Kampnagel-Festival Sieg des Könnens

Extreme und Vielfalt sind Markenzeichen des Hamburger Sommerfestivals auf Kampnagel. Zwischen Ballett, Musik und Theater gelingt nicht alles, aber der Ballett-Großmeister Wayne McGregor fasziniert.

Andrej Uspenski

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Der warme Sommer meinte es gut mit dem diesjährigen Festival der Hamburger Kampnagelfabrik, denn das vielseitige Event ist auch stets ein freundliches Meeting für Kulturinteressierte unter freiem Himmel. Man isst, trinkt, klönt, trifft Künstler und Macher rund um die Veranstaltungshallen, und doch hat alles trotz der vielen internationalen Künstlerinnen und Künstler, trotz wilder Kontraste des Programms nebenbei auch den Charme eines Nachbarschaftstreffs.

In diesem Jahr eroberte die Musiksparte den inoffiziellen Pokal des Festivals, denn die Konzerte des legendären Sun Ra Arkestra und der Rap-Erfinder The Last Poets bildeten berauschende und verstörende Höhepunkte. Und am Schlusstag des Festivals geben sich gar die Helden des intellektuellen Pop, Blumfeld, auf Kampnagel die Ehre eines Reunion-Konzertes.

Weltpremieren und Hamburg-Tupfer

Das wird sicher nachhaltiger als das Gentrifizierungs-Grusical "Der König der Möwen", in dem der ehemalige NDW-Star Andreas Dorau Hamburger Lokalpolitik, eitle Künstler und alternde Alternative aufs musikalische Korn nahm. Immerhin ein Hamburg-Tupfer zwischen dem internationalen Großaufgebot an Hochkarätigem, wie die Weltpremiere der Künstlerin Ho Tzu Nyen aus Singapur, "The Mysterious Lai Teck", die sich mit der Geschichte Malaysias und einem Generalsekretär der kommunistischen Partei beschäftigte. Video, Musik, Puppenspiel, Projektionen und mehr bilden ein kraftvolles historisches Panorama: Kunst als erhellende Mittlerin von politischen Inhalten, ein wichtiger Teil und die Kernkompetenz von Kampnagel.

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Kampnagel-Festival: McGregor überzeugt mit Power-Ballett

Hochklassiges Ballett gab es auch diesmal wieder, zuletzt die rund 80 Minuten lange, intensive Aufführung von Wayne McGregors jüngster Schöpfung "Autobiography", die schon in London und Berlin erfolgreich lief. Viel verlangt der britische Choreograf Wayne McGregor von seinem Ensemble, aber auch vom Publikum. Seine Idee, ein Ballett in Spielfilmlänge auf seinem entschlüsselten Genom basieren zu lassen, setzt auf viel Offenheit beim Betrachter und entsprechende Fantasiewilligkeit. Das betanzte Innenleben des Compagnie-Chefs: Die Bilder des Balletts gliederten sich in McGregors 23 Chromosomenpaare, denen er Themen wie "Ageing", "Instinct" oder "Sleeps" zuordnete, die er auch fein didaktisch in Szenenüberschriften mitteilte.

Ein Ballett der Chromosomen

Völlig verlassen konnte sich Wayne McGregor - immerhin Resident Choreographer beim London Ballett - auf die technischen und körperlichen Möglichkeiten seiner Tänzerinnen und Tänzer. Alle Register vom klassischen Pas-de-Deux über Extrem-Ausdruck, perfekte Artistik bis an die Grenzen physischer Möglichkeiten fügte die zehnköpfige Truppe - ob solo oder im Ensemble - zu einem ständig fließenden Strom atemraubender Bewegungskunst zusammen, die einfach begeisterte, ob man nun die Chromosomen-Botschaft nachvollziehen konnte oder nicht. Sogar die oft dumpf-mehlige Techno-Electro-Musikmelange der Musikerin Jllin aus den USA konnten sie mit Akzenten fruchtbar strukturieren. Bei den beiden letzten Bildern, die mit jazzigen Elementen und Afro-HipHop-Beats grundiert sind, zeigt sich, welche Möglichkeiten hier musikalisch vernachlässigt worden sind - aber natürlich sollte es so sein.

Glühende Lichtideen und Folterinstrumente

Ganz groß und immer wieder aufrüttelnd wirkten die beweglichen Bühneninstallationen und Projektionen von Ben Cullen Williams, die aus harmlos anmutenden Pyramiden plötzlich bedrohliche Folterinstrumente werden ließen. Hypnotische Unterstützung erfuhren diese Aufbauten durch die Lichtregie und die im Wortsinne glühenden Ideen von Lucy Carter, die mit scheinbar minimalen Mitteln maximale emotionale Wirkung erzielten und immer im Dienst der unglaublichen Tänzerinnen und Tänzer standen.

Viel Schweiß floss an diesem warmen Sommerabend, aber anders wäre diese Grenzen sprengende körperliche Hochseilerfahrung auch nicht denkbar. Wen die gewisse Beliebigkeit der Choreografie und Abwesenheit von Musikdramaturgie nicht störte, hatte eine beglückende Erfahrung. Wayne McGregor und seine Supertruppe jedenfalls wurden vom Kampnagel-Publikum frenetisch gefeiert.


Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg geht bis zum 26. August.

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