Sound des Ruhrgebiets Der Pulsschlag aus Stahl verklingt

Er nennt sich "das akustische Gedächtnis des Ruhrgebiets". Geräusche-Sammler Richard Ortmann will den Klang des Potts vor dem Vergessen bewahren - sein Archiv ist zum Taktmesser des Strukturwandels geworden.

Von Timo Nowack, Dortmund


Dortmund – "Heute klingen wir wie Paris, New York oder London", sagt Richard Ortmann. Das Ruhrgebiet hört sich für ihn mittlerweile genauso an wie jede x-beliebige Metropole. Autogebrumm. Stimmen. Schritte. "Früher hat man hier zu jedem Schichtwechsel die Zechensirene gehört, und bis in die Nacht, wie die Loks bremsten und Stahl verladen wurde", erinnert sich der 52-Jährige. "Das ist alles verschwunden - aber zum Glück habe ich die meisten Geräusche auf Band."

Geräusche-Sammler Ortmann: "Damit man weiß, woher das Ruhrgebiet kommt"
Timo Nowack

Geräusche-Sammler Ortmann: "Damit man weiß, woher das Ruhrgebiet kommt"

Seit mehr als 20 Jahren sammelt Ortmann die Ruhrpott-Geräusche, die er seit seiner Kindheit nicht vergessen kann. Jeden Tag ging er damals auf dem Schulweg an einer Zeche vorbei, wuchs mit dem Schrillen der Grubensirene und dem Quietschen und Pfeifen der rangierenden Dampfloks auf.

Als junger Mann merkte er, es verändert sich etwas. Die Ohren gingen ihm auf, als er Anfang der achtziger Jahre fürs Radio das Sägen und Fräsen in einem kleinen Industriebetrieb in Dortmund aufnahm. Drei Monate nach dem ersten Versuch kam er wieder, weil die Aufnahmen unbrauchbar waren - doch der Betrieb war verschwunden. Abgerissen. "In diesem Moment dachte ich: Hier kann bald alles weg sein, von heute auf morgen. Das muss ich vorher aufnehmen", erzählt Ortmann. An diesem Tag begann seine Mission, den Klang des Ruhrpotts vor dem Vergessen zu bewahren.

Seitdem hat der Dortmunder ein beeindruckendes Klangarchiv aufgebaut - "damit man weiß, woher das Ruhrgebiet kommt". Auf seinem Dachboden im Dortmunder Stadtteil Asseln lagern CDs und Tonbandkassetten voll mit Aufnahmen rumpelnder und quietschender Stahlwalzen, lärmend schabender Kohlehobel, rasender Autos, quatschender Currywurst-Verkäufer und anderer Ruhrgebietstöne, insgesamt mehr als 4000 Minuten. Um diesen akustischen Schatz anzuhäufen, musste Ortmann den Geräuschen lange hinterjagen und durfte dabei keine Zeit verlieren, denn der Strukturwandel war ihm stets dicht auf den Fersen. Immer bestand die Gefahr, einen Tag zu spät zu kommen: Dann war eine Zeche schon geschlossen, ein Hochofen abgeschaltet, eine Fabrik gesprengt - und deren Töne für immer verloren.

"Dat" und "wat" sterben aus

Das Ruhrgebiet hat sich verändert, auch klanglich: "Viel Dreck und viel harte Maloche sind heute weg, die Einzigartigkeit dieser Lautsphäre ist vorbei", sagt Ortmann. Der Stahlgigant ThyssenKrupp und eine Zeche in Duisburg seien seltene Ausnahmen. Wenn er Herbert Grönemeyer in dessen Ruhrgebietshymne "Bochum" singen hört: "Du hast einen Pulsschlag aus Stahl, man hört ihn laut in der Nacht", konstatiert der Archivar: "Das würde so doch keiner mehr dichten."

Denn das Dröhnen und Hämmern des alten Ruhrgebiets ist längst anderen Geräuschen gewichen: "Man hört zum Beispiel den Sound des Stop-and-Go auf den Autobahnen, den Lärm der Flugzeuglandebahnen oder das leise Klackern in einer Chip-Fabrik." Generell sei es mittlerweile bei der Arbeit leiser, draußen dafür lauter. Dabei hat der Strukturwandel auch den Klangliebhaber Ortmann eingeholt und ihn vom Jäger zum Sammler gemacht, der den Tönen heute nicht mehr hinterherhetzen muss. Wenn er heute die Geräusche in einer Chip-Fabrik einfängt, weiß er: Die Fabrik wird auch morgen noch stehen.

Doch nicht nur der Klang der Arbeit ist ein anderer geworden. Wenn Ortmann die Unterhaltung am Imbissstand, das Stöhnen in der Muckibude oder das Palaver in der S-Bahn aufnimmt, merkt er: Auch die Sprache wandelt sich, sie verliert ihren alten Dialekt. "'Dat' und 'wat' sterben langsam aus", erklärt der Tonexperte. Auf der anderen Seite sei das Ruhrgebietsdeutsch heute auch geprägt vom sprachlichen Einfluss der Zuwanderer, etwa aus der Türkei, Spanien und Polen. "Die Jugendlichen zum Beispiel sprechen ein Gangsterrap-Ruhrpottdeutsch", sagt Ortmann. Das gebe es zwar auch anderswo, etwa in Berlin, "aber im Ruhrgebiet ist die Aussprache härter".



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