Society-Wunder Paris Hilton Zu schön, um rar zu sein

Paris Hilton ist erstmal wieder frei. Recht so! Sie ist der größte Pop-Star der Gegenwart. Weil sie nichts wirklich kann und alles darstellt: Armut, Reichtum, Sex, Kälte, Genialität, Leere. Bauen wir ihr einen Altar, beten wir sie an. So schön wird die Postmoderne nie wieder.

Von Daniel Haas


Die Eltern von Paris Hilton heißen Richard und Kathy. Sagt man. Tatsächlich aber wurde Paris von Andy Warhol und Lil' Kim gezeugt. Vom Pop-Artisten hat sie die Fähigkeit, sich selbst und ihre Erscheinungen zu vervielfachen und dabei zugleich flüchtig wie ein Parfumhauch zu sein. Von der HipHop-Proletin erbte sie das Knowhow der Provokation bei gleichzeitiger Selbstvermarktung: In den Knast gehen und damit Geld verdienen, die schwedischen Gardinen zum Luxusaccessoire zu machen, das hat in dieser Form bislang nur Amerikas erfolgreichste Rapperin hingekriegt.



Überhaupt ist Paris Hilton, dieser porzellanweiße Abkömmling des Oberklassen-Amerikas, mehr HipHop, als es viele Knarrenschwenker und Kettenrassler des Genres je sein werden. Eisern hält sie sich an zwei Grundgesetze des Rap wie Nicole Richie an den Martini: Fang einen Beef an und mache ihn zu Geld. Beef nennt man den Streit zwischen zwei Parteien, von dem beide in puncto Medienaufmerksamkeit profitieren. 50 Cent beschimpft The Game, Lil' Kim beschimpft Foxy Brown, R. Kelly beschimpft Jay-Z - und am Ende verkaufen alle mehr Platten.

Paris Hilton liegt mit dem kompletten Geschmacksbürgertum im Streit. Jeder ihrer Auftritte wird mit Stöhnen der Entrüstung und Augenrollen des Genervtseins quittiert. Wo sie erscheint, geht mindestens das Abendland unter; sie ist, um einen alten Vergleich zu bemühen, wie ein Autounfall: schlimm, aber man muss einfach hinsehen. Die meisten hassen sie, und gerade das macht sie so kostbar: als Werbeträger, als TV-Star, als Pop-Ikone. Wenn jeder dich unmöglich findet, wird das Unmögliche wahrscheinlich: Du bist in einem Maße mehrheitsfähig, von der Marketingstrategen mit ihrer Fixierung auf Zielgruppenkontakte, immer geträumt haben.

Nobel, billig, Hilton

Deshalb ist Paris Hilton Hartz IV und Gucci, Prekariat und Penthouse in Personalunion. Sie kann ihr Hündchen in Versace kleiden und dabei ordinärer sein als eine Hure aus St. Pauli. Sie kann in einem Porno durchs Internet geistern und wirkt dabei noch so rechtschaffen wie eine Betschwester.

Ob sie Werbung für Nobelmode oder für Fastfood macht: Hilton ist niemals arrogant. Arroganz ist eine Kategorie für Aristokraten oder Möchtegerns, aber die 26-jährige Großverdienerin überschreitet lässig solche Gegensätze. Paris Hilton funktioniert dialektisch, in Philosophie-Seminaren sollte man mit ihr Hegels Methode erklären: Es gibt das Noble, es gibt das Billige, die Synthese heißt Hilton. Vom Trash trennt sie die Souveränität, mit der sie, wie man weiß, ihre eigenen Deals abwickelt. Wer seinen Preis selber bestimmt, ist niemals Ausschussware.

Wenn dich alle hassen, ist auch der Umkehrschluss wahr: Alle begehren dich. Hilton passt in die erotischen Fieberträume von Männern und zu den Solidaritätswünschen von Frauen. Für den XY-Chromosomenträger ist sie wahlweise eine Renaissance-Schönheit mit Alabasterhaut, ein Girlie mit Lolita-Charme oder eine Twiggy fürs neue Jahrtausend, an deren Erscheinung sich Machtphantasien heften lassen.

Für Frauen kann sie den Typus der besten Freundin verkörpern, die es mit Lindsay und Britney geschafft hat, ein weibliches Brat Pack auf die Beine zu stellen. Saufend und vögelnd zieht dieses Trio infernale durch die Medienlandschaft und inszeniert die postfeministische Tugend, obszöner zu sein als jeder Macho. Verwahrlosung auf höchstem Styling-Niveau, Selbstzerstörung mit Gewinngarantie - das bekamen bislang nur männliche Rockstars hin. Diese Domäne haben Hilton und ihre Truppe endgültig für sich erobert.

Schrecklich göttlich

Natürlich sind dies alles Projektionen. Man kann keine ontologisch tragfähige Aussage über Paris Hilton machen. Sie ist - ja, was denn? Eine Sphinx der Popkultur, die heulend auf dem Weg ins Gefängnis fährt, während ihr Management vermutlich gerade eifrig einen Millionen-Buch-Deal aushandelt. So wie man sie vorher mit Blackberry durch die Gegend laufen sah, wurde sie unlängst mit einer Bibel abgelichtet. Man kann davon ausgehen, dass dieser spirituelle Entwicklungsroman bei modebewussten Girls ein solides Comeback erleben wird. Auch die Fußfessel, die Hilton nun zwecks Überwachung tragen muss, wird als Accessoire Eingang in die Mode finden.

Wenn sie also nichts wirklich ist, ist sie dann nicht wirklich? "Ist sie, die stets so kalt und distanziert tut, überhaupt ein Mensch?", fragte der Society-Kolumnist Tim Fischer in "Vanity Fair". Die Antwort lautet: Nein, Paris Hilton ist ein metaphysisches Phänomen. Sie ist überall, verstreut über Tausende von Websites, allgegenwärtig in Werbespots und TV-Sendungen. Ein Zeichen der Dekadenz, dass für die Dekadenz der Zeichen und deren Sinnentleerung entlang der Verwertungsketten des Medienkapitalismus steht.

Bei all den zirkulierenden Bildern kann man sich letztlich kein Bild machen von ihr - ein Indiz, dass hier eine transzendente Größe am Werk ist. Solange sich nicht herausstellt, dass sie ein Cyborg ist oder eine von Gaultier und Derrida ausgeheckte Menschmaschine, muss man sie als genau das verehren: als numinose Gestalt, als Göttin der Popkultur.

Und das Erstaunlichste: Man kann wahlweise vor ihr auf die Knie fallen. Oder auf sie herabschauen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
bugmenot, 08.06.2007
1. brei hoch zwei
mit verlaub, aber: selten so einen komplett-brei gelesen. es ist wirklich nicht nötig, die themen aus dem brüste-und-gewalt-ressort "panorama" auch noch in den eher unaufgeregten kulturteil zu heben. der gesamte artikel ist an den haaren herbeigezogen und eine äußerst eigenwillige interpretation der realität. erinnert ein wenig an "das prinzip" aus dem SZ-magazin, jedoch im "versucht aber nicht gekonnt"-remix. dass marketingstrategen von paris hilton träumen ist übrigens ein gerücht. man sehe sich an, für welche marken madame wirbt: allesamt wollen/wollten dringend und schnell aufmerksamkeit erzielen - von nachhaltiger strategie keine spur. eine eingeführte und wertvolle marke wäre äußerst schlecht beraten, sich mit paris hilton "zu schmücken".
Stefan Albrecht, 08.06.2007
2. Der Artikel lässt eines außer Acht...
Bei all den im Artikel aufgezählten Eigenschaften von Paris Hilton, denen ich durchaus zustimmen kann, fehlt mir eine sehr wichtige, jene wofür ich sie halte: Einsam, unglücklich und kindisch. Weil all diese Betrachtungen von anderen, das von allen in eine Schublade gesteckt werden, wie es der Artikel tut und wie auch ich es hier zweifelsohne tue, für mich eine riesige Belastung wäre. Ich würde mir selber wie jemand vorkommen, der keine wirklichen Freunde hat sondern nur Bekannte, die nur da sind, solange ich mich noch vermarkten und meine Rolle weiterspielen kann. Und wenn ich wirklich schwach bin und es mir nicht gut genug geht, um an meiner Rolle festzuhalten, würde es niemanden geben, dem ich vertraue. Eigentlich ziemlich traurig.
5sternedeluxe 08.06.2007
3. Paris hier, Paris dort
Nun ja irgendwann ist denke ich mal Zeit einfach eine Sache zu sagen - forgot Paris. Solche Menschen sind nur so lange interessant, wie die Öffentlichkeit auf Sie hereinfällt! Meiner Meinung nach ist jede Veröffentlichung über die Art von Menschen reine Zeit und Platzverschwendung und hat eher was auf renomierten Seiten wie Bild.de zu suchen als im Spiegel.
revolutzi, 08.06.2007
4.
was hat das geschreibsel mit der tatsache zu tun, dass die in den knast gehört wie jeder andere mensch, wenn er eine haftstrafe erhält. das messen mit zweierlei mass, ist eine klare unverschämtheit, und ein schlag ins gesciht für jeden *normalen* anderen menschen! basta. die soll sitzen.
Dorian Hunter, 08.06.2007
5. Für eine Handvoll Dollar
Jetzt mal im Ernst: Das geht nur in Amerika und wahrscheinlich in Deutschland. Man begeht eine Straftat, hat genügend Geld, schmiert einige Anwälte und kommt frei. Anschließend schreibt man ein Buch, dreht einen Film oder gibt Interviews und verläßt die Szene mit rund einigen Millionen Dollars mehr in der Tasche. Ich verurteile eigentlich Selbstjustiz, aber im Falle von Hilton wäre die angebracht. Man müsste die Dame in eine Sammelzelle mit 10 Personen sperren und die Strafe verdoppeln! Komisch finde ich eigentlich nur die Justiz, die sowas zuläßt. Aber um Gerechtigkeit zu erhalten, darf man sich eigentlich nicht mehr auf die Gerichte verlassen.
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