Feinstaub-Fotos aus China Ist da noch Licht am Ende des Smogs?

Nebel des Grauens: Der Berliner Künstler Benedikt Partenheimer hat die chinesische "Airpocalypse" in Bilder gefasst. Seine gespenstischen Feinstaub-Fotos berichten vom Albtraum der Umweltverschmutzung.

Von

Benedikt Partenheimer

Die Bewohner Pekings haben sich daran gewöhnt, dass sie die Sonne nicht mehr sehen. Fast jeden Tag liegt über der chinesischen Hauptstadt eine undurchdringliche Dunstwolke. Ärzte empfehlen ihnen an manchen Tagen, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Für Asthmatiker und alte Menschen kann die Luft dann tödlich sein, immer präsent, aber kaum greifbar.

Der Berliner Fotograf Benedikt Partenheimer, 37, hat diese unwirkliche Bedrohung festgehalten. "Particulate Matter", also "Feinstaub", nennt er seine Serie über Chinas Großstädte. Sie zeigt die chinesische "Airpocalypse" in unwirklichen Nebelbildern, in ästhetischen Traumlandschaften.

Dabei ist das Motiv eigentlich ein Albtraum: Stickoxide, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Rauch und Ruß belasten die Luft, eine eklige Mischung, die sich in der Lunge ablagert. Sie verursacht Kopfschmerzen und Übelkeit, langfristig auch Herzinfarkte und Krebs. Die Chinesen geben Hunderte Millionen Euro pro Jahr für Anti-Smog-Produkte aus. Es geht ums Überleben.

Der Staat beschwor Industrie-Romantik

Partenheimer wohnte auf Einladung eines Schweizer Konzerns in einer Künstlerresidenz in Shanghai, als er begann, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. Seine Bilder spielen mit der Wirklichkeit. Ist auf ihnen überhaupt etwas zu sehen? Zur Orientierung gibt er dem Betrachter die Luftwerte mittels Air Quality Index (AQI) an. Ein AQI zwischen 200 und 300 gilt als sehr ungesund, über 300 als absolut gefährlich, dies entspricht etwa dem Zwölffachen des von der WHO empfohlenen Wertes.

Auf dem Bild "Sonne" (AQI 350) lässt sich die Lichtquelle nur erahnen. Sie auszumachen strapaziert das Auge. Die Verbotene Stadt verschwindet bei AQI 330 im Nebel, die Schiffe auf dem Fluss Huangpu driften mit AQI 440 ins Ungewisse. Schwerelos erscheinen einzelne Objekte im Raum.

Chinas Problem mit Luftverschmutzung ist massiv, und die Lage verschlimmert sich zusehends. 2014 hatte Ministerpräsident Li Keqiang vor dem Volkskongress zwar noch verkündet, China befinde sich "im Krieg gegen die Luftverschmutzung". Doch als die Journalistin Chai Jing im Februar ihre Smogdokumentation "Unter der Glocke" veröffentlichte, diese persönliche Klage über Chinas Luftverpestung, vorgetragen von einer jungen Frau, die in Peking lebt und sich Sorgen um ihr Baby macht - da würgte das Propaganda-Ministerium jede Diskussion ab und zog den Film aus dem Verkehr.

Partenheimers Bruch zwischen Darstellung und Wirklichkeit steht für die Kommunikation des Politbüros. "Die chinesische Regierung hat viele Jahre die Luftverschmutzung über den Megacitys als Nebel oder Dunst bezeichnet und damit versucht, das Problem zu verharmlosen und zu romantisieren", sagt Partenheimer. Seine Fotos greifen diese Strategie auf: Ästhetische Bilder führen den Betrachter zu einer brutalen Wirklichkeit hin, hinter der sanften Kommunikation stecken harte Fakten.

Partenheimer war bei Feinstaubwerten zwischen 300 und 400 unterwegs. Die Sonne war oft nicht mehr als eine schmutzige rote Scheibe, wie viele Chinesen auch trug er eine Stoffmaske. "Eigentlich müsste man eine richtige Gasmaske tragen", sagt Partenheimer, der trotz körperlicher Fitness selbst im Smog Mühe hatte zu arbeiten. "24 Stunden in Peking sind wie drei Schachteln Zigaretten."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lattus 14.04.2015
1. Neue Daimler-Fabrik
Und damit alles so weitergeht mit dem Fortschritt und China (und der Geldgier der Menschen) baut gerade Daimler auch eine riesige PKW-Fabrik für 100e veraltete und extrem schädliche Verbrennungs-PKW. Nach uns der Nebel!
Airkraft 14.04.2015
2. Feinstaub?
Feinstaub? Für mich sieht das eher nach "Grobstaub" aus ;-)
AusShanghai 14.04.2015
3. Tolle Bilder - leider realitätsfern
So langsam bin ich das China-Bashing leid. Wieder einmal ein Artikel von jemandem, der vermutlich noch nie in China war, mit Bildern eines Fotographen der - auf den Katastrophenzug aufgesprungen - berühmt werden will. Ich wohne in Shanghai und weiß aus eigener, täglicher Erfahrung: So sieht es einfach nicht aus. Weder in Peking, noch in Shanghai. Ja, die Luftqualität ist schlecht (immerhin sind es 23 Mio Einwohner) und es gibt schlechte Tage. Die Aussage "Fast jeden Tag" allerdings ist deutlich übertrieben. In Peking gab es von Jahresbeginn bis heute weniger als 7 Tage mit Werten über 400 (Feinstaub, nicht zu verwechseln mit dem im März üblichen Sandsturm), in Shanghai genau einen einzigen. In der Regel sind diese Situationen auch nicht von Dauer, der nächste Tag kann schon wieder deutlich besser aussehen. Die Tage dazwischen, an denen in Peking häufiger auch Werte zwischen 0 und 50 erreicht werden werden nicht erwähnt - sie sind eben keine Nachricht wert, gutes China verkauft sich nicht, es erfüllt nicht die westliche Überheblichkeit. Zugegebenermaßen sind auch die meist üblichen Werte zwischen 100 und 200 zu viel und es muß dringend etwas getan werden, aber die reißerischen Kommentare und Artikel in deutschen Zeitungen entbehren trotzdem jedweder Realität. PS: Leider kann ich hier keine AQI400 Bilder veröffentlichen, die mit "normalen" Kameraeinstellungen gemacht wurden, denn merkwürdigerweise sehen diese deutlich anders aus, als die des Fotographen..
peter13j 14.04.2015
4. Immer die gleiche Leier
Lebe selber in Peking und kann mich meinem Vorredner 'AusShanghai' nur anschließen. Es es ganz einfach nicht wahr, dass die Luft in Peking jeden Tag schlecht ist. Ganz im Gegenteil, der vergangene Winter hatte sehr viele sonnige Tage. Es wird offensichtlich einiges gegen den SMOG getan. Leider scheinen positiven Nachrichten aus China nicht in SPONs Weltbild zu passen.
tim.berg78 14.04.2015
5. Miese Stimmungsmache
Dieser Artikel ärgert mich. Mich verwundert diese herrenreiterliche Attitüde, mit der ignorante Pseudo-Journalisten in einschlägigen Zeitungen wie dem Spiegel ungestraft schlecht berichten dürfen. Um die zugegebenermaßen teils schwierigen klimatischen Bedingungen in der VR China zu verstehen, bedarf es einer differenzierten Betrachtung der sozioökonomischen Verhältnisse in dem Land: China verfolgt seit dem Ende der 1970er Jahre eine wirtschaftliche Reform- und Öffnungspolitik, die den Menschen zusehends zu besser Lebensverhältnissen verhilft. Diese wirtschaftlich positive Entwicklung hat in der Tat einige hässliche Nebeneffekte produziert, u.a. die in weiten Teilen des Landes vorherrschende Feinstaubbelastung. Fakt ist, dass China dieses Problem, genau wie das Ruhrgebiet in den 1960er Jahren, lösen wird. Fakt ist auch, dass die im Westen viel gechasste kommunistische Führung in den letzten drei Jahrzehnten vieles Richtig gemacht hat. Eine derart konsequente Korruptionsbekämpfung würde ich mir für Deutschland sehr wünschen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.