Medienmacher bei SPIEGEL live Jung & aktiv

Sie arbeiten für Formate wie "Deutschland3000", "Jung & naiv" oder Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royale". Normalerweise stellen sonst Eva Schulz, Tilo Jung und Sophie Passmann die Fragen. Am Dienstag wurden sie befragt.

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Es kann mitunter anstrengend sein, wenn Journalisten mit Journalisten die Zukunft des Journalismus diskutieren. Interessant und amüsant wird es allerdings, wenn sich ein Teil der Diskutanten gar nicht als Journalisten verstehen, sondern als "Erklärbären", die dem Publikum Politik wie "Medizin auf dem Zuckerlöffel" verabreichen. Ist das dann überhaupt noch Journalismus?

Aber klar! Zu diesem Urteil musste man zwangläufig kommen, wenn man die mittlerweile 15. Veranstaltung "SPIEGEL live" im Spiegelsaal des Clärchens Ballhaus in Berlin am vergangenen Dienstag verfolgte. Vor ausverkauftem Haus und überdurchschnittlich jungen Zuhörerinnen und Zuhörern befragte Ann-Katrin Müller aus dem SPIEGEL-Hauptstadtbüro die jungen Medienmacher Sophie Passmann, Eva Schulz und Tilo Jung. Ist das noch politische Meinungsbildung, was die drei da machen oder betreiben sie die Banalisierung unseres Gewerbes, wollte Müller wissen.

Passmann (35.000 Twitter-Follower) ist Autorin bei Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royal", Radiomoderatorin bei "Eins Live" und Kolumnistin bei "SPIEGEL DAILY", Schulz (13.250 Twitter-Follower) verantwortet das Format "Deutschland3000" beim Jugendkanal "funk" der Öffentlich-Rechtlichen und wird in diesem Jahr zum 5. Mal den "Vocer Innovation Day" beim SPIEGEL moderieren. Jung (57.400 Twitter-Follower) betreibt den sehr erfolgreichen YouTube-Kanal "Jung & Naiv" und hat sich mit ausführlichen Politikerinnen-Interviews und bissigen Fragen bei der Bundespressekonferenz einen Namen gemacht.

Den Jugendkanal als "zweite Yacht"

Obwohl schnell klar wurde, dass es diese sogenannten "neuen Medien" gar nicht gibt, sondern auch dort große Differenzierungen herrschen (eine Insta-Story ist was anderes als ein Facebook-Format, ein Youtube-Video was anderes als ein Snapchat-Post), gingen alle drei mit den sogenannten "klassischen Medien" hart ins Gericht.

"Die Öffentlich-Rechtlichen halten sich den Jugendkanal wie eine zweite Yacht. Sieht gut aus, das leistet man sich halt", sagte Passmann. Statt Jugendthemen outzusourcen, sollten die Verantwortlichen sie besser ins reguläre Programm integrieren, forderte Schulz. Nur so könne man die vielen parallel existierenden Echokammern auflösen und Generationen und politisch Interessierte zusammenbringen. "Es gibt keine Politikverdrossenheit, es gibt aber eine Parteienverdrossenheit", sagte Schulz, die das verbreitete Vorurteil abservierte, Jugendliche interessierten sich nicht für Politik und deshalb müsse man sie auch nicht damit behelligen.

Klassische Medien würden es sich immer noch zu einfach machen. Sie selbst verstehe sich als eine Art Koberin für Journalismus, sagte Passmann. "Ich fische außerhalb der politischen Blase. Mir folgen die Leute, weil ich in drei, vier Tweets Späße mache, aber im fünften schnappe ich mir die Wichser und ehe sie sich versehen, habe ich mit ihnen über Politik gesprochen."

Die gilt es für jede Zielgruppe anders aufzubereiten. Könnte man eine 8-Seiten-Geschichte nicht zusätzlich für Jüngere auch kürzer fassen, um sie überhaupt noch zu erreichen, fragte Passmann. Oder: "Warum stellte sich Markus Feldenkirchen nicht ein paar Minuten vor die Kamera und erzählte für Instagram etwas über seinen krassen Sommer letztes Jahr mit Martin Schulz?" Auch das sei Politikvermittlung.

"Klar, ich bin eine Algorithmusnutte"

Hier widersprach Jung: Er wisse zwar um die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Leute, doch sein Ziel sei es, die Aufmerksamkeitsspanne zu vergrößern, statt die kurze zu bedienen. Auch deshalb führe er mitunter 2-Stunden-Interviews und stelle sie 1:1 ins Netz. "Meine Nutzer wollen das und fragen mich, warum ich das nicht ausführlicher erkläre, wenn ich mal einen 10-Minuten-Clip hochlade."

Dennoch der Vorwurf aller Drei: Klassische Medien würden immer noch zu sehr nach dem Angebotsprinzip arbeiten. In den Redaktionen würde sich etwas ausgedacht, was die Rezipienten entweder konsumieren oder eben nicht. "Die wenigsten machen sich die Mühe, den Kern zu destillieren, was die LeserInnen oder ZuschauerInnen wirklich umtreibt", sagte Schulz. "Fragt man sein Publikum und moderiert man in den Foren selbst, statt sie Trollen zu überlassen, landet man schnell bei Politik." Aber anders, als sie von den großen Medienhäusern oft angeboten würde.

Ob sie sich nicht zu sehr abhängig machen würden von den großen Konzernen wie Google, zu dem Youtube gehört, Twitter oder Facebook? "Klar, ich bin eine Algorithmusnutte", sagte Passmann. "Wenn der Algorithmus vorschreibt, am besten lädt man das Selfie zwischen 11 und 13 Uhr hoch, dann mache ich das." Doch wenn es aktuell die Unternehmen aus dem Silicon Valley seien, über die man Leute erreicht, dann sollte man das nicht beklagen, sondern nutzen.

Alle drei Diskutanten richteten schließlich einen Appell an die großen Medienhäuser: Habt mehr Mut, seid flexibler, macht mehr Tempo. "Am Geld kann es nicht liegen. Das SPIEGEL-Haus ist größer als der Vorort von da, wo ich herkomme", scherzte Passmann.

Zum größten Vergnügen des Publikums.



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jph_22 11.05.2018
1. Video?
.... und wo ist der link das ich mir dad jetzt im original anschauen kann? ...lieber spiegel?
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