Offener Brief an die Bundesregierung Theaterchef fordert Soli-Zuschlag für Kultur

Steuermilliarden für die Oper statt für Ostdeutschland? Zum Jahrestreffen deutscher Bühnenchefs fordert der Leiter des Mannheimer Theaters in einem offenen Brief, den Solidaritätszuschlag umzuwidmen: in eine Kulturabgabe.

DPA

Hamburg/Mannheim - Die Finanznot in vielen deutschen Theater- und Opernhäusern ist groß, weil in vielen Städten seit Jahren Subventionen gekürzt und Tariferhöhungen nicht ausgeglichen werden. Deshalb will der Mannheimer Theaterchef Burkhard C. Kosminski nun beim Bund neue Geldquellen erschließen. Er halte es für "eine gute Idee, den bislang für andere Zwecke genutzten Solidaritätszuschlag der deutschen Steuerzahler umzuwidmen und zukünftig für Kultur und Bildung zu verwenden", schreibt der Intendant Kosminski in einem offenen Brief, den SPIEGEL ONLINE dokumentiert. Der Appell ist adressiert an Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die baden-württembergischen Landesminister für Wissenschaft und Kultur, Theresia Bauer und Andreas Stoch.

Die Situation für viele Theater sei "lebensbedrohlich", so heißt es in dem Brief, auch angesichts künftiger Belastungen. So könne die grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse, nach der Bund und Länder von 2020 an überhaupt keine Schulden mehr machen dürfen, "für die Kultur einen radikalen Kahlschlag bedeuten". Auch das derzeit diskutierte Freihandelsabkommen zwischen EU und USA wird von vielen Theatermachern offenbar als Anschlag auf ihre Autonomie und das sie erhaltende Subventionssystem empfunden.

Kosminskis Forderung nach einem Soli-Zuschlag für Kultur soll das Jahrestreffen der deutschen Theater- und Orchesterchefs befeuern, das am Freitag und Samstag in Mannheim stattfindet. Kosminski sagt, er habe seinen Appell "in der Hoffnung auf viele Verbündete" mit Blick auf die am 13. und 14. Juni, also am Freitag und Samstag, in Mannheim ausgerichtete Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins verfasst. Tatsächlich berät der Bühnenverein laut Tagungsankündigung über das "Spannungsverhältnis zwischen Ökonomie und Kunst".

"Kultur wird ausschließlich ökonomisch diskutiert"

Die Theaterchefs wollen sich "grundsätzlich" der Frage widmen, "inwieweit die Kunst zunehmend ökonomischen Zwängen unterworfen wird und was das für die Freiheit der Kunst bedeutet". Konkret will man auch über das zwischen der EU und den USA geplante Freihandelsabkommens TTIP reden, von dem viele europäische Kulturschaffende Schlimmes befürchten: Zum Beispiel könnten nach Meinung vieler Experten nach einem Abschluss des Abkommens möglicherweise internationale Musicalbetreiber verlangen, dass ihre in einer x-beliebigen europäischen Stadt neu errichteten Häuser ähnlich hohe Subventionen bekommen wie am selben Ort ansässige Staats- und Stadttheater. Man solle alles "dafür zu tun, damit die Kultur aus dem derzeit diskutierten Freihandelsabkommen mit den USA herausgelöst wird. Kultur ist keine Handelsware", heißt es dazu in Kosminskis offenem Brief.

Immer wieder wurde in Deutschland in den vergangenen Jahren über drohende Theaterschließungen zum Beispiel in Dessau oder Wuppertal berichtet. Vermutlich spricht der Mannheimer Theaterchef vielen Kollegen aus dem Herzen, wenn er von seiner "Verzweiflung" darüber schreibt, "dass Kultur heute nur über Subventionen definiert und ausschließlich ökonomisch diskutiert wird." Zugleich deutet er an, dass auch die Künstler selbst zu ihrer derzeitigen Not beigetragen haben, weshalb die Kultur insgesamt "einen Bedeutungsschwund in erschreckendem Ausmaß" erlebe.

Er wünsche sich eine neue Wertedebatte zwischen Politikern und Kulturschaffenden "jenseits der zynischen Finanz- und Rentabilitätsdiskussion", so Kosminski. Die von ihm geforderte Umlenkung des Solidaritätszuschlags der deutschen Steuerzahler, die künftig Bildung und Kultur finanzieren sollen, diene dem Erhalt der "Vielfalt unserer Gesellschaft". Sie würde aber auch eine Verantwortungsverlagerung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden bedeuten. Bislang hielt sich der Bund weitgehend aus der Kulturfinanzierung heraus, Länder und Städte tragen die Hauptlast der Theater- und Opernsubventionierung. Angesichts der Notlage vieler Theater gilt dieses System nun als dringend reformbedürftig. Die gesamte Förderstruktur von Bund, Ländern und Gemeinden, fordert Kosminski, "muss neu diskutiert werden".

höb



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insgesamt 318 Beiträge
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spon-facebook-10000084939 11.06.2014
1.
man könnte stattdessen an die gehälter der intendanten etc gehen. statt protzbauten zu bauen, zweckbauten hinstellen. es gibt möglichkeiten ... bloss wollen die feinen herren intendanten ja nicht ...
Mans Heiser 11.06.2014
2.
Zitat von sysopDPASteuermilliarden für die Oper statt für Ostdeutschland? Zum Jahrestreffen deutscher Bühnenchefs fordert der Leiter des Mannheimer Theaters in einem Offenen Brief, den Solidaritätszuschlag umzuwidmen: in eine Kulturabgabe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/solidaritaetszuschlag-fuer-kultur-offener-brief-von-burkhard-kosminski-a-974454.html
Schlimmer verplempern als bisher kann man das Geld wohl kaum.
der_tor 11.06.2014
3. Unabhängiger Journalismus JA, aber das?
In unserer Gesellschaftsform ist unabhängiger Journalismus wichtig. Aber Theater und Oper sind weder notwendig noch irgendwie wichtig. Wer das sehen/hören möchte soll dafür zahlen. Irgendwann wird noch RTLII subventioniert, weil es soooo wichtig und kulturell und gesellschaftlich bedeutend ist. (Zumindest verfolgen mehr Menschen diesen Sender als Theater oder Oper.)
Blaumilchvor, 11.06.2014
4. Wo muss ich unterschreiben?
Ein sehr guter Vorschlag der unsere Gesellschaft bereichern würde. Die Mittel sollten jedoch zweckgebunden und für alle Kulturschaffenden (Theater, Oper, Schauspiel, Maler, Bildhauer usw. sowie Bildungseinrichtungen) anteilig genutzt werden können.
Andreasjilg 11.06.2014
5. Wöchentlich...
gibt es neue Vorschläge wie man Soli "umwidmen" kann. Wir erinnern uns, er wurde eingeführt, um die Nachteile Ostdeutschlands durch Besatzung und Teilung auszugleichen. Er wurde NICHT eingeführt um, - marode westdeutsche Bundesländer zu sanieren - weitere Milliarden in das ineffiziente Gesundheits- system zu pumpen - den Klimawandel zu verhindern - unsere Straßen und Eisenbahnstrecken zu sanieren - - - Habe hier noch ein paar Zeilen frei gelassen, damit Politiker aller Couleur hier ihre Verschwendungswünsche zu Lasten der Steuerzahler gleich eintragen können.
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