Sommerfestival Hamburg Vom Hardcore-Punk in die Hochkultur

András Siebold leitet erstmals das Internationale Sommerfestival in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Seine Biografie ist ein wilder Mix aus Genres, Stilen und Stars - so wild wie der Mix seines ersten Sommerfestivals.

François Stemmer

Von


Es ist der Sommer der neuen Festivalleiter: Matthias von Hartz hat bei den Berliner Festspielen das Format Foreign Affairs übernommen, Florian Malzacher die Theaterbiennale Impulse in Nordrhein-Westfalen, Angela Glechner die Sommerszene Salzburg. Als Vierter im Quartett der neuen Performance-Impresarios folgt nun András Siebold. Er eröffnet am heutigen Mittwochabend das Internationale Sommerfestival Hamburg in der Kulturfabrik Kampnagel.

Wer verstehen will, für welches kuratorische Konzept Siebold steht, der kann ins 64 Seiten dicke Programmheft eintauchen, in dem Namen stehen wie Yoko Ono, Christoph Marthaler und Xavier le Roy. Noch besser aber taucht man ein in Siebolds Biografie, in der noch viel bekanntere Namen stehen. Wenn man wieder auftaucht, wird man sich wundern, dass Siebold erst 36 Jahre alt ist und nicht 64. Siebolds Leben ist vollgepackt mit Umzügen und Kulturjobs, ein wilder Mix der Orte und Personen, Genres und Stile, so wild wie der Mix seines ersten Sommerfestivals.

Aufgewachsen in einer Märchenwelt

Geboren ist Siebold in Zürich. Als er fünf war, trennten sich die Eltern: Der Vater zog nach Wien, die Mutter in den nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis, mit dem Sohn im Gepäck. Ein größerer Gegensatz war kaum denkbar: "In unserem Nachbardorf sind die Leute noch in Trachten rumgelaufen", sagt Siebold. "Das war eine komische Märchenwelt". Mit zwölf zog es die Mutter weiter, in die Kleinstadt Wolfhagen im Landkreis Kassel, ebenfalls in Nordhessen, ebenfalls provinziell. Wer dort mal so richtig einen draufmachen wollte, fuhr zu einer HR-3-Discoparty. "In der Schule war ich Teil einer Gruppe von fünf Aufmüpfigen", sagt Siebold. "Zwei von denen sind bei Verkehrsunfällen gestorben, einer ist drogenabhängig geworden. Das waren so die Storys da, wenn die Jugendlichen keine Lust mehr hatten, in den Feldern zu spielen."

Siebold spielte Gitarre in einer Hardcore-Punk-Band. Und er besuchte immer wieder seinen Vater in Wien. "Durch ihn stand für mich ein Kulturfenster offen". Der Vater, "ein Mathematiker und Schachspieler", war nach dem Ungarischen Volksaufstand 1956 ausgewandert, hatte Ingenieurwissenschaften studiert, "aber er hatte wie viele Ungarn seiner Generation ein ironisches Verhältnis zu Geld und Karriere." Zeitweise wohnte er über einer Ballettschule, er ging jeden Abend ins Konzert oder ins Theater. "Mit ihm habe ich die ganzen Claus-Peymann-Sachen im Burgtheater gesehen. Das war eine andere Welt für mich, ich hatte ja keinen Geschmack damals."

Nach dem Abitur zog Siebold aus Nordhessen nach Berlin, belegte an der Uni Philosophie, Kulturwissenschaften, Altgriechisch. "Da waren all diese Typen, die mit unglaublichem Vokabular hantierten", sagt er. "Ich brauchte zwei Jahre, um zu verstehen, dass das auch alles nur Floskeln waren, dass diese ganze Philosophie-Welt etwas Hochstaplermäßiges hat." Immer sei es darum gegangen, den anderen mit seinem Wissen zu erschlagen. "Das war spannend, aber mir hat die praktische Seite gefehlt. Ich wollte nicht nur der passive Beobachter sein, der mein Vater immer war."

Mit 22 bei den Wiener Festwochen

Siebold bewarb sich für ein Praktikum bei Tom Stromberg, der als Kurator verantwortlich war für das Begleitprogramm "Theaterskizzen" bei der Documenta 1997. Stromberg nahm ihn, und Siebold traf all die Menschen, die noch heute den Ton in der Theaterszene angeben: Heiner Goebbels, Christoph Marthaler, Meg Stuart, Stefan Pucher und Gob Squad, Hans-Werner Kroesinger, Jan Lauwers und seine Needcompany. Kaum war die Documenta vorbei, bekam er über seine neuen Kontakte das nächste Angebot – nicht mehr als Praktikant, sondern als Dramaturg: Siebold, gerade 22 geworden, unterstützte Jan Bosse, der Marius Mayenburgs Stück "Psychopathen" bei den Wiener Festwochen uraufführte. Die Produktion gewann den Regiewettbewerb, und Siebold kannte nun noch mehr Menschen in der Branche.

Auf den zweiten Kulturjob folgte so der dritte, auf den dritten der vierte, auf den vierten der fünfte. "Ich hatte immer den Plan, die Jobs parallel zur Uni zu machen und das Studium irgendwann zu beenden", sagt Siebold. Es kam anders. 1998 war er "als Assistent des Assistenten" bei der ersten Berlin Biennale dabei, die Klaus Biesenbach, Hans-Ulrich Obrist und Nancy Spector kuratierten. 1999 war er persönlicher Assistent des Theaterstars Robert Wilson, "ein besseres Kindermädchen", wie Siebold sagt. Er weckte den Meister morgens, packte ihm die Koffer, nahm seine Anrufe entgegen. "Ich war ganz weit unten, aber gleichzeitig war ich ganz weit oben. Ich war Wilsons engster Partner, seine wichtigste Vertrauensperson, die bei allen Terminen dabei war: bei allen Proben, bei allen Premieren und auch bei allen Dinners. Ich habe alle Museumsdirektoren kennengelernt und alle Intendanten, habe Gerard Mortier getroffen und Tom Waits und Nan Goldin. Alle wussten: Ich bin der verlängerte Arm von Wilson, an mir kommen sie nicht vorbei."

Bei der US-Fotografin Nan Goldin hinterließ Siebold so viel Eindruck, dass sie ihn im Jahr 2000 als Manager ihres New Yorker Studios engagierte. Er war nun 24, bekam 1000 Dollar die Woche, wohnte kostenlos in Nan Goldins New Yorker Luxus-Appartment. Ein Traum, könnte man denken. "Es war eine schwierige Zeit", sagt Siebold, "weil Nan in einem ziemlichen Drogenumfeld gelebt hat." Nach zwei Monaten brach er den Job ab, zog zurück nach Berlin und baute dort eine Kunstgalerie auf. 2002 rief der Regisseur Stefan Bachmann an und holte ihn für ein Jahr als Dramaturg ans Theater Basel, 2003 wechselte er als Dramaturg an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin.

Ob er sich denn mit Opern auskannte? "Ich hatte an der Uni auch ein bisschen Musikwissenschaften belegt, konnte also Noten lesen. Außerdem hatte ich mich vorher jahrelang umsonst in Konzerte der Berliner Philharmoniker geschlichen, ich kannte alle Tricks." Und das reichte? "In das Opern-Geschäft kann man sich schnell reinarbeiten, das Repertoire besteht ja aus maximal 30 Werken". Aus der Antwort spricht seine typische Unbekümmertheit. "Ich habe in meiner Hardcore-Punk-Zeit eine gesunde Respektlosigkeit gelernt. Die hat mir oft geholfen, auch im Umgang mit prominenten Künstlern."

2007, nach vier Jahren an der Oper, ging Siebold nach Hamburg in die Kulturfabrik Kampnagel, als leitender Dramaturg der Intendantin Amelie Deuflhard. Das Crossover-Konzept der freien Szene, für das Kampnagel steht, "war die Konsequenz aus allem, was ich gemacht habe. Da konnte ich alles zusammenführen". Ihn habe es immer genervt, "dass all die Kulturleute, die ich getroffen habe, nur in ihrer kleinen Welt lebten: Die bildenden Künstler gingen nicht ins Theater, die Regisseure und Schauspieler nicht ins Museum. Das war total hermetisch."

Ein Ironiker folgt auf einen Zyniker

Als Chef des Sommerfestivals ist er in diesem Jahr erstmals allein in der Verantwortung. Einfach ist die Aufgabe nicht, denn sein Vorgänger Matthias von Hartz hat das Festival fünf Jahre lang sehr erfolgreich geleitet. "Mein Programm wird sich sehr von Matthias' Programm unterscheiden", sagt Siebold, "denn wir sind zwei sehr unterschiedliche Typen. Er ist ein Zyniker, ich bin ein Ironiker." Hartz stand für ein politisches Festival mit einem theoretischen Schwerpunkt, Siebold geht es um eine gleichberechtigte Verschränkung der Genres: Pop und Performance, Theater und Tanz, Bildende Kunst. "Die Kontakte zwischen den Medien führen zu neuen Ideen, weil die Künstler sich gegenseitig anders in Frage stellen." Er wolle zudem mehr Arbeiten selber produzieren als dies bei Hartz üblich gewesen sei. "Das Festival wird geprägt sein von einer Komplizenschaft mit den Künstlern. Meine Hoffnung ist, dass man das riechen kann, dass ein anderes Gewusel entsteht, wenn Künstler wirklich vor Ort arbeiten."

Der französische Choreograf Olivier Dubois lässt auf Kampnagel 18 Tänzer nackt über die Bühne wirbeln, der Choreograf und Performer Juan Dominguez hingegen wirbelt Realität und Fiktion durcheinander, unter anderem indem er das Format der Fernsehserie aufs Theater überträgt. Die Gruppe Miss Revolutionary Idol Berserker holt die japanische Jugendkultur ins Theater, inklusive Cosplay-Kostümen, der Regisseur Tom Stromberg lässt den Selig-Frontmann Jan Plewka auf der Bühne schaukeln und dabei Simon & Garfunkel singen. Der bildende Künstler und Performer Rabih Mroué inszeniert ohne Schauspieler einen Theaterabend über den Selbstmord eines libanesischen Polit-Aktivisten – die Hauptrollen übernehmen ein Faxgerät, ein Anrufbeantworter und ein Fernseher. Zu Gast ist zudem Wayne McGregor, Haus-Choreograf des Londoner Royal Ballet, der auch schon für Harry-Potter-Filme und Musikvideos von Radiohead gearbeitet hat.

Der klangvollste Name im Programm ist aber sicher die Künstlerin, Komponistin, Sängerin, Filmemacherin und John-Lennon-Witwe Yoko Ono, die auf Kampnagel gemeinsam mit dem Sonic-Youth-Mitgründer Thurston Moore einen Improvisationsabend gestaltet. 80 Jahre ist Yoko Ono inzwischen alt, "aber sie ist keine Frau von gestern", sagt Siebold. "Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die transdisziplinär gedacht haben. Sie hat immer schon Pop und Performance gemischt."

Es ist exakt die Strategie, die Siebold bei seinem Sommerfestival verfolgt.


Internationales Sommerfestival Hamburg: 7. bis 25. August, Kulturfabrik Kampnagel, Jarrestraße 20, Hamburg-Winterhude, Kartentelefon 040 27094949



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chuckal 07.08.2013
1. Punk???
liest sich doch nach totaler Streber und Vitamin B Biographie...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.