Sensationsauktion in New York: Munchs letzter Schrei

Von , New York

Edvard Munchs "Der Schrei" verführte Diebe, Horror-Regisseure und Ramschhändler. Jetzt versteigert Sotheby's eine von vier Versionen und hofft auf einen Preisrekord, bis zu 200 Millionen Dollar gelten als möglich. Reiche Interessenten durften das Bild vorab zur Probe in ihre Wohnzimmer hängen.

Edvard Munch war kein glücklicher Mensch. Kränkelnd, depressiv, alkoholsüchtig und von Schicksalsschlägen gebeutelt, verkroch sich der norwegische Maler in seiner Kunst. Seiner inneren Qual konnte er dennoch nie entfliehen.

Etwa 1892, auf einem Spaziergang bei Oslo: "Auf einmal ward der Himmel rot wie Blut, und ich fühlte einen Hauch von Wehmut", notierte Munch in sein Tagebuch. "Ich stand allein, bebend vor Angst, als ging ein mächtiges, unendliches Geschrei durch die Natur."

Bald darauf hatte er diesen Moment in ein Gemälde verwandelt. "Der Schrei" wurde nicht nur Munchs bekanntestes Werk. Sondern, neben Leonardo da Vincis "Mona Lisa", das wohl berühmteste Bild der Welt. Über die Jahre schuf Munch vier fast identische Versionen, zwei in Öl, zwei in Pastell. Drei hängen heute in norwegischen Museen. Nur eine befindet sich noch in Privatbesitz.

Das könnte sich am Mittwoch ändern: Da kommt das Pastellbild von 1895 bei Sotheby's in New York unter den Hammer. Das legendäre Auktionshaus schätzt den Wert auf mindestens 80 Millionen Dollar, einige Buchmacher rechnen sogar mit 150 bis 200 Millionen Dollar. Damit würde der "Schrei" den Auktions-Weltrekord als teuerstes Gemälde aller Zeiten brechen, zuletzt gehalten von Pablo Picassos "Akt mit grünen Blättern und Büste", das vor zwei Jahren 106,5 Millionen Dollar brachte, damals bei Christie's.

Die Simpsons und "Der Schrei"

Der Kunstmarkt hat sich - auch dafür steht die "Schrei"-Versteigerung - nach der Rezession wieder erholt. Alle Top-Auktionshäuser in New York - Sotheby's, Christie's, Phillips de Pury - haben in den kommenden Wochen historische Knüller im Programm, darunter Werke von Picasso, Andy Warhol, Paul Cézanne, Salvador Dalí und Roy Lichtenstein. Insgesamt könnte da Kunst für Hunderte Millionen Dollar die Hand wechseln.

Der "Schrei" ist freilich eine Kategorie für sich. Das Bild, von der "Financial Times" als Sinnbild eines "kosmischen Pessimismus" tituliert, ist vermarktet worden wie kaum ein anderes - ob als Poster, T-Shirt, Kaffeebecher, Cartoon, Buchcover oder Werbelogo. Warhol machte es sich zu eigen, Horror-Regisseur Wes Craven griff es für "Scream" auf, die Zeichentrick-Simpsons persiflierten es. Die Kommerzialisierung, die mit Munchs eigenen Kopien begann, findet bei Sotheby's jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt.

Und auch auf Kriminelle übt das düstere Werk eine ungebrochene Faszination aus. 1994, am Eröffnungstag der Olympischen Winterspiele von Lillehammer, klauten vier Männer die Version von 1893 aus der Nationalgalerie in Oslo. Sie hinterließen einen Zettel, auf dem sie sich für die laxe Sicherheit bedankten, wurden drei Monate später aber gefasst - samt "Schrei". Zehn Jahre später verschwand die Version von 1910 aus dem Munch-Museum in Oslo. Sie blieb lange verschollen, bis sie 2006 gefunden wurde, von Feuchtigkeit teilweise beschädigt.

Passt es zur Couch?

Das "Schrei"-Exemplar, das nun sein Sotheby's-Gastspiel gibt, hat keine ganz so aufregende Geschichte. Munch malte die 79 mal 59 Zentimeter große Pastellkopie wahrscheinlich im Auftrag des Braunschweiger Kaffeemagnaten Arthur von Franquet. Später gelangte sie in den Besitz des norwegischen Reeders Thomas Olsen - ein Zeitgenosse, Nachbar, Freund und Mäzen Edvard Munchs.

Olsen versteckte das Bild im Zweiten Weltkrieg in einer Scheune vor den Nazis und hängte es später einfach ins Wohnzimmer. Sein Sohn Petter Olsen erkämpfte es sich 2001 in einem bitteren Erbstreit und will von dem Erlös ein Museum in Munchs Heimatort Hvitsten bauen.

Um den Preis in die Höhe zu treiben, hat Sotheby's den "Schrei" vorab auf Welttournee geschickt. Allein die wurde zur Sensation: Abgesehen von einer Kurzvisite in Washington Anfang der neunziger Jahre war das Bild weder in den USA noch in Großbritannien je ausgestellt worden.

Top-Klienten in Asien, Europa und Amerika durften den "Schrei" nach Informationen des "Wall Street Journals" in ihren eigenen vier Wänden begutachten, um zu prüfen, ob das Bild mit seinem eher harschen Motiv "mit dem Rest ihrer Kunstsammlungen" harmoniere. Für einen Liebhaber habe Sotheby's das Gemälde sogar für nur 48 Stunden nach Hongkong geflogen.

Höhepunkt des Abends

In London stellte Sotheby's den "Schrei" im April öffentlich aus. Mehr als 7500 Schaulustige kamen. Der Andrang war so groß, dass die Vorbesichtigung in New York aus Sicherheitsgründen wieder abgesagt wurde. Statt dessen lud Sotheby's die Stammkunden in einen eigens verdunkelten Saal im zehnten Stock seiner Zentrale auf der Upper East Side.

Seit Jahren heizt Sotheby's das Interesse mit Munch-Versteigerungen strategisch an. Munchs "Vampir", eines der meistkopierten Bilder der Kunstszene,tauchte 2008 nach 70 Jahren aus der Versenkung auf und erzielte 38 Millionen Dollar, der bisherige Rekord für einen Munch.

Als Interessenten gelten Milliardäre aus Europa und Asien (vor allem Japan), Scheichs aus dem Nahen Osten, Oligarchen aus Russland. Wahren Kunstfanatikern ist nichts zu teuer: Die Milliardärswitwe Lily Safra legte vor zwei Jahren 104,3 Millionen Dollar für Alberto Giacomettis dürre Skulptur "Walking Man I" hin.

Sotheby's inszeniert den "Schrei" nun als Höhepunkt einer abendfüllenden Auktion von Altmeistern wie Picasso, Dalí, Paul Gauguin, Joan Miró, Henri Matisse, René Magritte, Claude Monet und Auguste Rodin. Allein Picassos "Femme assise dans un fauteuil" soll da mindestens 30 Millionen Dollar einbringen.

Nur der Auftakt

Nächste Woche legen dann sowohl Sotheby's wie auch Christie's und Phillips de Pury mit zeitgenössischer Kunst nach: Lichtenstein, Warhol, Robert Rauschenberg, Jackson Pollock, Mark Rothko, Willem de Kooning, Francis Bacon, Gerhard Richter, Cindy Sherman. Auch hier haben sich die (erwarteten) Erlöse schon jetzt auf zweistellige Millionensummen hochgeschaukelt.

Doch warum diese plötzliche Ballung? Viele Werke entstammen Nachlässen kürzlich verstorbener Sammler. Andere werden von anonymen Verkäufern abgestoßen, die umsatteln wollen - oder umfinanzieren müssen. Wieder andere waren in der Finanzkrise unverkauft geblieben und bekommen jetzt eine zweite Chance. Und der Kunstmarkt hofft auf noch mehr Aufwind. Schon 2011 war ein gutes Jahr: Da verkauften Sotheby's und Christie's auf ihren großen Auktionen Kunst im Wert von 1,7 Milliarden Dollar - 500 Millionen Dollar mehr als 2010.

Einen Vorgeschmack gab am Dienstag die erste große Frühjahrsauktion bei Christie's. Top-Seller waren zwei Werke mit leichteren Stoffen als das deprimierende Munch-Bild; die lange verschollene Wasserfarben-Studie "Joueur de cartes" von Cézanne und das Ölbild "Les Pivoines" von Matisse für je 19,1 Millionen Dollar. Gesamterlös: 117,1 Millionen Dollar. Munchs "Schrei", der Inbegriff des Elends, dürfte jetzt für noch mehr Freude sorgen.


Korrekturhinweis: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, Pablo Picassos "Akt mit grünen Blättern und Büste" sei 2010 bei Sotheby's versteigert worden. Tatsächlich war es Christie's. Wir bitten um Entschuldigung.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Nicht zu fassen...
krautkraut 02.05.2012
Na, Kunst kommt von Koennen. Vielleicht ist meine Meinung nicht so wichtig, aber dieses Geschmiere wuerde ich bestenfalls im Keller aufhaengen. Aber wenn jemand dafuer 200 Mio bezahlt muss es ja etwas ganz hervorragendes sein... Uebrigens, ich male auch, als Amateur.
2. hmm...
Layer_8 02.05.2012
Zitat von sysopSothebysEdvard Munchs "Der Schrei" verführte Diebe, Horror-Regisseure und Ramschhändler. Jetzt versteigert Sotheby's eine von vier Versionen und hofft auf einen Preisrekord, bis zu 200 Millionen Dollar gelten als möglich. Reiche Interessenten durften das Bild vorab zur Probe in ihre Wohnzimmer hängen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,830850,00.html
...ich hab einen Picasso neben der Mona Lisa im Wohnzimmer hängen. Hat mich 30 Euro gekostet, plus Rahmen
3. Sie haben Recht!
frigor 02.05.2012
Zitat von krautkrautNa, Kunst kommt von Koennen. Vielleicht ist meine Meinung nicht so wichtig, aber dieses Geschmiere wuerde ich bestenfalls im Keller aufhaengen. Aber wenn jemand dafuer 200 Mio bezahlt muss es ja etwas ganz hervorragendes sein... Uebrigens, ich male auch, als Amateur.
Ihre Meinung ist in diesem Fall nicht so wichtig. :)
4. 200 Mio!
hägar72 02.05.2012
Zitat von sysopSothebysEdvard Munchs "Der Schrei" verführte Diebe, Horror-Regisseure und Ramschhändler. Jetzt versteigert Sotheby's eine von vier Versionen und hofft auf einen Preisrekord, bis zu 200 Millionen Dollar gelten als möglich. Reiche Interessenten durften das Bild vorab zur Probe in ihre Wohnzimmer hängen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,830850,00.html
Es ist in diesen Zeiten extrem unanständig, wenn sich jemand für 200 Millionen ein Bild fürs Wohnzimmer kaufen kann und das auch tut. Ich weiss nicht, ob ich da einen Gendefekt habe, aber bin ich wirklich der Einzige, den das prinzipiell stört? Ich bin sprachlos!
5. ::
vineland 02.05.2012
Zitat von krautkrautNa, Kunst kommt von Koennen. Vielleicht ist meine Meinung nicht so wichtig, aber dieses Geschmiere wuerde ich bestenfalls im Keller aufhaengen. Aber wenn jemand dafuer 200 Mio bezahlt muss es ja etwas ganz hervorragendes sein... Uebrigens, ich male auch, als Amateur.
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