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Sozialfahnder-Soap bei Sat.1: Halali auf Hartz-IV-Betrüger

Von Jan Freitag

Wer zu Unrecht Hartz IV bezieht, muss jetzt Sat.1 fürchten. Mit dem neuem Dokusoap-Format "Gnadenlos gerecht" bläst der Sender zur Jagd auf Sozialbetrüger - und liefert damit populistisches Denunzianten-TV der übelsten Sorte.

Mit welchen Methoden Fernsehen heutzutage funktioniert, zeigt Sat.1 immer noch am besten. Um 15 Uhr richten an einem normalen Werktag Barbara Salesch und Alexander Hold über Kapitalverbrecher. Danach ermitteln die echten Polizisten "Niedrig und Kuhnt" in fiktiven Gewaltfällen. Bis es die TV-Detektei "Lenßen & Partner" mit Scheidungskriegern zu tun bekommt und das Phantasie-Kommissariat "K11" mit Waffenhandel oder Giftmord. Dann kommen Nachrichten, in denen private Katastrophen eine größere Rolle spielen als lahme Politik, und "Die Abzocker", die vor Trickbetrug warnen.

Und bevor "K11" abermals in Blut watet, läuft jetzt auch noch eine neue, als Dokusoap verbrämte Hatz auf Sozialschmarotzer - Titel: "Gnadenlos gerecht".

Sat.1 benutzt den Begriff Sozialschmarotzer für seine Jagdtrophäen nicht. Doch die "Hartz-IV-Betrüger", denen Helena Fürst und Helge Hofmeister vom Sozialamt des Kreises Offenbach gestern in der ersten Folge nachstellten, wirken alle uneingeschränkt tauglich für Hetzschlagzeilen auf dem Boulevard.

Die Antragstellerin einer neuen Wohnungseinrichtung etwa, bei der die Ermittler zwischen "Apfelsinenkistenbude oder goldenen Lüstern" per se letzteres erwarten. Oder jener 50-Jährige, der offenbar seit Jahren Miete von einem anderen Sozialfall kassiert, obwohl beide in einem eheähnlichem Verhältnis leben.

Stets erwartet Fahnderin Helena Fürst einen Fall wie den schlagzeilenbewährten "Ebay-Hans", den sie einst öffentlichkeitswirksam des Versteigerns geförderten Mobiliars überführt hat. Dass ihre Jagdbeute indes auf niedrigstem Niveau betrügt, irgendwo zwischen Hartz-IV-Höchstsatz und Armutsgrenze, bleibt unerwähnt.

Sat.1-Sprecherin Kristina Faßler betont, dass niemand Schonung verdiene, der nimmt, was ihm nicht zusteht; zumal die Sozialfahnder auch jenen helfen, die weniger kriegen, als erlaubt - wie etwa jener alleinerziehenden Mutter, die seit Wochen ohne Küche haust. Doch ob über- oder unterversorgt: Wen das Fernsehen am Boden liegend filmt, den grenzt die Leistungsgesellschaft am Ende als Paria aus.

So mag der arbeitslose Vater beim Besuch der Sat.1-Fahnder noch so sehr über 800 Euro Einrichtungszuschuss strahlen; im TV-Gedächtnis bleibt er als Proll mit schlechtem Deutsch und "kik"-Klamotten. Und so sorgsam Sat.1 auch die Gesichter der Schuldigen pixelt – solange Straße, Wohnung, Haus und Kleider erkennbar bleiben, wirkt jede Verfremdung nur fernab des Umfelds. Alle anderen dürfen der Unterschicht mal ganz tief in die Privatsphäre blicken.

Sat.1 wolle mit dem "Elend der Menschen die Quoten hochtreiben", klagt daher der Deutsche Arbeitslosenverband. Das Erwerbslosen Forum befürchtet derweil eine "überzogene Missbrauchsdebatte"; wie vor drei Jahren, als Ex-Wirtschaftsminister Clement nach einem TV-Bericht konstatierte, 20 Prozent der ALG-II-Bezieher seien "nicht anspruchsberechtigt".

Eine absurde Schätzung war das, animiert vom Agenda-Setting der "ZDF.reporter". Das Magazin hatte Hartz IV am Exempel schwarzer Schafe als Einladung "zum legalen Abzocken" geschildert.

Derlei Amtshilfe hat Tradition im Fernsehen. 1967 lieferte "Aktenzeichen XY" den Prototyp interaktiven Ermittelns am Bildschirm. "Rote Optik" - das West-Vorbild vom "Schwarzen Kanal" des DDR-Fernsehens - stellte Beiträge über Ost-Infiltrationen ebenso in den Dienst des Ost-West-Konflikts wie die halbdokumentarische Agenten-Serie "Die fünfte Kolonne". Und Ratgeber von "Die Kriminalpolizei rät" bis "Vorsicht Falle" warnten unablässig vor Gangstern an jeder Ecke.

Wer nicht denunziert wird, denunziert sich selbst

Geschürt wird von solchen Sendungen nicht nur eine Atmosphäre permanenter Bedrohung, sondern die Lust auf Denunziation - der können aber auch unbescholtene Bürger zum Opfer fallen. Derweil vergisst die Öffentlichkeit schleichend den Unterschied zwischen Rufmord und Totschlag.

Wer jetzt in "Gnadenlos gerecht" vor das Objektiv gerät, mag sein Einverständnis dazu gegeben haben. Doch für ein bisschen Warholscher Berühmtheit begibt er sich damit in ein System aus Fremdscham, Ordnungswahn, Schadenfreude und Neid.

Wer nicht denunziert wird, denunziert sich selbst – als arm, als schuldig, als überführt. Und als doof genug, sich dabei auch noch filmen zu lassen.

Das gilt für all jene Sendungen, die kleine Sünden des Alltags zu Verbrechen am Gemeinwohl hochjazzen. Vom leinenlosen Hundehalter bis zum simplen Schwarzfahrer: Die Kamera spricht das Urteil. Und Einspruch hat nur in Ausnahmefällen Erfolg; wie bei jenem Mann, der jüngst vor dem Landgericht München Schmerzensgeld erstritt, weil ihn ProSieben in Unterhose vor dem Gerichtsvollzieher zeigte.

Man brauche den vielen Hinweisen, die nach "Gnadenlos gerecht" eingehen werden, gar nicht nachzugehen, beteuert Sat.1-Sprecherin Faßler. Helena Fürsts Dienststelle kriegt genug Tipps - und der klamme Sozialstaat ist darauf angewiesen.

Die türkische Familie, die - kollektiv arbeitslos gemeldet - zwei Betriebe ihr Eigen nennt, und sich von den Einkünften Luxusautos und Immobilien leisten kann, verdient es fraglos, überführt zu werden. Nur – über die Motive und Schicksale dahinter erfahren wir in 45 Minuten Sendezeit nichts.

Auch wie viele anonyme Anrufe böswillig, verleumderisch, eben zu Unrecht eingehen, bleibt offen.

Mag sein, dass der Verräter nach wie vor unbeliebter ist als der Verrat. Für eine Primetime-Reihe taugt dennoch beides.

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