Sozialer Städtebau Wie Reiche die Armen aus den Städten verdrängen

Du kommst hier nicht rein! Deutschlands Metropolen droht die soziale Spaltung in schöne Viertel nur für Reiche - und Vorstädte für Arme. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Stadtforscher Hartmut Häußermann, wie dieser Riss zu kitten ist - und warum Busse dafür wichtiger sind als Beton.


SPIEGEL ONLINE: Wer Geld hat, darf bleiben - und wer keins hat, muss aufs Land. Sie vertreten die These, dass bald nur noch Reiche die Innenstädte bevölkern und Einkommensschwache ins Umland verdrängen. Magern Deutschlands Speckgürtel wirklich ab?

Häußermann: Ja, abgesehen vom Sonderfall Berlin, wo Ärmere an den City-Rand gedrängt werden, passiert genau das in Städten wie München, Köln oder Hamburg.

SPIEGEL ONLINE: Woher rührt diese Entwicklung?

Häußermann: Kaum jemand kann sich einen Chauffeur oder ein Kindermädchen leisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Häußermann: Das meine ich nur halb im Scherz. Früher zogen junge Paare ins Umland und bauten ein Eigenheim. Das tun sie nicht mehr. Warum nicht? Weil dieses Eigenheimmodell ein Hausfrauenmodell war. Heute haben in jüngeren Haushalten oft beide studiert, der Akademikeranteil bei Frauen ist rasant gestiegen - und die wollen ihre Qualifikationen auch einsetzen. Also fahren zwei Leute ins Büro. Kommen Kinder dazu, wird die Logistik komplizierter: Die Kleinen müssen zur Schule, dann zur Nachhilfe oder zum Ballett. Wenn kein Personal da ist, das das organisiert, ist die Innenstadt der Wohnort der Wahl - deshalb entstehen überall diese familienfreundlichen Townhouses.

SPIEGEL ONLINE: Die Einkommensschwachen sammeln sich also künftig in den Vorstädten. Und wo liegt das Problem?

Häußermann: Bisher noch in innerstädtischen Altbaugebieten, aber zukünftig in den Randgebieten formiert sich eine Unterklasse, die weder Geld noch Kontakte in andere Stadtteile hat und sich zudem zu einem Gutteil aus ethnischen Minderheiten rekrutiert. Das ist besonders für Kinder und Jugendliche hart, weil die oft keinen mehr kennen, der überhaupt arbeiten geht. Um sie herum beziehen alle Hilfeleistungen, den Freunden in der Schule geht es ähnlich. Wer oder was soll die noch für Schule oder Lehrstellensuche motivieren?

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Endstation Vorstadt.

Häußermann: Plakativ gesprochen, ja. Die räumliche Konzentration von sozialen Problemen schafft neue Probleme. Wenn in einer Straße nur ein Alkoholiker lebt, ist das okay. Wenn Sie aber 20 haben, die auf der Parkbank rumsitzen oder auf dem Spielplatz rumlungern, sorgt das für Ärger.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie dagegen tun?

Häußermann: Erstens: Die Bildungssitutation in den ausgegrenzten Quartieren muss sich verbessern. Zweitens: Wer dort wegziehen will, muss die Möglichkeit dazu haben.

SPIEGEL ONLINE: Solche Menschen mit Wohnraum zu versorgen, ist die klassische Aufgabe des sozialen Wohnungsbaus. Der ist in Deutschland aber politisch tot.

Häußermann: Leider. Dabei war er das einzige Instrument, das Leuten Zugang zu Quartieren schaffen konnte, die ihnen verwehrt bleiben - sei es, weil sie kein Geld haben oder als Mitglied einer Minderheit diskriminiert werden. Der stets propagierte freie Markt korrigiert soziale Unterschiede nicht. Vermieter wollen homogene Quartiere. Die werben ja sogar damit, dass eine bestimmte Klientel nicht bei ihnen wohnt. Für Makler und Property Developer sind sogenannte segregierte, also sozial entmischte Viertel gutes Geld wert.

SPIEGEL ONLINE: Der soziale Wohnungsbau hat einen miesen Ruf. Ist er angesichts ghettoartiger Stadtteile wie Köln-Chorweiler oder Hamburg-Steilshoop nicht zu Recht beerdigt worden?



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
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gutmensch666, 18.07.2008
1. Menschheitsgeschichte
Ausnahmslos alle Gated Communities (Beispiel Polen) sind im Laufe der Menschheitsgeschichte blutig aufgelöst. Es wird wohl nicht die falschen getroffen haben.
gaga007 18.07.2008
2. Was ist daran neu ?
Es war schon immer so, dass sich die sozialen Schichten " ihre Viertel " suchten ... Niemand ist bereit, sich mit sozialen Randgruppen und deren Problemen auseinanderzusetzen. Es gibt nun einmal Bevölkerungsschichten, denen sind Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen fremd. Gerade die Bevölkerungsanteile, die durch eigene Leistung einen gewissen Wohlstand aufgebaut und Werte geschaffen haben, möchten ihre Freizeit nicht damit verbringen, dass sie diese Dinge verteidigen müssen. Es ist durchaus wünschenswert, dass sich die gesellschaftlichen Gruppen abgrenzen ! Es gibt sehr positive Beispiele von abgesicherten Wohnvierteln in den USA ...
Muffin Man, 18.07.2008
3. Verdrängung ist überall. Aber wer verläßt seinen Ort, wer bleibt?
Das Gespräch selbst ist nichtig; Häußermann plaudert Erkenntnisse aus, die Pierre Bourdieu schon Anfang der 1980er empiristisch zu belegen versuchte, und die man - wenngleich noch nicht als gesamtgesellschaftliche Bewegungsrichtung - bereits bei Hans Sedlmayr ("Verlust der Mitte") diagnostiziert sah. Es ist die "innere Zerrissenheit" des Menschen, die sich in seinem Wohnumfeld als soziale Spaltung in größerem Maßstabe wiederholt, mag jene auch weniger einer psychologischen Ursache folgen, als vielmehr lediglich ökonomischen. ---Zitat von Theodor W.Adorno--- "Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt." ---Zitatende--- Unsere Städte sind von Fluktuation geprägt; das Wohnumfeld generiert keine Bindungen, ebensowenig wie die Lohnabhängigkeit noch ein lebenslanges Arbeitsverhältnis bedingt. Der Mensch, der sich in einer Stadt niederläßt, tut dies nicht, um am Wohnort heimisch zu sein oder zu werden, sondern um der Konvention, einen eigenen Haushalt zu führen, zu folgen. Er läßt sich nicht nieder, er bleibt, bis ihn neue Pflichten fortrufen. Deswegen ist auch Häußermanns Idee einer "Akupunktur" gewachsener oder intakter Sozialstrukturen mit Leuten, [deren Zugang zu bestimmten Quartieren] verwehrt [war] - sei es weil sie kein Geld haben oder als Mitglied einer Minderheit diskriminiert werden. nur kontraproduktiv: Eine solche Praxis würde die Tendenz zu gates Areas für Besserverdienende nur verstärken - und entsprechende Migrationsbewegungen nach sich ziehen. Am ehrlichsten ist noch sein Schlußsatz: Daß seine LEHRE keine soziale Utopie mehr zu transportieren sucht.
newliberal 18.07.2008
4. Jetzt geht´s looos...
Oha, da wird jemand aber sehr, sehr mutig. Wer Busse fordert um dem amerikanischen bussing der 70er in Deutschland zu einem revival zu verhelfen, lebt politisch sehr gefährlich. Natürlich wäre bussing die ideale Möglichkeit der "sozialen" Durchmischung. Hier sollte man Kinder aus besonders "sozial segregierten " Vierteln in Schulen in bürgerliche Viertel transportieren und vice-versa. Zu Beginn sollte man hier besonders auf gutbürgerliche Viertel mit hohem Anteil an grüner Wählerschaft zielen, da hier natürlich hohe Sensibilität und Solidarität angesichts der sozialen Problematik vermutet werden darf. Gleichzeitig sollten an Walldorf- und Montessorischulen 30% aller Plätze kostenlos für sozial benachteiligte Kinder freigehalten werden. Die Kosten sollten auf die übrigen zahlenden Eltern umgelegt werden- als Sozialsolidarbeitrag. So könnten Jannik, Philipp, Louise und Laura bereits in Kindertagen zur sozialen Integration von Murat, Kevin, Aische und Cheyenne beitragen. Die sozial eingestellten Eltern, viele von Ihnen ohnehin im sozialen Bereich tätig, werden dies sicherlich begrüssen !
Atlantic Bridge, 18.07.2008
5. Peitsche und Zuckerbrot
Zitat von gaga007Es war schon immer so, dass sich die sozialen Schichten " ihre Viertel " suchten ... Niemand ist bereit, sich mit sozialen Randgruppen und deren Problemen auseinanderzusetzen. Es gibt nun einmal Bevölkerungsschichten, denen sind Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen fremd. Gerade die Bevölkerungsanteile, die durch eigene Leistung einen gewissen Wohlstand aufgebaut und Werte geschaffen haben, möchten ihre Freizeit nicht damit verbringen, dass sie diese Dinge verteidigen müssen. Es ist durchaus wünschenswert, dass sich die gesellschaftlichen Gruppen abgrenzen ! Es gibt sehr positive Beispiele von abgesicherten Wohnvierteln in den USA ...
Es ist richtig, daß es Bevölkerungsschichten gibt, denen Eigentumsrechte und gesellschaftliche Umgangsformen völlig fremd sind und mit denen anders geartete Menschen aus guten Gründen eben gar nichts zu tun haben wollen. Trotzdem können wir es uns bei dem anhaltenden Gebärstreik der Frauen nicht leisten, daß begabte Kinder aus Unterschichtfamilien von vornherein durch das Raster fallen, weil sie aufgrund dummer gesellschaftlicher Barrieren nur mit anderen Underdogs in Berührung kommen. Elend kann sich potenzieren. Wir brauchen daher wieder mehr Durchlässigkeit der Schulsysteme und eventuell auch gezielt Hilfe für diejenigen, die der leistungslosen Konsumwelt des Hartz 4 entkommen wollen. Insbesondere für Kinder, die ja nicht selbstverschuldet in diese Lage gekommen sind, sollte dies möglich sein. Abgrenzung ist schon okay, aber man kann und sollte sie durchaus mit der Hilfe zu erkennbarer Selbsthilfe und der Perspektive auf Aufstieg koppeln, sofern es sich um gut- und leistungswillige Leute handelt.
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