Spätes Bekenntnis Wie ich Axel Springers Haus abfackelte

Vor 31 Jahren ging in den Alpen das prunkvolle Chalet Axel Springers in Flammen auf. In einem heute veröffentlichten Buch bekennt sich ein Schweizer Autor zu der von 68er-Idealen motivierten Terror-Tat - die auf einem peinlichen Irrtum beruhte.

Von Reinhard Mohr


Zwischen dem Ostufer des Genfer Sees und dem Berner Oberland, zwischen Montreux und Blümlisalp liegt Gstaad, ein Ort, wie ihn die internationalen Schweiz-Liebhaber schätzen: von Bergen gesäumt, grüne Matten überall, rauschende Wälder und glucksende Bächlein. "Come up, slow down - im Himmelreich zu Hause" dichtet die Tourismuswerbung, und tatsächlich kommen seit Jahren vor allem Prominente aus aller Welt, um hier den Negativstress ihrer Berühmtheit abzuschütteln - meist mit Privatflugzeug oder Helikopter. Yehudi Menuhin und Roger Moore, Gunter Sachs, Bernie Ecclestone und Michael Jackson waren nur einige in der langen Reihe Erholung suchender Weltstars.

Autor de Roulet: Späte Entschuldigung ohne Kniefall

Autor de Roulet: Späte Entschuldigung ohne Kniefall

Auch der 1985 gestorbene Verleger Axel Cäsar Springer besaß schon in den sechziger Jahren ein Domizil in Gstaad, doch mit der Ruhe war es bald nicht mehr weit her. So suchte und fand er ein paar Kilometer weiter westlich einen traumhaft einsamen Ort, den "Großenberg", französisch: "Rodomont Derrière". Er liegt nahe der 860-Seelen-Gemeinde Rougemont und unweit des phantastischen Gletschers der "Diablerets", der kleinen Teufelchen. Exakt übersetzt heißt "Rodomont Derrière": "der hintere Angeber".

Während die linken Berliner Studenten auf dem Kurfürstendamm gegen den Gründer der "Bild"-Zeitung mit der Parole "Enteignet Springer!" demonstrierten, ließ der Verleger in den Jahren 1967/68 ein prächtiges Anwesen für sich bauen, eine Mischung aus Sennhütte und Burg, Chalet und Schloss. Das Ganze in 1800 Meter Höhe. Den Dachfirst krönte, ungewöhnlich für die Gegend, ein Türmchen mit Glocke. Eine Eremitage als nahezu unzugängliche Bergfestung. Im Sommer musste ein Jeep den Champagner hochbringen, im Winter ein Hubschrauber.

Eigentlich war der Bau an diesem abgelegenen Ort aber gar nicht erlaubt. So bedurfte es einer dezenten 400.000-Mark-Spende zur Errichtung eines großen Gemeindesaals, um die außerordentliche Baugenehmigung zu erlangen. Die Ehrenbürgerschaft von Rougemont gab es gratis dazu.

Am 5. Januar 1975 erleuchteten weithin sichtbare Flammen den Winterhimmel der Umgebung: Das Springer-Chalet brannte bis auf die Grundmauern nieder. "Das zurzeit unbewohnte Gebäude ist vollständig zerstört", meldete die Kantonspolizei am 7. Januar 1975. Obwohl die Polizei den Tatort zwei Tage und Nächte lang akribisch nach Spuren absuchte und selbst Gips in Schneeabdrücke goss, wurde die Tat nie aufgeklärt.
Ein Schneesturm am dritten Tag verwischte alle Hinterlassenschaften.

Seitdem steht dort nur eine Bank und eine Gedenktafel, die Axel Springer selbst ausgewählt hat. Die Inschrift stammt von einem "Nationalheiligen" der Schweiz aus dem 16. Jahrhundert, Nikolaus von der Flüe: "Was die Seele für den Leib ist, ist Gott für den Staat".

Rückschau in eigener Sache

Heute, 31 Jahre später, erscheint im Zürcher Limmat Verlag ein aufsehenerregendes und bis zuletzt geheimgehaltenes Buch mit dem Titel "Ein Sonntag in den Bergen", in dem sich der Täter bekennt. Er heißt Daniel de Roulet.

1944 in Genf geboren, arbeitete er lange als Architekt und Informatiker. Seit Jahren ist er Autor erfolgreicher und in Frankreich preisgekrönter Romane. Auch der vorliegende "Bericht" ist mehr als die 130-seitige Selbstbezichtigung
eines Brandstifters, der juristisch keine Folgen mehr zu befürchten hat. Das schmale Bändchen liefert, in schöner, klarer schnörkelloser Prosa, vor allem eine poetische Selbstvergewisserung, eine Rückschau in eigener Sache, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit pendelt. Es ist auch eine späte Entschuldigung, allerdings ohne jeden Kniefall.

De-Roulet-Buch "Ein Sonntag in den Bergen": "Es ging ums Prinzip"

De-Roulet-Buch "Ein Sonntag in den Bergen": "Es ging ums Prinzip"

Zeitgleich mit ausgewählten Medien erhielten gestern Nachmittag Friede Springer und der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, je ein Exemplar des Buches per Eilkurier. Glaubt man dem Autor, der den Ort seiner Schandtat wieder aufsuchte, so hat ihn eine persönliche Begegnung mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder im August 2003 zu dieser selbstkritischen Offenbarung inspiriert - und vor Jahresfrist ein Versprechen, das er seiner todkranken und inzwischen verstorbenen Ex-Freundin und Tatkomplizin gegeben hatte.

"Ich weiß nicht, ob es Ihnen so geht wie mir", hatte Schröder, ebenfalls Jahrgang 1944, im Park eines Schweizer Hotels zu Daniel de Roulet gesagt: "Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mensch engagiert habe." Bonjour mélancolie!

Aus den Umschreibungen der Szenerie dürfen wir schließen, dass der Gastgeber der melancholischen Sommerbegegnung Michael Ringier war, eine Art Axel Springer der Eidgenossen, der neue Arbeitgeber des Ex-Kanzlers.

Schröder sprach später noch davon, dass er oft im Kino weine und berichtete von jenem wunderbaren Grasbüschel des Berner WM-Finales 1954, das im Kanzlergarten einen Ehrenplatz gefunden hat: "Manchmal gieße ich dieses Stückchen Rasen."
Damit ist es nun vorbei.

Doch Daniel de Roulet fühlte sich durch Schröders Worte urplötzlich mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Die Tischnachbarin zu seiner Linken, eine Psychiaterin aus Berlin, stieß ihn vollends in das dunkle Reich von Wahn und Irrtum, als sie unvermittelt auf Axel Springer und seine fünf Ehefrauen zu sprechen kam: "Auf jeden Fall war er kein Nazi", sagte die Deutsche.

"Und ich hatte geglaubt..."

"Alles Mögliche, aber kein Nazi", wiederholte die Deutsche.

"Verdammt", sagte der Schweizer.

Ein Leben lang hatte er Axel Springer für einen "Nazi" gehalten, für ein "mieses Schwein", für einen, der Rudi Dutschke umgebracht hat und letztlich auch den hungerstreikenden RAF-Kämpfer Holger Meins, für einen, der für die "Isolationshaft" in Stammheim mitverantwortlich war und half, ein "neues Auschwitz" vorzubereiten. Von Vietnam ganz zu schweigen. Rudi Dutschke übrigens hatte nach dem Attentat vom 11. April 1968 eine Genesungskur unweit von Gstaad verbracht.

Dort hätte er Axel Springer durchaus begegnen können.

Für den 68er Daniel de Roulet war Springers "Angeber"-Schloss am Schweizer "Rösti-Graben" damals natürlich ein "windumbrauster Adlerhorst", ja eine Art Hitler'scher Obersalzberg. Beim Abfassen des Bekennerschreibens gibt es dann auch nur ein Problem: Wie schreibt man eigentlich "Berchtesgarden" korrekt? Man will sich ja keine Blöße geben, mit oder ohne Rechtschreibreform.

"Die Berge sauber fegen"

Wie bei allen verrückten Dingen, die Männer tun, spielen Frauen die entscheidende Rolle. Imperialismus hin, Faschismus her. Seiner Freundin, einem wunderbaren Wesen mit grünen Augen, wollte er endgültig beweisen, dass er kein kleinbürgerlich-intellektueller Stubenhocker war, sondern ein Mann der Tat, ein Held, ein aktiver Kämpfer gegen Nazis und Imperialisten, wo immer sie auch ihr Unwesen trieben.

"Ja, ich würde zur Tat schreiten", schreibt er rückblickend. "Es ging ums Prinzip, wir wollten das Land rein und weiß halten, wollen die Berge sauber fegen, damit sich dort keine braune Pest und keine ausländischen Diktatoren einnisten konnten."
Politisch und ideologisch war die Lage also glasklar wie der strahlende Wintertag des 5. Januar 1975.

Als Basislager für die Erkundung des Objekts wählte das Liebespaar das Gstaader "Palace"-Hotel, einen Fünf-Sterne-Schuppen der Extraklasse, wo de Roulet sich als Arzt ausgab, was prompt dazu führte, dass er nachts zu einer Hochschwangeren gerufen wurde. Dieser prekären Situation entledigte er sich ähnlich souverän wie der Zwickmühle in Sachen Brandanschlag: Sprengstoff oder flüssiger Brandbeschleuniger? Er entschied sich für zwei dicke rote Weihnachtskerzen (die seine Freundin liebte) und eine "Tube Brennpaste".

Die Deutschen wissen: Andreas Baader und Gudrun Ensslin hätten den Hubschrauber genommen oder wenigstens einen James-Bond-kompatiblen Allrad-Turbo-Schlitten - Schweizer Sonntagsattentäter jedoch packen ihren Rucksack und nehmen Axt, Brecheisen, Fernglas und Skier mit, inklusive Fell für den beschwerlichen Aufstieg.

Der dauerte über fünf Stunden. Zwischendurch verirrte sich das Paar, musste ein Stück Wegs zurücklaufen und kam dann doch ans Ziel. Fast hätte man schon aufgegeben, doch, klare Sache: "Wir waren von den Arbeitermassen Europas damit beauftragt worden, über die Reinheit der Gipfel zu wachen".
Was heute mit bitterer Ironie formuliert wird, war vor 30 Jahren bitterer Ernst.

Der Autor als Delinquent

Es bedurfte freilich mehrerer Anläufe, und intensiven Nachdenkens und einigen Kraftaufwandes, um ins Haus von Axel Springer zu gelangen. Kein Mensch war da, nur ein paar Gasflaschen in der Küche. "Ich rollte sie aus dem Haus und öffnete sie, um sie zu leeren. Der Brand hätte sie im falschen Moment in die Luft jagen und die eingeflogenen Feuerwehrleute gefährden können."

Dann schritt de Roulet endgültig zur Tat: "Meine beiden Kerzen installierte ich dort, wo sie nicht in der Zugluft stehen würden. Sie würden ruhig vor sich hin brennen und nachts zuerst die Stoffe, dann die Deckenbalken in Brand setzen. Ein paar Holzscheite aus dem Kamin verteilte ich so im Raum, dass die Flammen auch unter das hölzerne Halbgeschoss geleitet würden. Dann öffnete ich die Seitenfenster, damit, wie in unserem militärischen Ausbildungsmanual zu lesen stand, die hereinströmende Luft den Brand anfachen konnte."

Ein kurzer Blick noch in die Bibliothek, wo er jedenfalls keine Werke von Heinrich Böll fand, ein letzter Gedanke an Rudi Dutschke, "an die lebensbedrohliche Kugel in seinem Gehirn", dann war es soweit: "Ich zündete die beiden Kerzen an und verließ das Haus."

Es hat funktioniert. Nichts blieb übrig. Eine wahre Heldentat aus der Tiefe des historischen Raumes. Der Autor als Delinquent.

Als die 1989 die Mauer fiel, war auch er froh, dass der Kalte Krieg zu Ende war. "Das gab Springer Recht, ohne mir Unrecht zu geben", schreibt de Roulet. Darüber kann man lange nachdenken zwischen den Bergen.

Vielleicht auch darüber, dass man sich im Falle tatkräftiger politischer Handlungen zuerst ein wenig informiert.

Ein Anruf in Israel hätte schon damals genügt.



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