat war sein eigentlicher Existenzgrund, nur so konnte er leben und laufen: Nimmst du ihm die Anführungszeichen weg, die sein Rückgrat waren, muss er natürlich stürzen, muss er fallen, viel tiefer noch als von der Brücke im Film. Weil der Himmel, aus dem er stürzt, der Himmel des Pop ist, und da gibt es nicht einmal ein Nichts.

Letzte Schlacht des Westens

Der Regisseur Sam Mendes hat das auch irgendwie gemerkt und das merkwürdige Manöver unternommen, Bond in die Zukunft oder wenigstens in die Gegenwart zu schubsen, indem er ihm eine Vergangenheit gibt - Freud als dramaturgische Allzweckwaffe, die Familie als Urgrund aller Übel und M als quasi ödipale Fixierung. Wobei der Begriff Mutter-Komplex schon in die Irre führt, denn komplex ist hier nichts: Auch die Psychoanalyse ist nur noch ein Zitat, was stimmen mag, aber eigentlich nicht reicht, diesem müden, mürben Bond genug Energie mitzugeben, um durch gefühlte drei Stunden Film zu taumeln, die so unironisch, unsexy, unspannend sind, dass dagegen schon Petzolds "Barbara" ein Thriller ist.

Aber vielleicht geht es genau darum.

Vielleicht soll Spannung in ihrer Abwesenheit gezeigt werden, Handlung in ihrem Stocken, Bedrohung in ihrer kümmerlichen Privatheit. Vielleicht erklärt das den Erfolg von "Skyfall": Sieben Millionen Zuschauer in Deutschland, der erfolgreichste Film aller Zeiten in England, eine Milliarde Dollar weltweit eingespielt - und in China läuft der Film überhaupt erst an. Vielleicht soll hier das Actionkino für die alternde Gesellschaft gezeigt werden. Vielleicht soll der Westen nur in seiner sklerosen Überlebtheit beschrieben werden. Vielleicht ist das Altersheim, in das Bond nun einziehen wird, unser aller Postmoderne.

Ist die Verschwörung also die Demografie? Ist die letzte Schlacht des Westens längst geschlagen? Sind wir schon über das Kliff und merken es nur noch nicht? Ist der Böse in "Skyfall" nicht mehr ein Schauspieler wie Gert Fröbe oder Klaus Maria Brandauer, sondern der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen Weltgeist sich gerade von uns verabschiedet und nach Osten weiterzieht? Wäre dann all das Dialektik, die hölzerne Psychologie, die hüftsteifen Stunts, Daniel Craig, der die Aura eines Streichholzkopfes hat und mit einem einzigen Gesichtsausdruck durch den Film kommt, Javier Bardem, der hui hui schwul-blonde Haare hat und den Film wenigstens teilweise am Leben hält, besonders eindrucksvoll, wenn er einen Teil seines Gesichts herausnimmt?

Am Ende bleibt nicht mehr, als sich vor dem Erfolg des Films zu verneigen, der Erfolg, der ja seine ganz eigene Evidenz hat. Das war nicht der Bond zur Euro-Krise, das war nicht der Bond als Abschiedsgeste einer Männlichkeit, die schon in den sechziger Jahren einigermaßen konstruiert wirkte. Das war der Bond einer kollektiven Ratlosigkeit, das war der Bond einer gemeinschaftsstiftenden Identifikation: Nicht mehr Bond ist das Zitat - wir selbst als Kinozuschauer, davon erzählt "Skyfall", existieren nur noch in Anführungszeichen.

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insgesamt 73 Beiträge
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1. sehr einseitig....
afu-ra 04.01.2013
der Erfolg gibt diesem Film Recht.James Bond ist ein kollektives Rollenbild,der stets ein neues Resultat der alten Filme sein wird.Meim Vater schimpfte über Brosnan,ich über Craig....mein perfekter Bond ist der aus Golden Eye...jedem das seine.Aber bitte lieber Autor,tun sie nicht so als hätten sie James Bond erfunden,Sie erinnern mich an die liebe Omi aus dem Bus:"Früher war alles besser".Das macht extrem unflexibel für die Zukunft :-D
2. Ich kann mich nicht erinnern je so einen Scheiß gesehen zu haben.
schandmaul1000 04.01.2013
Die Droge 007 wirkt,nur so ist zu erklären,das ich den Film nicht während der Vorstellung,laut schreiend verlassen habe.
3. Spiegelbild
minuskel45 04.01.2013
Der bond zu seiner zeit wirkt immer etwas angestrengt und kitschig. Aber nur weil viele alltägliche unwichtigkeiten, einstellungen und ängste in 2 stunden film gepresst werden. Ein bond zeigt seine wirkung nachdem er einige jahre gereift ist. So bekommen über 20 bond filme eine dokumentarische note. Und tatsächlich dokumentiert skyfall perspektivlosigkeit, beliebigkeit und fadheit unserer zeit. So erklärt sich auch die rückkehr ins holzvertäfelte büro der 60er als nötiger schritt um wieder aus dem wahnwitz der technikkonzernmoderne zu entfliehen.
4. Erfolg des Bösen
glutamat 04.01.2013
Der Kolumnenautor war wohl zu sehr mit der Formulierungsfärberei seines Verisses beschäftigt um den offensichtlichsten Erfolgsgrund zu übersehen. Der Erfolg ist in meinen Augen nicht einem alternden Hauptdarsteller geschuldet sondern einem großartigen Bösewicht, herausragend dargestellt von Javier Bardem. Das der Antagonist eines Filmes ein ebensolcher Erfolgsgarant sein kann wie der Protagonist, hat uns Heath Ledger in "The Dark Knight" schon bewiesen.
5. Schlechtester Bond aller Zeiten
Liechtenstein 04.01.2013
Skyfall ist leider der schlechteste Bond aller Zeiten. Furchtbar langweilige Story und völlig unlogisch. Das fällt den wohlwollenden Kritikern natürlich nicht auf wenn man alles mögliche in den Film hineininterpretiert. Der Erfolg des Films dürfte auf den Hype (50 Jahre Bond) und der Markeingmaschine beruhen. Mehr nicht.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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