Sozial-Coaching bei RTL "Moin, dreckige Punks"

Hier wird geredet, nicht geknastet. Deswegen sollte sich die Law-and-Wegsperrfraktion um Roland Koch & Co. "Die Ausreißer" lieber nicht anschauen - das neue RTL-Coaching-Format ist Sozialstaatsfernsehen allererster Güte.

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Der Berufsstand des Sozialpädagogen gilt ja im besten Falle als unsexy, im schlimmsten Fall als parasitärer Auswuchs eines Staats, der mit Überfürsorglichkeit lieber Sozialhilfe-Karrieren subventioniert, als sie zu verhindern. Dass nun ausgerechnet ein Privatsender wie RTL diesem Beruf eine Image-Korrektur verpasst, überrascht. Denn obwohl in der heute Abend anlaufenden Doku-Serie "Die Ausreißer - Der Weg zurück" das sozialunverträgliche Frühabhauen aus dem Elternhaus im Mittelpunkt steht, gerät die Show zu einem Plädoyer für die so oft geschmähte Kuschelpädagogik.

Sozialpädagoge Sonnenburg mit Punk David: Grundsympathischer Problemlösebär
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Sozialpädagoge Sonnenburg mit Punk David: Grundsympathischer Problemlösebär

Die erste von bisher fünf abgedrehten Folgen nimmt sich des 16-jährigen David an. Der Nachwuchs-Punk aus dem hessischen Provinzort Wrexen hat sich nach einer Karriere als Familienschreck nach Hamburg abgesetzt, um sich den Haste-mal-nen-Euro-Fragern anzuschließen, die von Passanten ihren Tagesbedarf erschnorren. Davids Mutter sitzt derweil im heimatlichen Hessen, weiß nicht einmal, wo der jungdelinquente Sohnemann steckt, und holt sich Hilfe: Thomas Sonnenburg, Sozialpädagoge, Streetworker und Star des neuen Coaching-Formats.

In 45 Minuten soll Sonnenburg David aufspüren und eine Familienzusammenführung organisieren. Zu Beginn gestalten die Macher diese Mission zunächst mit dem ganzen Arsenal privatfernsehüblicher Überinszenierung. Die Kamera ersäuft fast im mütterlichen Tränenmeer, grummelige Gitarrenriffs ertönen, wenn sie Davids hartes Leben auf der Straße zeigt, Streicher säuseln, wenn die verzweifelte Mutter in der beschaulichen Provinz ihr Leid klagt. Dazu heuchelt eine Stimme aus dem Off mit falschem Pathos Mitleid, um sich der zuschauerlichen Häme zu versichern. Mit drei Worten: Man ahnt Schlimmes.

Das kommt aber nicht. Und dass es nicht kommt, liegt vor allem an Streetworker Sonnenburg. Man konnte ja schon bei RTL-Super-Nanny Katharina Saalfrank beobachten, wie sie sich von Staffel zu Staffel von den Mechanismen des Sozial-Pornos emanzipierte und mit Verve nicht nur ihre Schützlinge gegen die Unbilden des Lebens sondern auch gegen dumpfe Populismus-Gier des Privatfernsehens verteidigte. Sonnenburg ist von ähnlichem Kaliber wie Saalfrank, ein in den Straßen Berlins erprobtes, sozialpädagogisches Frontschwein mit 14 Jahren Erfahrung.

Mit stoischer Ruhe und kernig-kerliger Sensibilität behauptet sich der grundsympathische Problemlösebär mit Kahlschädel und berufsjuveniler Lederjacke nicht nur gegen die wütenden Zumutungen seines Ausreißers David, sondern auch gegen die anfangs noch krawallige und vor allem ungeschickte Inszenierung. Sonnenburg hat David über mehrere Monate begleitet und offenbar war nicht gleich von Beginn an eine Kamera dabei. Zumindest wirken die Szenen, in denen sich die beiden erstmals begegnen, so, als habe man sie nachträglich gestellt - und zwar derart hölzern , dass sie einer Laienschauspieltruppe zur Unehre gereichen würden.

Dank Sonnenburg wirkt David nicht wie die bedrohliche Unterschichtenbestie, angesichts derer Otto-Normalbürger vor Furcht auf der Fernsehcouch erstarren müsste, sondern wie ein unsicherer Pubertierender, der mit demonstrativ jovialer Straßenhärte ("Hätte der Herr 'ne Kollekte für Verdreckte?", "Moin, dreckige Punks") seine Wut übertüncht. Die richtet sich, so erfahren wir später, gegen seine Mutter ("Die hat mich auf den Müll geschmissen"), die David in seiner Kindheit mit zehn Umzügen immer wieder aus seinem vertrauten Umfeld riss.

Ohne in Sozialkitsch abzurutschen, nimmt der Streetworker seinen Klienten Ernst - und die Kamera kann sich diesem Ernst nicht entziehen, will sie nicht gleich das ganze Format demontieren. Und so verzichten die Macher zunehmend auf denunzierende Bilder, sondern lassen die Beteiligten einfach erzählen. Nur konsequent, dass das Doku-Drama schließlich mit fast zärtlichen Bildern endet - die aber ein Happy End nur andeuten, statt es hysterisch zu bejubeln.

Fast nebenbei rehabilitiert die Sendung sogar einige im Zuge der Sparpolitik bedrohten Institutionen des Sozialstaats: betreute Jugend-WGs etwa, in denen Ausreißer unterkriechen können, um wieder ein Bein an die Erde zu bekommen. Und auch Sonnenburgs Sozialarbeiter-Kollegen erscheinen als das, was sie sind: Profis, die inmitten des alarmistischen Getrötes um grassierende Jugendgewalt mit kundiger Gelassenheit einen schwierigen Job machen.

Volkssender mit Gleichmacher-Qualitäten

Hat RTL also mit "Die Ausreißer" sein soziales Gewissen und damit das Sozialstaatsfernsehen für sich entdeckt? Will der Sender den Linksdrall der deutschen Gesellschaft quotenträchtig ausschlachten? Oder schafft er einfach eine weitere mediale Verwertungskette? Diese Vermutung ist schlichter - und wahrscheinlicher. Bisher zweitverwertete man nur die in den eigenen Shows generierten Stars in anderen Shows. Jetzt greift man auch lebenszyklisch die volle Bandbreite ab: Super-Nanny Saalfrank kümmert sich um die Kleinen, Super-Pädy Sonnenburg um die Großen.

Wie auch immer - schon allein qua Auswahl des Sendeplatzes für "Die Ausreißer" etabliert sich RTL heute Abend als Volkssender mit Gleichmacher-Qualitäten. Zuerst schickt man in der neuen Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" Menschen auf die Bühne, die keine Stars sind - und auch nie welche sein werden. Im "Dschungelcamp" recycelt man dann eben jene Stars, die nie welche waren und setzt sie mit dem selbstreflexiven Zynismus des Privatfernsehens der Häme des Publikums aus. Dazwischen will man mit "Die Ausreißer" einen Mann zum Star machen, der sich dem aber verweigert. Und wenn am Ende niemand mehr ein Star ist, sind wir schließlich alle gleich.



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