S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wer auffällt, ist out

Warum sehen wir in den sozialen Medien eigentlich alle gleich aus? Über den Wahn, sich online ständig selbst zu vermarkten.

Eine Kolumne von


Madison Beer. Noch nie gehört. Aber sie von mir sicher auch nicht. Madison habe ich irgendwo im Internet gefunden. Madison singt. Ganz ok, kann man machen, kann man mögen, interessanter aber ist ihre Webpage. So muss das. Ziemlich ALLE Social Media Kanäle nutzen, um klarzumachen: Ich bin hier. Ich singe. Ich tanze. Ich schreibe. Stelle dar. Oder mache irgendeinen anderen Scheiß, den 700.000 gerade in dieser Sekunde auch machen. Die Verzweiflung ist greifbar. Oder hat sich zu Wahn entwickelt. So viele entäußern sich, als würden sie ansonsten nicht existieren. Wow, sie hat eine Million Instagram-Follower - heißt es anerkennend in den vor sich hin dümpelnden Printmedien. Von einer Millionen Leser träumen die.

Eine Millionen Follower sehen sich Tausende Fotos an, die alle gleich aussehen. Das Gesicht, der Körper im Gym, der Körper nebst Gesicht und niedlichem Hund, der Körper im Kleid. Millionen machen dieselben Bilder. Die globalisierte Welt ist ein gnadenloser Menschengleichmacher. Es gibt Selfie-Tutorials, und Selfie Make-up, um sein Gesicht so zu fotografieren, dass es aussieht wie die Gesichter aller. Und der Körper, und der Hund. Auffallen ist out. Anders sein eine Schwäche. Sich stark fühlen in der Uninformiertheit. Wer auffällt wird gefressen, wir wollen nicht auffallen. Wir wollen zu Gruppen gehören, großen, starken Gruppen, die einander behüten.

Sind wir weiblich, sind wir in Pro oder Kontra So-called-Sexy-Gruppen, als junge Männer in Pro-oder-Kontra-Muskelgruppen. Ken und Barbie gewinnen. Bei den homosexuellen Männern überwiegt der Jungbär, bei den Frauen der Kurzhaarschnitt. Millionenfach. Als gäbe es Menschen nur in sechs Geschmacksrichtungen. Kontinentübergreifende Vereinheitlichung der Schönheitsideale. Der Rest ist Müll. Die zu Dicken, zu Dünnen, die mit den abstehenden Ohren - Mann, lass die doch machen.

Es ist ein Fluch, Angehörige der Brücken-Generation zu sein. Die vor und nach Social Media. Immer zu wissen, wie es früher war, auch nicht besser, immer zu wissen wie unglaublich praktisch soziale Medien sind, und wie unglaublich dämlich zugleich. Sich zu fragen, wie es eigentlich um das Wissen bestellt ist, wenn Wissen für die meisten Wikipedia bedeutet, die als Wissen Zeitungen in Fußnoten auflistet, die wiederum von Wikipedia abschreiben. Nichts gegen die Presse, aber dass dort nicht ausschließlich Wissenschaftler beschäftigt sind, sondern eher oft unterbezahlte, gestresste Mitarbeiter, hat sich doch eigentlich in das Weltwissen eingegraben. Oder eben nicht. Denn das kommt ja von Wiki.

Ist die Demokratisierung der Intelligenz gleichbedeutend damit, dass Abstriche gemacht werden müssen? Wenn fünfzig Prozent der Wachzeit zur Selbstvermarktung verwendet werden, bleibt nicht mehr viel Zeit um zu lernen. Spricht für Wiki. Wenn die Menschen sich andauernd knipsen, können sie keinen Blödsinn machen. Spricht für Social Media. Verblödete, gutaussehende Weltbevölkerung, die sich in Form hält, vegan lebt, nicht wählen geht und andauernd "Awesome!" schreiend mit den Händen wedelt. Geht klar. Gibt Schlimmeres.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
ReinhardZiegler 09.04.2016
1. Glashaus
Liebe Frau Berg, Recht haben Sie, aber machen Sie nicht dasgleiche ? Selbstvermarktung durch gut bezahlte Kolumnen ?
Khema 09.04.2016
2. Wikipedia
... ist ein Hort des Wissens gegenüber Facebook, youtube und ähnlichen "Wissensvermittlern", die oftmals viel relevanter im Alltag der Menschen sind. Was Sie bei der "Klage über die Jugend", die lieber Bibis Beauty Palace schaut und sich Sixpacktipps von Youtube besorgt, leider unterschlagen, ist die Klassenfrage. Es gibt sie, die Kinder, die Geige spielen und im Schachclub sind, denen die Eltern schon in der 1. Klasse Rechtschreibung beibringen (weil es die Schule erst in der 3. oder 4. tut), aber die sind in den sozialen Medien weniger oder anders vertreten. Während ein kleiner Teil der jungen Menschen zwei Tages- und zwei Wochenzeitungen zu Hause hat und eine Bücherwand im Wohnzimmer, wird der andere mit halben Informationen und Selfietipps bespaßt, die es zum Nullpreis fertig über die Flatrate gibt. Meyers Universallexikon ist immer noch verdammt teuer, Theaterkarten gibt es nicht für 2,50 Euro. Das ist eine wesentliche Grundlage der von Ihnen geschilderten Symptome. Ich würde mich freuen, die wären auch einmal einen Kommentar wert.
Darwins Affe 09.04.2016
3. Infantilisierte Spassgesellschaften
Vielleicht liegt Vieles auch an der Schulausbildung („Lernen muss Spass machen“). Bei den Pisa-Studien fallen die westlichen Länder gegenüber Südostasien ja nicht gerade durch Glanzleistungen auf.
adam.danziger.walencik 09.04.2016
4. Liebe Frau Berg
Ist das überhaupt ein Thema , Frau Berg ? Klappern gehört zum Handwerk und die Naiven probieren es nachzumachen . Der Ruhm lockt .Sind Sie anders ?Auch Originalität kann schablonenhaft sein ;-)
spon-facebook-1810274577 09.04.2016
5.
Zitat von ReinhardZieglerLiebe Frau Berg, Recht haben Sie, aber machen Sie nicht dasgleiche ? Selbstvermarktung durch gut bezahlte Kolumnen ?
Ah, und Sie wissen, wie hoch das Honorar für Frau Berg ist? Und warum ist das im Kontext der vermeintlichen Selbstvermarktung der Frau Berg ein Thema?
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