Solidaritätsaktion für Kirill Serebrennikow Mit Cate Blanchett und Nina Hoss gegen Putins Justiz

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow steht unter Hausarrest. Deutsche und internationale Künstler fürchten, er solle "mundtot" gemacht werden. Sie appellieren mit einer Unterschriftenaktion an die russische Justiz und deutsche Politiker.

Cate Blanchett
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Cate Blanchett


Im Fall des am vergangenen Dienstag verhafteten und mit Hausarrest belegten russischen Theater- und Filmregisseurs Kirill Serebrennikow wendet sich Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, nun mit einer Solidaritätsaktion an die Öffentlichkeit. Ostermeier nennt Serebrennikow "einen Freund". In den Maßnahmen der russischen Justizbehörden gegen den Regisseur Serebrennikow, der seit 2012 das renommierte Moskauer Theater Gogol-Zentrum leitet und auch im Ausland hoch angesehen ist, sieht Ostermeier "den Versuch, einen kritischen Künstler mundtot zu machen".

Die Moskauer Staatsanwaltschaft beschuldigt den 47-jährigen Serebrennikow, zwischen 2011 und 2014 staatliche Gelder in Höhe von 68 Millionen Rubel (knapp eine Million Euro) veruntreut zu haben. Wegen dieser Vorwürfe stellte ein Gericht in Moskau den Regisseur bis zum 19. Oktober unter Hausarrest. In dieser Zeit darf Serebrennikow, der unter anderem mit dem Film "Der die Zeichen liest" (2016) und Plänen für ein nie verwirklichtes Filmprojekt über die Homosexualität des Komponisten Peter Tschaikowsky Furore machte, keine Theater besuchen und keine Filme drehen. Auch jeder Kontakt zu Medien ist ihm verboten. Der Künstler selbst hat im Gericht alle Beschuldigungen zurückgewiesen und seine Freilassung verlangt. Schon im Mai waren mehrere vertraute Serebrennikows verhaftet und seine Wohnung durchsucht worden.

Fadenscheinige Vorwürfe

Ostermeier hat nun gemeinsam mit dem Dramatiker Marius von Mayenburg eine Petition verfasst, mit der er auf der Aktivistenplattform change.org Unterschriften sammeln will. Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs gehören die Schauspielerinnen Cate Blanchett und Nina Hoss, der britische Regisseur Simon McBurney, der russisch-deutsche Pianist Igor Levit, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und der Stuttgarter Staatsopernintendant Jossi Wieler. An dessen Haus wollte Serebrennikow in den nächsten Wochen eigentlich arbeiten - die für den 22. Oktober angekündigte Serebrennikow-Inszenierung der Oper "Hänsel und Gretel" soll wie geplant in Stuttgart Premiere feiern; ein nach Deutschland entsandtes Mitarbeiterteam des russischen Regisseurs soll das Projekt verwirklichen.

Der Solidaritätsaufruf von Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg im Wortlaut:

"Wir protestieren gegen die Verhaftung von Kirill Serebrennikow. Die Vorwürfe gegen ihn sind unhaltbar und lassen erkennen, dass hier ein international renommierter Regisseur mundtot gemacht werden soll.

Serebrennikow wird vorgeworfen, Gelder mittels einer nie stattgefundenen Inszenierung von Shakespeares 'Sommernachtstraum' veruntreut zu haben. Videoaufnahmen, Rezensionen, Zuschauerberichte auf Facebook, Gastspiele in Riga und Paris, eine Nominierung für den Russischen Nationaltheaterpreis 'Goldene Maske' und nicht zuletzt der Spielplan des Gogol Center in Moskau beweisen, dass dieser Vorwurf absurd ist. Dennoch drohen Serebrennikow eine Verurteilung und bis zu zehn Jahre Gefängnis.

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Kirill Serebrennikov: Der Kreml-kritische Regisseur

Unverhältnismäßig ist auch der Hausarrest, der bis Prozessbeginn über ihn verhängt wurde. Serebrennikow muss eine Fußfessel tragen, darf Internet und E-Mail nicht nutzen und nur nahe Familienangehörige empfangen. Das bedeutet nichts anderes als Kontaktsperre, Vorverurteilung und Arbeitsverbot für einen der berühmtesten russischen Gegenwartskünstler.

Wir fordern die russische Staatsanwaltschaft auf, die Strafverfolgung gegen Kirill Serebrennikow einzustellen und die fadenscheinigen Vorwürfe gegen ihn fallenzulassen.

An unsere Regierungsvertreter richten wir den Appell, aufs Schärfste darauf zu drängen, dass Serebrennikow nicht als Opfer eines politisch motivierten Rufmords im Gefängnis landet."

Thomas Ostermeier selbst hat mit Kirill Serebrennikow zuletzt vor einigen Wochen gesprochen. Damals habe Serebrennikow seine Lage bereits so eingeschätzt, "dass es für ihn jetzt wohl vor allem darauf ankomme, den letzten Zug raus aus dem Land zu erwischen, bevor man ihn verhaftet". Es sieht so aus, als habe Serebrennikow diesen letzten Zug verpasst.

Dies ist die Liste der bisherigen Unterzeichner:

1. Maren Ade (Filmregisseurin)

2. Benedict Andrews (Theater- und Filmregisseur)

3. Josef Bierbichler (Schauspieler / Autor)

4. Cate Blanchett (Schauspielerin)

5. Andrea Breth (Theaterregisseurin)

6. Sophie Calle (Bildende Künstlerin)

7. Teodor Currentzis (Dirigent)

8. Lars Eidinger (Schauspieler)

9. Carolin Emcke (Autorin)

10. Kristín Eysteinsdóttir (Theaterdirektorin Reykjavik City Theatre)

11. Jürgen Flimm (Intendant Staatsoper Unter den Linden)

12. Herbert Fritsch (Regisseur)

13. David Harrower (Autor)

14. Nina Hoss (Schauspielerin)

15. Vladimir Jurowski (Dirigent)

16. Ulrich Khuon (Intendant Deutsches Theater Berlin / Präsident des Deutschen Bühnenvereins)

17. Barrie Kosky (Intendant Komische Oper Berlin)

18. David Lan (Intendant Young Vic London)

19. Igor Levit (Pianist)

20. Joachim Lux (Intendant Thalia Theater Hamburg)

21. Ari Mattthíassin (Intendant National Theatre of Iceland)

22. Marius von Mayenburg (Theaterregisseur / Autor)

23. Simon McBurney (Theaterregisseur / Schauspieler)

24. Sergio Moabito (Dramaturg)

25. Sergej Newski (Komponist)

26. Thomas Ostermeier (Intendant Schaubühne Berlin)

27. Milo Rau (Theaterregisseur / Autor)

28. Mark Ravenhill (Autor)

29. Falk Richter (Theaterregisseur / Autor)

30. Julian Rosefeldt (Videokünstler)

31. Volker Schlöndorff (Regisseur)

32. Danis Tanovic (Filmregisseur)

33. Enda Walsh (Autor)

34. Jossi Wieler (Intendant Oper Stuttgart)

35. Elfriede Jelinek (Schriftstellerin)



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Teddi 27.08.2017
1. Stille Wasser...
Stille Wasser gründen tief, sagt ein altes Sprichwort. Es war in letzter Zeit etwas still um lootin' Putin geworden, da unsere Aufmerksamkeit durch das Kasperl Theater Erdowahn und chump Trump in Anspruch genommen wurde. Putin konnte dadurch in tiefgründiger Stille seinen schlechten Ruf etwas aufmotzen. Für seine Pläne eine neue Weltmacht Russland Föderation aufzubauen steht er außenpolitisch etwas hilflos, oder besser, ratlos da, denn gerade durch dieses Kasperl Theater und zusätzlich die lahmende IS-Ratte und den Grenznachbarn Kim Jong Bumm - oder war es Kim Jong Dumm - kann er momentan nicht gut ausmachen, wen er zu Freund oder Feind erklären soll, oder besser zu Partner oder Gegenspieler. Sein Überfall auf die Krim und Bedrängung von Ost-Ukraine brachte trotz allgemeiner Empörung nicht die gewünschte Reaktion, nämlich kriegerische Einsätze von Westmächten oder eine riesige politische Auseinandersetzung. Beides hätte ihm die Möglichkeit gegeben noch aggressiver zu werden und dadurch zusätzlich an Territorium und Macht zu gewinnen. Aber der Westen reagierte besonnen und kühl kritisch, garnicht was sich ein Feldherr mit Macht-Illusionen wünscht. Und nun stehlen ihm die anderen vielen Verrückten die Show. Da bleibt ihm nichts übrig, als seine Machtgelüste durch Verfolgung seiner Kritiker auszuleben. Was soll aber nun geschehen? Das Leid-geprüfte russische Volk hofft erstmal noch, dass alles gut wird und Putin ihren Träumen entspricht. Es wird wohl noch etwas dauern, bevor sie wach werden und ein weiterer Umsturz alles wieder kaputt schmeißt, um dann alles wieder schön neu aufbauen zu müssen. Oder kann da ein Riesendruck von außen helfen? Könnte schon sein, aber da dauert es immer sehr lange, bevor der Erfolg eintritt. Genau 40 Jahre im Falle Deutschland. Vielleicht kommt Putin mit der Zeit selber auf die Idee, dass es auch anders geht. Ich würde das den russischen Menschen wünschen. Ob es nun hilft mit den Unterschriften? Ich wünsche jedenfalls viel Glück und Erfolg, so oder so.
AntonM. 27.08.2017
2.
"Serebrennikow wird vorgeworfen, Gelder mittels einer nie stattgefundenen Inszenierung von Shakespeares 'Sommernachtstraum' veruntreut zu haben." Ich dachte ihm wird vorgeworfen das Geld bei der Realisierung des Projektes "Platform" im Zeitraum 2011–2014 veruntreut zu haben. Um 'Sommernachtstraum' geht es eigentlich nicht bzw. ist das nur Einzelfall, dass die Inszenierung stattfand bestreitet keiner. Die verehrten Damen und Herren sollten selber vorher recherchieren bevor sie etwas unterschreiben. Aber eine 'nie stattgefundenen Inszenierung!' klingt viel spektakulärer als 'das könnte kompliziert sein'.
SanchosPanza 28.08.2017
3. Rechtsstaat
In einem Rechtsstaat wird auch gegen im Ausland populäre Künstler ermittelt bei Verdacht auf eine Straftat. Die Anbahme, die russische Justiz wäre der Kettenhund Putins und deshalb erst mal böse ist naiv, auch wenn man mit Putin-Bashing immer punkten kann. Es darf bei solchen Ermittlungen keine Vorverurteilungen geben aber eben auch keine Freisprüche von Medien oder Promis. Vielleicht hat er ja echt geklaut, obwohl er so sympathisch ist?
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