Sonnenbrillen-Design Mal was Schönes fürs Auge

Eine Sonnenbrille ist eine Sonnenbrille, unverbesserbar, perfekt. Denkt man. Doch der Sommerklassiker wird von Designern immer weiter veredelt. Alles Wichtige über die dunklen Gläser - hier bekommen Sie den Durchblick.

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Manchmal möchte man ja den Sommer an sich ganz neu entwerfen. Bisschen mehr Sonne. Bisschen heißer. Bisschen mehr Platz am Strand. Bisschen mehr Urlaub wäre auch nett. Tja, geht aber leider nicht.

Und bei Sommerklassikern wie Sonnenbrillen, Liegestühlen oder Kühlboxen geht's auch nicht. Denn die sind im Gegensatz zum Sommer selbst ja perfekt. Form und Funktion, daran gibt es designmäßig nichts mehr zu rütteln. Sollte man meinen.

Doch es gibt Designer, die typischen Sommerteilen einen Relaunch verpasst haben - mit verblüffenden Details. Für ihre Ideen haben sie jede Menge wichtige Designpreise, Nominierungen und andere Auszeichnungen abgeräumt. In einer kleinen Serie stellen wir Ihnen fünf vor - und fangen mit der Sonnenbrille an, genauer: der Pilotenbrille. Sie meinen, den berühmten Beschatter kann und muss man nicht neu erfinden?

Sonnenbrillen haben keine Schattenseiten - oder?

Entweder man verlegt sie. Oder, schlimmer, nimmt versehentlich darauf Platz. Kennt doch jeder, dieses Gefühl. Huch, wo sitz ich denn drauf? Das wird doch nicht...? Doch, das war. Noch ärgerlicher, wenn das zur Unkenntlichkeit verbogene Gestell von Gucci oder Cartier war. Und besonders handlich sind die Dinger ja auch nicht: "Vor ein paar Jahren gab es eine Phase, da waren Sonnenbrillen so riesig, dass die Etuis fast die Größe von Handtaschen hatten", sagt die Schweizerin Sandra Kaufmann. Das war der Moment, in dem sie dachte: Muss besser gehen.

Wie sieht die Erleuchtung denn nun aus?

Eine Brille musste her, ultraflach und fast unkaputtbar. Eine, deren Bügel sich wie eine Haarspange flachklicken lassen. Klick. Und klack. Damit das funktioniert, mussten auch fast alle anderen Elemente neu entworfen werden: Schließblock, Scharnier, Nasenpads. Alles so flach wie möglich. Und die Gläser? Aus Nylon, biegsam wie ein Bambusrohr. Am Ende kam ein typisches Schweizer Produkt raus, findet Designerin Kaufmann: "Sehr funktionalistisch, aber trotzdem schön." Und der Name ihres Augenbeschatters? Strada del Sole. Die Autobahn Mailand-Neapel heißt so. Die "Sonnen-Autobahn" war die erste Nord-Süd-Verbindung Italiens, entstand zwischen Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre - und wurde zur Urlaubshauptstraße.

Jetzt mal konkret: Wie entwirft man so etwas?

Am Computer, klar. Das ist Millimeterarbeit - einzelne Linien müssen am Bildschirm einen Hauch verrückt werden. Kaufmann hat früher - natürlich, eine Schweizerin! - Uhren entworfen, ihr liegt diese Puzzelei. Aber um zu testen, ob eine Form passt, geht sie traditioneller vor. Sie druckt den Entwurf aus, schneidet das Brillenmodell aus - und probiert die Papierfassung vor dem Spiegel. Bis alles sitzt. So wird ihr Gesicht zur Norm. Und auch preiswürdig: Für ihre Entwürfe erhielt sie zum Beispiel zweimal den Red Dot Design Award und wurde sogar im technisch bekanntlich recht anspruchsvollen Japan ausgezeichnet.

Taugt so ein Stück echt für den Sommer?

Das Gewicht der Sonnenautobahn-Lünetten beträgt federleichte 20 Gramm - unter der Last stöhnt niemand. Und die unkaputtbaren Klick-Klack-Gestelle bringen die Idee einer Sonnenbrille auf den Punkt: sehr lässig. Der Preis dagegen ist schweißtreibend: 280 bis 320 Euro. Für das Geld gibt's bei den gängigen Modeketten gefühlt hundert Brillen, da muss man schon sehr viel kaputtsitzen.

Mag ja alles sein. Aber: Was war noch mal der Klassiker?

Die Ur-Fassung der Pilotenbrille ist die "Aviator" von Ray Ban, die bereits vor 75 Jahren auf den Markt kam. Eigentlich war sie nur für Armeepiloten gedacht, US-Generäle trugen sie auch während des Zweiten Weltkriegs. Die Coolness des verspiegelten Stücks war dann aber stärker. Man denke an Freddie Mercury, an Michael Jackson oder den Vietnamveteranen Walter "Die Welt des Schmerzes" Sobchak (John Goodman) im Film "The Big Lebowski" der Coen-Brüder. Selbst der bebrillte Ultraleichtflieger Tom Cruise in "Top Gun" konnte dem Image der Aviator nichts anhaben.

Und andere Vorbilder?

Für Kaufmann zum Beispiel der französische Designer Alain Mikli. Sein Markenzeichen: extra breite Bügel. Für ihn hat sie auch schon gearbeitet, ein "Brillengott", sagt sie. "Total krasser Typ, er passt sich niemandem an. Von ihm habe ich gelernt, Mut zu Neuem zu haben."

Breite Bügel, Spiegelgläser - kommt's darauf wirklich an?

Naja, kommt darauf an, wen sie fragen. "Ein Italiener würde wohl sagen: die Farbe, der Stil", sagt die Designerin in Sandra Kaufmann. Die Schweizerin in Sandra Kaufmann sagt allerdings: "Der Sonnenschutz ist das Wichtigste." Sehr vernünftig. Informieren Sie sich, etwa bei einem Optiker. Es gibt allein für die Tönung der Gläser vier Kategorien, die je nach Sonnenstärke (Gletscher, Strand, Baggersee im Ruhrpott und P1 in München?) und Lichtempfindlichkeit des Trägers unterschiedlich sinnvoll sind. "Italienische Kunden", erzählt Kaufmann, bevorzugten komplett schwarze und verspiegelte Gläser, damit das Accessoire zur Aura passe. Aber so sieht man auch schnell mal nichts mehr. Und dann ist da ja der UV-Schutz, der mit der Tönung nichts zu tun hat: die Kennzeichnung "UV 400" hilft, alle schädliche Strahlen werden herausgefiltert. Fehlt die Kennzeichnung, muss die Brille aber nicht zwangsläufig schlecht sein.

Was Sie noch nicht über Sonnenbrillen wussten:

Einer der ersten bekannten Sonnenbrillenträger war Kaiser Nero. Zumindest schreibt Plinius der Ältere im 37. Kapitel seiner "Naturalis historiae", dass Nero die Gladiatorenkämpfe durch Smaragde hindurch angeschaut hat. Also eine Art erste geschliffene Sonnenbrille. Der Kaiser galt zudem als kurzsichtig. Und die Inuit trugen Elfenbeinbrillen mit Schlitzen gegen das Gleißen des Schnees.

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insgesamt 16 Beiträge
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01099 25.07.2012
1. Man(n)
kauft sich doch sowieso jede Saison eine neue Sonnenbrille, die dann wieder irgendeinem blöden Trend entsprechen muss. Leider bildet sich aber immer noch jede(r) ein, extragroße Sonnenbrillen seien schick und man ist von Horden von Holly Golightlys oder Stubenfliegen umgeben. Für mich hat sich diese Mode längst erledigt. Diese Flexibrillen sind doch wieder nur ein neues Gadget für die Generation " iphone", die beim Essen spart, aber auf jeden Hype hereinfällt. Anstatt sich mal am Riemen zu reißen und achtsam durch die Welt zu gehen, damit die Brille nicht durch Daraufsetzen zerstört wird, arbeitet man der Bequemlichkeit noch zu. Ich habe mich genau EINMAL auf meine Alain Mikli-Sonnenbrlle gesetzt und danach nie wieder auf irgendeine. Wer noch eine Vorstellung von "Wert" - ideell wie materiell - hat, dem passiert so etwas nicht. Überdies möchte ich nicht wissen, wie die Kunststoffgläser nach einer Woche aussehen, wenn ich ständig in die Arschtasche stecke und wieder herausziehe. Das machen nicht einmal Lunettes mit echtem Glas lange mit. Ich sag's ja: überteuertes Gadget für eine Saison.
cobobka 25.07.2012
2.
Zitat von 01099kauft sich doch sowieso jede Saison eine neue Sonnenbrille, die dann wieder irgendeinem blöden Trend entsprechen muss. Leider bildet sich aber immer noch jede(r) ein, extragroße Sonnenbrillen seien schick und man ist von Horden von Holly Golightlys oder Stubenfliegen umgeben. Für mich hat sich diese Mode längst erledigt. Diese Flexibrillen sind doch wieder nur ein neues Gadget für die Generation " iphone", die beim Essen spart, aber auf jeden Hype hereinfällt. Anstatt sich mal am Riemen zu reißen und achtsam durch die Welt zu gehen, damit die Brille nicht durch Daraufsetzen zerstört wird, arbeitet man der Bequemlichkeit noch zu. Ich habe mich genau EINMAL auf meine Alain Mikli-Sonnenbrlle gesetzt und danach nie wieder auf irgendeine. Wer noch eine Vorstellung von "Wert" - ideell wie materiell - hat, dem passiert so etwas nicht. Überdies möchte ich nicht wissen, wie die Kunststoffgläser nach einer Woche aussehen, wenn ich ständig in die Arschtasche stecke und wieder herausziehe. Das machen nicht einmal Lunettes mit echtem Glas lange mit. Ich sag's ja: überteuertes Gadget für eine Saison.
Ich denke immer, wenn ich Leute mit den Monsterbrillen sehe, an Puck, die Stubenfliege, aus "Biene Maja". Mit Sonnenbrillen halte ich es wie mit Klamotten: zeitlose Eleganz, die man unabhängig von der jeweiligen Mode tragen kann. Das schont die Ressourcen und man macht sich nicht zum Sklaven der Modekasper. Wenn ich sehe, dass Leute 200 Euro für eine Jeans ausgeben, die aussieht, wie von der Müllhalde, frage ich mich, warum sie sich nicht eine für 2 Euro in der Kleiderkammer kaufen, sie noch ein bisschen im Dreck wälzen und mit der Drahtbürste rübergehen, wenn Löcher in den Hosen gerade Mode sind.
deSelby 25.07.2012
3. Sonnenbrillendesign...
...erscheint mir eine Designsparte zu sein, in der noch vieles zu tun ist. Ich habe trotz Suche in fast jedem Sommer noch nie eine Sonnenbrille gesehen, von der ich bereit gewesen wäre, sie mir aufzusetzen. Brillen die entspiegelt oder so dunkel sind, daß man die Augen des Trägers nicht sieht, gehen gar nicht. Ich empfinde solche Brillen, gerade in einer Gesprächssituation, als schlicht schlechtes Benehmen: Augenkontakt ist eine der Grundlegenden Rückmeldefunktionen in der menschlichen Kommunikation, diese mit einer Sonnenbrille zu unterbinden ist in hohem Maße unhöflich. Und nahezu alle "Pilotenbrillen" sind Designtechnisch einfach peinlich...
01099 25.07.2012
4.
Zitat von cobobkaIch denke immer, wenn ich Leute mit den Monsterbrillen sehe, an Puck, die Stubenfliege, aus "Biene Maja". Mit Sonnenbrillen halte ich es wie mit Klamotten: zeitlose Eleganz, die man unabhängig von der jeweiligen Mode tragen kann. Das schont die Ressourcen und man macht sich nicht zum Sklaven der Modekasper. Wenn ich sehe, dass Leute 200 Euro für eine Jeans ausgeben, die aussieht, wie von der Müllhalde, frage ich mich, warum sie sich nicht eine für 2 Euro in der Kleiderkammer kaufen, sie noch ein bisschen im Dreck wälzen und mit der Drahtbürste rübergehen, wenn Löcher in den Hosen gerade Mode sind.
Jean Cocteau hat einmal gesagt: "Mode ist heiliggesprochene Dummheit" und das trifft die beschriebenen Phänomene recht gut. Ich bleibe lieber bei Modemachern wie Jil Sander und Paul Smith und eben z.B. bei klassischen Schuhen aus England, weil die einfach gut für die Füße sind und bei guter Pflege fast ein Leben lang halten. Das ist kein Geiz, sondern Sinn für Qualität, Nachhaltigkeit und Traditionskultur. Wahrscheinlich gehöre ich damit aber einer langsam verschwindenden Form von Mensch an. Für mich ist Kleidung und die dazugehörigen Accessoires eben auch etwas das zu mir gehört und in erster Linie dazu da, mir ein Wohlgefühl zu erschaffen. Wenn ich eine Jeans oder ein Hemd gefunden habe, dass mir steht und angenehm zu tragen ist, dann bleibe ich dabei und fange nicht an, etwas noch viel besseres oder irgendeiner obskuren Mode entsprechendes zu finden. Zudem macht man sich doch mit Achselbeutel, großer Sonnenbrille und skinny Jeans doch eher lächerlich und eine ordentliche Frau bekommt man(n) so auch nicht ab; eher infantile Kichermädchen. Wer's braucht...
irgendwer_bln 25.07.2012
5. Spitze, Anne
Zitat von sysopREUTERSEine Sonnenbrille ist eine Sonnenbrille, unverbesserbar, perfekt. Denkt man. Doch der Sommerklassiker wird von Designern immer weiter veredelt. Alles Wichtige über die dunklen Gläser - hier bekommen Sie den Durchblick. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,845271,00.html
knüller!!!!!!
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