Spätfolgen des 11. Septembers Die vergessenen Opfer

Rund 50.000 Freiwillige halfen nach dem 11. September 2001 bei den Aufräumarbeiten an Ground Zero. Sie atmeten giftigen Staub ein: Asbest, Quecksilber, Dioxin. Viele sind seither schwer erkrankt, doch die Stadt verweigert ihnen jede Hilfe. James Zagroda ist das bisher letzte Opfer.

Von , New York


Stockend kommt die kleine Prozession auf der Hügelkuppe zum Stehen. Fünf blitzende Harley-Davidson des Police Departments eskortieren den Zug vorweg. Dahinter folgen der Leichenwagen, ein Truck, dessen Ladefläche mit Kränzen und Gestecken gefüllt ist, die Limousine der Familie und einige Dutzend Privatautos. Mehrere Streifenwagen beschließen die triste Parade, mit still blinkendem Blaulicht.

Zagroda-Begräbnis (im Februar): Letztes Opfer der 9/11-Anschläge
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Zagroda-Begräbnis (im Februar): Letztes Opfer der 9/11-Anschläge

Das eisgraue Friedhofsfeld des Holy Cross Cemetery zieht sich zu allen Seiten hin, ein Meer aus Marmorsteinen und Mausoleen, fast bis zum Horizont reicht es. Auf vielen Gräbern stehen frische Blumen in Plastikvasen, an anderen stecken winzige Sternenbanner. Hinter kahlen Baumgerippen steigen die Silhouetten Manhattans aus dem blassen Frühnebel: zur Linken das Empire State Building und die Türme Midtowns, zur Rechten der Financial District und die Lücke von Ground Zero.

Ein Frachtjet dröhnt über die dürren Wipfel, im Landeanflug auf den Newark Airport. Krähen flattern schimpfend hoch.

Die Trauergäste steigen aus ihren Wagen und gehen vorsichtig über den feuchten Boden.

James Zadroga starb jung. Er wurde 34 Jahre alt. Sein Tod wurde in New York City und auch in den Vororten wie hier im tristen North Arlington nur beiläufig registriert, für einen kurzen Moment, wie Wellenringe, die ein Kiesel in einem Weiher schlägt, bevor sich das Wasser dann schnell wieder glättet. Einen Tag lang geisterte sein Name durch die Nachrichten, wie ein Phantom aus einer vergessenen Zeit, über die man heute nicht mehr gerne nachdenkt. Die Lokalpresse widmete ihm kurze Einspalter. Bürgermeister Bloomberg und Polizeichef Kelly, sonst auf jedem NYPD-Begräbnis zugegen, hatten Wichtigeres zu tun. Dann war die Pietätminute auch schon vorüber, und das Interesse versiegte.

Zadroga, der ein Drittel seines kurzen Lebens bei der NYPD verbrachte, ist das bisher letzte Opfer der Terroranschläge vom 11. September. Er trug winzige Reste von Ground Zero in sich bis hierher herüber, auf die andere Seite des Hudson Rivers, und starb einen langen, qualvollen Tod - 1575 Tage später.

"Er sprang dem Tod von der Schippe"

Sechs Sargträger, frühere Polizeikameraden des Verstorbenen, heben den Mahagonisarg aus dem Leichenwagen und legen ihn auf ein Aluminiumgerüst über dem offenen Grab. Zadrogas Mutter Linda, eine große, grauhaarige Frau in einem langen, schwarzen Mantel, sitzt leise schluchzend auf einem Stuhl am Grab. Neben ihr sitzt Zadrogas Vater Joe, der pensionierte Polizeichef von North Arlington. Statt Schwarz trägt er, wie zum Trotz, einen beigen Trenchcoat über einem hellen Anzug.

Auf Joes Schoß hockt Zadrogas vierjährige Tochter Tylerann. Sie ist jetzt eine Vollwaise und wird von den Großeltern betreut; Zadrogas Ehefrau Ronda starb Ende 2004 im Alter von 29 Jahren an Krebs.

Auf der anderen Seite des Grabs hat sich eine Ehrenabordnung der Polizei aufgebaut. Sie stehen in drei Reihen und tragen Ausgehuniformen, Mützen mit blank polierten Schirmen und Waffen im Holster. Jeder hält eine einzelne, rote Rose in der Hand.

Der Pfarrer beginnt das Vaterunser. Die Cops senken den Kopf.

James Zadroga - zuletzt ein Kriminalbeamter in der Manhattan South Homicide Task Force, einer ruhmreichen Eliteeinheit zur Mordaufklärung - war am 11. September 2001 gerade auf dem Heimweg von der Nachtschicht, als das erste Flugzeug ins World Trade Center jagte. Zadroga, den alle nur Jim nannten, machte sofort kehrt zum schlug sich zurück bis nach Ground Zero durch.

Dort half Zadroga, Überlebende aus dem Chaos zu retten und auch den brennenden Wolkenkratzer 7 World Trade Center zu evakuieren, den zerstörten Zwillingstürmen gegenüber. Aber auch 7 WTC war verloren, am späten Nachmittag stürzte es als letztes Gebäude an Ground Zero ein. Zadroga konnte sich mit einem Sprint gerade noch in Sicherheit bringen.

"Er sprang dem Tod von der Schippe", erinnert sich sein Kollege Mike Palladino, der Präsident der Polizeigewerkschaft Detectives' Endowment Association, deren aktives Mitglied Zadroga war.

Zadroga war ein fülliger, bärtiger Kerl, der eine schwere, goldene Halskette trug, die oft unter seinem Polizeihemd hervorschaute, und der ein ansteckendes Lachen hatte. Trotz seines jungen Alters war er bereits ein NYPD-Veteran, mit einem ganzen Jahrzehnt Dienst auf dem Buckel. Er war Straßenstreife in Greenwich Village gefahren, hatte in der Bronx Kriminelle gejagt und in Harlem mit dem 25th Detective Squad Drogendealern aufgelauert.

Jeden Tag fuhr Zadroga von North Arlington durch den Lincoln Tunnel zu seiner Wache in Manhattan, und jeden Abend fuhr er durch den Tunnel wieder zurück.

Im Juni 1994 druckte die "New York Times" eine lange Reportage über die Arbeit der Straßenpolizisten und ihren Kampf gegen randalierende Teenager. Eine Szene beschrieb, wie zwei Beamte im Village auf offener Straße einem betrunkenen 15-Jährigen nachsetzten, ihn in Handschellen legten und in ihrem Patrouillenwagen nach Hause zurückbrachten.

Einer der beiden Beamte war Jim Zadroga, damals gerade 23 Jahre alt.

Drastische Diagnose

Am 11. September 2001 blieb Zadroga auch nach dem Einsturz von 7 WTC noch lange am Ort des Grauens. Er räumte Tonnen von Schutt beiseite. Er grub mit bloßen Händen Kollegen, Freunde und Fremde aus. Allein im ersten Monat nach den

Anschlägen verbrachte er fast 500 Stunden in der Trümmerwüste von Ground Zero, manchmal bis zu 16 Stunden am Tag und nur von kurzen Schlafpausen unterbrochen. "Er stellte seine Gesundheit und sein Leben hintan, um andere zu retten", sagt Palladino.

Dann kehrte Zadroga unauffällig in seinen normalen Dienst zurück, als wäre nichts gewesen.

Doch nach wenigen Monaten begann er über kurzen Atem zu klagen. Er bekam nur noch schwer Luft. Er musste dauernd husten und hatte starke Halsschmerzen.

Ärztliche Ultraschalluntersuchungen ergaben eine drastische Diagnose: Staublunge. In Zadrogas Lungen hatten sich unter anderem Fiberglas und Knochensplitter festgesetzt - ganz offenbar Reste des Leichen-, Gift- und Trümmerregens von Ground Zero, den er wochenlang eingeatmet hatte.

Medikamente halfen nicht. Der Stadt ringsum begann es langsam besser zu gehen, Zadroga ging es immer schlechter.

Dann fand der Doktor auch noch Spuren des hochgiftigen Schwermetalls Quecksilber in seinem Gehirn, ebenfalls eine Spätfolge von 9/11.

Zadroga versank in Depressionen. Vom NYPD fühlte er sich allein gelassen. "Welchen Dank bekomme ich nun, da ich krank bin?", schrieb er ein Jahr nach 9/11 in einem bitteren Brief. "Keiner auf der Arbeit kümmert sich um mich. Sie sagen, dir geht's doch gut, geh doch zur Arbeit. In Wahrheit habe ich mich in meinem Leben noch nie so schlecht gefühlt."

Schließlich musste er sich im Juni 2004 aus Gesundheitsgründen frühpensionieren lassen. Das NYPD verabschiedete ihn als hochdekorierten Beamten - in 13 Dienstjahren hatte Zadroga insgesamt 38 Orden für "ausgezeichnetes Verhalten" und "verdienstvolle Pflichterfüllung" bekommen - und bewilligte ihm eine steuerfreie Invalidenrente, die knapp zwei Drittel seines letzten Gehalts ausmachte.

  • 1. Teil: Die vergessenen Opfer
  • 2. Teil


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