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30. August 2008, 11:26 Uhr

"Sonja & Dirk Show"

Pure Quälerei

Von Silke Burmester

Die Folterknechte des deutschen Fernsehens habe sich neue Torturen ausgedacht - für Kandidaten und Zuschauer. Sonja Zietlow und Dirk Bach, die Expeditionsleiter des "Dschungelcamps", präsentieren auf RTL eine Show, die nur ein Ziel hat: Menschen zu entwürdigen.

Das Moderatorenduo ist erneut ausgezogen, um die Grenzen der Belastbarkeit auszutesten. Die der Kandidaten und der Zuschauer. Der Unterschied zum "Dschungelcamp": in der "Sonja & Dirk Show" weiß niemand vorher, dass er Kandidat sein wird, dass er sich bundesweit zum Gespött macht.

Notorische Quälgeister: Dirk Bach und Sonja Zietlow
RTL

Notorische Quälgeister: Dirk Bach und Sonja Zietlow

Die Sendung beginnt mit viel körperlicher Bewegung durch die Moderatoren und viel schnellem Gerede, nach vier Minuten ist etwa zehnmal angemerkt worden, dass man "alle Produkte eines kompletten Werbeblocks" gewinnen kann. "Was ich den Hammer finde, es geht auch um einen Hammer", freut sich Zietlow. Produktnamen, das betonen sie, dürfen sie nicht nennen, aber das Honda-Modell Civic fällt doch einige Male, so viel Kundennähe muss sein. Es ist, als müsse die Sendung Geschwindigkeit aufnehmen, die Zuschauer wie auf einer Butterfahrt in eine Laune hineingeredet werden, in der alles egal ist, in der die Schamgrenze so weit hinunterrutscht, dass man mitmacht statt sich zu wehren.

Werden zunächst drei Kandidaten mittels eines zufälligen Auswahlverfahrens ermittelt - um für den Rest der Sendung mittels Essstäbchen Reiskörner einzeln in eine Schale zu transportieren - wird eine Frau im Publikum ganz unfreiwillig zum Spielball der Gastgeber. Beate hat, man erfährt nicht, wann und wo, Karaoke gesungen. Wenn Beate singt, trifft sie nur ab und zu den Ton, ihr Englisch ist so schlecht, dass ihr nicht einmal bewusst zu sein scheint, dass die Texte, die sie singt, nicht stimmen können.

Das ist zunächst nicht tragisch, schließlich hat Beate freiwillig gesungen. Das hätte sie wahrscheinlich nicht getan, wenn sie gewusst hätte, dass ein ihr nahestehender Mensch die Filmaufnahmen vom Singen an RTL gibt. Und so steht Beate plötzlich auf der Bühne einer Sendung, die live in die Republik ausgestrahlt wird und darf dabei sein, wenn RTL die Erniedrigung vollendet: Durch Beates Heimatstadt, dem kleinen Waschbeuren, ist ein Wagen mit einer Leinwand gefahren und die zeigt - Beate singend. Im Elektromarkt wurden die Bilder auf die TV-Geräte gespielt, im Stadion von Gelsenkirchen auf die Großbildleinwand, ebenso wie auf die Leinwand bei der DSDS-Vorauswahl im Hamburger Schauspielhaus, auch fährt ein Screen-Truck mit der krächzenden Beate durch New York.

Dazu die Kommentare, die Pfiffe der Zuschauer, das Grauen in ihren Gesichtern. Das Grauen in Beates Gesicht kann der RTL-Zuschauer live mitverfolgen, wenn die junge Frau krampfhaft versucht, locker zu bleiben, während eine sogenannte Unterhaltungsshow ihre Würde in Grund und Boden sendet. Beim anschließenden Ratespiel versagt die überforderte Kandidatin völlig. Sie hätte "tolle Preise" wie einen Fön gewinnen können, wenn sie in der Lage gewesen wäre, zu sagen, in welcher Stadt sie welches Lied gesungen hat.

Doch Beate hat gerade ihren ganz persönliche Katastrophe erlebt, sie kann sich schlichtweg nicht an solche Banalitäten erinnern. Aber die Körper- und Seelenverletzung ist noch nicht zu Ende. Jetzt soll Beate eine Thailand-Reise gewinnen und erneut singen. Der Text kommt von RTL. Die junge Frau singt: "Wenn ich mal lache, klinge ich wie ein Schwein", "Ich bin scharf wie ein Beil und zeig mein Hinterteil."

Dass die Sendung zwei hübsche Momente hat, liegt nicht an Sonja und Dirk. Das liegt an der Idee, zwei Kinder als Sonja- und Dirk-Double Til Schweiger interviewen zu lassen. Und auch, wenn die Fragen nicht von den beiden kommen, geht das Konzept der Kinder als Fragende auf: "Sie haben mit Nora Tschirner und Angelina Jolie gedreht - wie riechen die?", fragen die jungen Interviewer.

Der zweite gute Moment entsteht aus dem Glück, dass der Kandidat, der in anderthalb Stunden die meisten Reiskörner ins Schälchen gehoben hat, ein ungeheuer sympathischer 23-Jähriger ist. An ihm wird deutlich, was passieren kann, wenn man Menschen die Möglichkeit zur Entfaltung gibt, statt sie an die Wand zu pressen. Es ist das erste Mal, dass beim Zuschauen keine Beklemmung entsteht, dass man mitfiebert, sich für einen Kandidaten freut.

Die Sendung lebt davon, Menschen in Bedrängnis zu bringen, und nicht alle Vorgeführten werden damit so gut umgehen können wie Tini Dopfer, von der man nun weiß, dass sie einem Freund heimlich Abführmittel verabreicht hat, ihren Ehemann angelogen, ihr Kind an der Tankstelle vergessen und badenden Polizisten die Uniform geklaut hat.

"Bei uns zahlen Sie mit Ihrem guten Namen", fasst Dirk Bach das Showkonzept, Quälen, zusammen und lässt lächelnd den entscheidenden Punkt der Freiwilligkeit unter den Tisch fallen. Er selbst und Sonja Zietlow reißen die Sendung mit einer bewundernswerten Professionalität ab und halten der Erniedrigung ein Pokerface entgegen, das mit Sicherheit teuer erkauft ist.

Es wird für die beiden bei dieser neuen Aufgabe hilfreich sein, im "Dschungelcamp" erlebt zu haben, wie es ist, wenn Menschen ihre Würde und Selbstachtung für ein wie auch immer definiertes Ziel ablegen. Das wird helfen, gute Miene zu machen, wenn man Menschen ohne Vorwarnung und ohne Möglichkeit zum Einspruch im Fußballstadion und vor der Fernsehnation entblößt.

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