Soziales Engagement Warum nicht mal freundlich sein?

Es schadet sicher nicht, im Netz alles besser zu wissen und sich regelmäßig zu empören. Aber mal ehrlich: Ab und zu in die echte Welt hinauszugehen und anderen zu helfen, macht einfach glücklicher.

Zelte von Obdachlosen in Berlin am Spreebogen
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Zelte von Obdachlosen in Berlin am Spreebogen

Eine Kolumne von


Überlegen Sie sich auch mitunter, welche Persönlichkeitsstruktur ausgefuchste Algorithmen aus ihren Social-Media-Beiträgen und Ihren Leserkommentaren, Ihren Suchmaschinenverläufen und Kreditkartenzahlungen von Ihnen erstellen? Sähen Sie diese Person vor sich, was würden Sie als Werbetreibender oder Geheimdienstmitarbeiter mit sich anfangen? Wären Sie sich sympathisch? Bei mir weiß ich das nicht so genau.

Wie fast alle im Netz scheine ich im Alleinbesitz der Wahrheit, ich scheiße es mit Tierbildern und unglaublich tiefen Gedanken zu, ich empöre mich, was so ungefähr das Dämlichste ist, was man mit seiner Zeit anfangen kann. Auf irgendeiner Plattform irgendeine Empörung über irgendwelche Missstände abzulassen, ändert nichts. Außer, dass ich wieder ein paar Daten mehr abgeliefert habe, die ein lückenloses Profil von mir ergeben, falls irgendwer mal Interesse daran bekunden sollte.

Das denke ich alles, während ich mich zur Abwechslung einmal nicht über irgendeinen Menschen lustig mache oder aufrege, sondern jemanden liebe. Einen Reverend in einer Kirche, die in einem ehemaligen Lagerhaus in Tottenham befindlich ist.

Angst, zu denen da unten zu gehören

England, meine Güte. Dort haben auch alle keine Ahnung. Wie wir. Wie überall. Alles ist schief, arm und reich, ein Drittel der Bevölkerung überflüssig, im Sinne der Kaufkraft. Nicht zu verwenden, sitzen sie in der Sozialwohnung, und wenn sie die nicht haben, auf der Straße. Die sind voll, voller Menschen, die kein System benötigt. Außer irgendwelche Hilfsorganisationen, die sehr gut von Spenden leben, die die Bedürftigen nie erreichen.

Privatisierung - ein Zauberwort für ungebremsten Wahnsinn. Die Menschen hetzen an denen vorbei, die eine Etage weiter unten kauern, wie in den meisten Großstädten der Welt. Die da oben haben Angst, zu denen da unten zu gehören, zu den Erloschenen, Halbwahnsinnigen, die verloren haben, was die Meisten unter Menschsein verstehen. Irgendwas mit Würde und Selbstbestimmung.

Der Reverend, den ich liebe, hat erst einen Obdachlosen in seine Kirche geholt, der hat dann seine Freunde geholt, für eine Nacht in der Woche, dann für zwei, jetzt schlafen dort täglich ca. fünfzig Menschen im Andachtsraum auf Matratzen. 750 seit 2009.

Immer mehr Menschen regen sich nicht auf

Reverend Alex Gyasi baute als Erstes eine Toilette zu einer Dusche um und sah, woran die meisten nie denken: Was Körperpflege aus jemandem macht, der sie vorher nicht haben konnte. Er ließ Kranke genesen, er fand heraus, dass es einfache Dinge sind, die den Menschen ihre Würde zurückgaben. Kochen, Musik machen, mit Schülern reden, Sport treiben und eine Adresse haben.

Mit einer Adresse kann man zu einem Arzt, mit einer Adresse kann man sich Papiere besorgen, mit einem gewaschenen Körper, der Papiere hat, kann man eventuell einen Job finden, und andere reden wieder mit einem, satt eilig vorbeizulaufen. Aus irgendwem am Straßenrand wird wieder ein Mensch mit Träumen und Fähigkeiten.

Jedes Leben, das der Reverend ohne jede finanzielle Unterstützung im Alleingang mit ehrenamtlichen Schülern rettet, rettet Familien, spart dem Gesundheitssystem Kosten. Denn oft werden Obdachlose in Spitäler eingeliefert, zusammengeflickt und wieder auf die Straße entlassen, bis sie wieder eingeliefert werden. Bis sie irgendwann nicht mehr eingeliefert werden, sondern starr am Straßenrand liegen.

Immer mehr Eigeninitiativen füllen in UK die Lücken, die der Staat wegspart. Immer mehr Menschen wie Reverend Alex regen sich nicht auf, sondern handeln. Ob es dazu einen Gott braucht oder nicht, ist relativ egal. Er schadet nicht.

Es schadet auch nicht, im Netz alles besser zu wissen, zu wissen wie es gehen könnte mit der Ungerechtigkeit auf der Welt. Aber ab und zu mal etwas tun, was anderen hilft, in dieser dämlichen Zeit, macht glücklicher.

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insgesamt 50 Beiträge
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forumgehts? 15.04.2017
1. Wenn
es denn so sicher wäre, dass man sich in der echten Welt befindet! Das risiko ist gross, dass man in einer Fake-Welt landet.
syssifus 15.04.2017
2. Z.b.
gibt es doch die drei Pfadfinderregeln. 1.) einmal am Tag herzlich lachen 2.) Jemanden uneigennützig helfen 3.) sich selbst belohnen (und wenn es nur eine Currywurst ist) Kleine Abwandlung von mir ;-)
ctrader62 15.04.2017
3. Beruhigungspille ?
Ihr Artikel in allen Ehren, er wurde bestimmt in guter Absicht geschrieben. Aber ich lese aus ihm auch eine Art Beruhigungspille. Seit ca. 15 Jahren unterstütze ich mehrere Familien in Westafrika, ich war mehrmals dort gewesen. Wenn man das real Erlebte und das was man im regelmäßigen Kontakt so mitbekommt dann mit dem vergleicht, was bei uns an "alternativlosen Maßnahmen" gepredigt wird und mit welchem missionarischem Eifer im Sinne von Freihandelsabkommen ("Wir sind die Guten !?) die Lebensgrundlage der Menschen zerstört wird, dann lehne ich mich nicht zurück. Deutschland macht vieles besser als andere Teile der Erde und sehr viel ist wirklich wert es zu verteidigen. Warum tun wir es kaum, warum untergraben wir immer mehr unsere Polizei, unsere Jusitz, warum brauchen wir diktaturähnliche Regime um unsere Grenzen zu schützen ? Ein Staat, der sich selbst aufgibt ("wir können unsere Grenzen nicht schützen") und den x-fachen Aufwand mit Straftätern im Vergleich zu den Opfern betreibt, gibt auch seine Legitimation auf. Das ist eine Katastrophe und das spüren viele Menschen. Darüber sollte man auch berichten, denn nur wenn man es benennt und möglichst konstruktive Vorschläge macht, kann es evtl. besser werden. "Immer mehr Menschen regen sich nicht auf" ist ist diesem Kontext aus meiner Sicht eine Bankrotterklärung und Abstumpfung und keine positive Charaktereigenschaft.
zeisig 15.04.2017
4. Kein deutsches Beispiel gefunden?
Liebe Frau Berg, müssen Sie uns Deutschen jetzt auch noch ein Beispiel aus dem englischen Alltag vorhalten um uns zu zeigen, wie Nächstenliebe geht? Ich bin sicher, es gibt auch in Deutschland viele Menschen, die ehrenamtlich Gutes tun. Menschen, die helfen gibt es immer und überall.
olfnairolf 15.04.2017
5. Komisch
In Deutschland hilft man immer den Menschen zu denen man keine Beziehung hat, ... Spenden für Afrika, Willkommen für Flüchtlinge, nur nicht den Menschen in der nächsten Umgebung. Man ist genervt vom Nachbarn, man mobbt Kollegen bei der Arbeit und mit der Familie ist man auch nicht so gern zusammen. Das ist ein wirklich komisches Land, ohne inneren Zusammenhalt, dafür ungebremste Offenheit und Begeisterung für alle Andern. Das wird dem Land zum Verhängnis werden.
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