Kunstdebatte Warum die nackten Nymphen weg mussten

Von Zensur war die Rede, als ein Gemälde aus der Manchester Art Gallery entfernt wurde. Alles war aber Teil einer Kunstaktion - das zeigt jetzt die verantwortliche Künstlerin Sonia Boyce in einer eigenen Schau.


Vielleicht schaut jetzt, wo ihre eigene Ausstellung beginnt, noch einmal die ganze Welt nach Manchester. Womöglich haben viele auch schon wieder vergessen, weshalb sie sich vor ein paar Wochen so über die Londoner Künstlerin Sonia Boyce aufgeregt haben.

Aber tatsächlich wähnten damals manche die Freiheit der Kunst in Gefahr. Als kleine Erinnerungshilfe: Ende Januar ließ Sonia Boyce ein historisches Gemälde aus der Manchester Art Gallery abhängen. Das Bild aus dem späten 19. Jahrhundert schildert eine mythologische Story. Es zeigt einen Jüngling am Rande eines Teiches, im Wasser stehen einige nackte, sehr mädchenhafte Nymphen. Im Grunde handelt dieses Werk mit dem Titel "Hylas und die Nymphen" davon, dass Frauen Männer verführen und diese machtlos sind (in diese Falle war der junge Kerl zuvor sogar der Lustknabe eines Mannes, immerhin des Gottes Herakles).

Der Brite John William Waterhouse hatte das Bild gemalt, nicht gerade einer der größten Namen der Kunstgeschichte, aber nun wurde so getan, als handele es sich um den englischen Leonardo. Es wurde der Eindruck erweckt, Boyce habe sich an ihm vergriffen.

John William Waterhouses "Hylas und die Nymphen"
imago/ United Archives

John William Waterhouses "Hylas und die Nymphen"

Wie einst Waterhouse ist Boyce ein gewähltes Mitglied der Royal Academy, sie lehrt als Professorin an zwei Universitäten, eines ihrer Forschungsprojekte lautet "Schwarze Künstler und die Moderne".

Boyce, Jahrgang 1962, steht nicht für die Art der starren Ewigkeitskunst, die Waterhouse einst schuf. Für sie ist es wichtig, dass ihre Aktionen eine eigene Dynamik entwickeln, sie führe, sagt sie, gerne Menschen zusammen und dann mische sie sich nicht mehr ins Geschehen ein. Auf der Biennale von Venedig brachte sie 2015 die klassisch ausgebildete Sängerin Elaine Mitchener und den Independent-Rapper Astronautalis zur einer Session zusammen. Der filmische Mitschnitt dieser kakophonischen Ausnahmesituation ist jetzt, zwei Monate nach der großen Aufregung, in Manchester zu sehen.

Doch zurück zu den Nymphen: Boyce sagt, sie betrachte es als ihren Job, nicht nur Kunst als Kunst zu schaffen, sondern auch stets die Verbindungen zwischen Kunst und Gesellschaft zu untersuchen.

Als das Museum in Manchester ihr, der renommierten Künstlerin, vor vielen Monaten eine Ausstellung vorschlug, bat man sie auch, sich in einem neuen Werk für die Schau mit dem Bilderbestand des Hauses auseinandersetzen.

Sie aber übertrug diese Auseinandersetzung - sehr typisch für sie, sehr subtil auch - dann lieber auf die Leute, die täglich mit den Bildern zu tun haben, auf die Museumsmitarbeiter. Am Ende intensiver Gespräche mit Kuratoren, aber auch mit Technikern und weiteren Angestellten entwickelte sie eine Idee für eine Aktion.

Weil es auf dem Gemälde von Waterhouse und ebenso auf anderen Bildern im Museum um (heute verstaubt wirkende) Männer- und Frauenbilder ging, lud sie Künstler ein, die für ihre überraschenden, lebendigen, queeren Auftritte bekannt sind, während einer Performance durch die Museumssäle zu flanieren, dort zu tun, was immer sie tun wollen. Am Ende des Abends sollte von zwei Museumsleuten dieses eine Werk (durchaus stellvertretend für alle Bilder) von der Wand genommen und ins Depot getragen werden. Alles wurde gefilmt, denn aus dem aufgenommenen Material wollte Boyce für ihre Ausstellung einen Beitrag schaffen. Das hat sie auch getan.

Der durch das Abhängen frei gewordene Platz wiederum sollte eine Einladung an Besucher sein, Post-its mit ihren Kommentaren auf die Wand zu kleben (was in Deutschland übrigens, wo Museen als fast sakrale Orte gelten, undenkbar wäre). In einem Museum, wo sonst nur die Meinung einiger weniger gilt, sollte plötzlich Meinungsvielfalt herrschen.

Eine Diskussion auslösen

Der Aktion waren also Gespräche mit Museumsmitarbeitern vorausgegangen - einige hatte das Bild von den Kindfrauen genauso genervt wie die Reaktionen mancher männlicher Besucher darauf. Jemand sagte, die Bilder erinnerten an die fotografischen Aufnahmen der kindlichen Brooke Shields, die mit zehn Jahren für ein Männermagazin mit nacktem, eingeölten Körper und in aufreizender Haltung in einer Badewanne posieren musste.

Doch eigentlich wollte Boyce eine grundsätzlichere Diskussion auslösen, sie wollte die Frage aufwerfen: Wer bestimmt überhaupt, welche Werke es wert sind, an die Wand eines Museums gehängt zu werden - und welche nicht? Und nach welchen Kriterien? Und was hat das alles mit den Klischees zu tun, die unser aller Leben, unseren Alltag, eben die Gesellschaft prägen? Warum, so könnte eine Teilfrage lauten, hängen da so viele Bilder von Männern, die Frauen zeigen. Warum nicht umgekehrt?

Und: Wird Kunst nicht spannender, wenn wir solche Fragen einfach mal stellen und sie nicht tabuisieren? Man könnte sagen, Boyce hat versuchshalber ein Bild weggehängt, andere hängen die Fragen weg. Sie bestimmen lieber einen so genannten Kanon. In der Vergangenheit waren das vor allem männliche Museumsdirektoren, doch diese Vergangenheit wirkt nach. So sagt es auch Boyce: "Die Vergangenheit hält niemals still."

Boyce hat schon oft bewiesen, dass sie es versteht, Stereotype aufzudecken und auseinanderzunehmen. Sie veranschaulicht, wie sich Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht fortsetzen, wie sie überliefert und gefestigt werden.

Sie wolle, sagt Boyce, stets ein Gespräch in Gang bringen, "von Zensur zu sprechen, verhindert aber einen echten Dialog". Und von Zensur wurde bald gesprochen.

Zensurdebatte

Denn Ende Januar, Anfang Februar tobte gerade eine ganz andere Debatte, man unterstellte dem Museum, das Bild dem MeToo-Zeitgeist geopfert zu haben. Hollywood ist Hollywood, aber nun, so wurde behauptet, werde im Zuge einer übertriebenen Political Correctness auch gleich die halbe Kunstgeschichte wegradiert.

"Zensur" also war der Hauptvorwurf, in der Presse, bald auch auf den Post-its auf der Museumswand.

Die Hysterie schockte Boyce, es fiel ihr schwer zu reagieren, denn, so sagt sie, jeder wollte ein kurzes, knackiges Zitat, doch dafür sei sie nicht der richtige Typ. Auf jeden Fall könnte das, was sie beabsichtigt habe und das, was da vor einigen Wochen geschehen sei, nicht weiter auseinanderliegen.

Auch die Museumsleitung war perplex: Man habe, sagte man dort, nicht mit diesem Feuersturm gerechnet, ihn auch nicht gewollt, die Performance sei kein Ausdruck einer alten oder neuen Prüderie, die man auch nicht wünsche, und sicherlich sei es kein Akt der Zensur. Im Gegenteil, man wollte den Blick auf die Kunst und die Kunstgeschichte öffnen.

Boyce bat einige Zeit um Ruhe, denn sie müsse, sagte sie vor ein paar Wochen, sich darauf konzentrieren, aus dem Filmmaterial von der Performance ein Kunstwerk zu schaffen

Jetzt ist es zu sehen. Und vielleicht erkennen manche auch, dass es nicht Boyce ist, der man Verbissenheit oder gar Kunstferne nachsagen kann.


Sonia Boyce - Retrospektive, bis 22. Juli 2018, Manchester Art Gallery.



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