Sparten-Sender N24 Munter in die Panzerschlacht

Nachrichten rund um die Uhr? Mann darf den Sendernamen N24 nicht zu genau nehmen. Neben News gibt's Boulevard und vor allem Technik - von Stahlwerks-Schau bis Panzer-Story.

Von Peter Luley


In jüngster Zeit ist der Nachrichtensender N24 selbst recht häufig Gegenstand der Berichterstattung gewesen: Da war der Ärger um den gestrauchelten Börsen-Guru Markus Frick, durch dessen Aktientipps sich Anleger geprellt fühlten und dessen Show "Make Money" vorsorglich abgesetzt wurde. Da sind die Spekulationen um den geplanten Umzug des Senders innerhalb Berlins 2009 und die Einsparungsgerüchte im Zuge der Umstrukturierungen bei der ProSiebenSat.1-Gruppe, zu der N24 ebenso gehört wie Kabel 1 und 9Live.

N24-Moderator Friedman: Mediale Nischenfälle
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N24-Moderator Friedman: Mediale Nischenfälle

Und da gab es den von Konzernchef Guillaume de Posch gemeinsam mit RTL-Chefin Anke Schäferkordt verfassten Brief an mehrere Ministerpräsidenten, in dem die Privat-TV-Macher gegen den geplanten Ausbau der digitalen Nachrichtenangebote von ARD (EinsExtra) und ZDF (Infokanal) zu Felde zogen.

Von den "dramatischen Auswirkungen", die die öffentlich-rechtliche Expansion auf die privaten News-Sender (n-tv gehört zur RTL-Gruppe) haben würde, war dort die Rede – bis hin zur Existenzbedrohung. Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Gebührenurteils des Bundesverfassungsgerichts erhebt sich so die Frage, was genau denn da noch mal bedroht sein könnte - also was Sender wie N24 eigentlich zeigen.

Mehr oder weniger telegene Print-Journalisten

Wer N24, dessen Quote vor dem Kölner Konkurrenten n-tv rangiert (siehe Kasten), außerhalb der vormittäglichen Live-Strecke von Früh- (7 bis 9 Uhr) über Morgen- (9 bis 12 Uhr) bis Mittags-Report (12 bis 13 Uhr) anschaltet, bemerkt jedenfalls recht bald, dass das Versprechen des Sendertitels – Nachrichten rund um die Uhr – ein wenig in die Irre führt.

Dokus und Magazinsendungen aller Art dominieren dann den N24-Auftritt, zu später Stunde noch eingerahmt von einer Talk-Schiene, in der sich mehr oder weniger telegene Print-Journalisten wie "BamS"-Chefredakteur Claus Strunz ("Was erlauben Strunz?") oder Hajo Schumacher und Hans-Hermann Tiedje ("Links-Rechts") als TV-Matadore versuchen. Auch dem anderweitig ausgemusterten Ehepaar Bärbel Schäfer und Michel Friedman sowie dem alten Kämpen Dieter Kronzucker bietet N24 eine Nischen-Heimat.

Im günstigen Fall erfüllen Formate wie "N24 Wissen", "Welt der Technik", "Transportwelt" oder "Kronzuckers Kosmos" die Funktion eines halbwegs interessanten Sachkunde-Unterrichts: Wenn etwa gezeigt wird, wie in den Korkeichenwäldern Portugals in einer Mischung aus Hightech und Handarbeit Flaschenpfropfen gewonnen oder in einer Remscheider Schmiede "Äxte für die Ewigkeit" gefertigt werden, kann das ja ganz erhellend sein.

Kettenkran, Stahlwerk, Flugzeugträger

Typisch, ja geradezu imageprägend für den Sender sind die technikverliebten Beiträge, in denen so leidenschaftlich geschweißt, geschraubt und über Wunderwerke der Technik gestaunt wird, dass sich der Männersender DMAX noch eine Scheibe davon abschneiden könnte.

"Sorgsam ausbalanciert dreht der Kettenkran den glühenden Koloss", heißt es dann mit verzücktem Timbre in einer Stahlwerks-Reportage, und nicht selten wird der Kommentar von bekannten Synchronsprechern beigesteuert, deren Stimmen an Robert De Niro, Jack Nicholson und Co. denken lassen. Das größte Faible der N24-Macher aber gilt der Schifffahrt: Schaltet man ziellos und stichprobenartig ins Programm, landet man nicht selten auf hoher See - ob es nun um kühne Flugzeugträgerkonstruktionen geht oder um deutsche Offiziersanwärter bei einer Ausbildungsfahrt auf der Fregatte "Sachsen".

So weit, so brav. Unangenehm bis bedenklich wird es dagegen, wenn die Dokus sich dem Militärtechnisch-Historischen zuwenden – und das tun sie ebenfalls häufig. Da werden Kriegseinsätze der jüngeren ("Apache – Kampfhubschrauber im Einsatz") wie der etwas älteren Geschichte behandelt ("Operation Zitadelle – Die größte Panzerschlacht aller Zeiten"), und leider befleißigt sich der Kommentar oft der gleichen Begeisterung wie bei den zivilen Technik-Hymnen. Mal wird in der eingekauften Lizenzware aus Übersee die US Army glorifiziert, dann wieder klingt in der Aufarbeitung von Schlachten des Zweiten Weltkriegs der Subtext durch, was alles möglich gewesen wäre, wenn Hitler nur auf seine fähigen Militärs gehört hätte.

"Feuerwehr-Reporter" im Krisengebiet

Die kurzen stündlichen Nachrichten wirken boulevardesk. Im "Mittagsreport" wird auch schon mal eine stammelnde Schönheitskönigin der Lächerlichkeit preisgegeben. Ansonsten sind oft Themen die Aufmacher, die anderenorts im Panorama-Ressort verhandelt werden. Maddies Eltern, Mitjas Mörder, die vermisste Jenisa und die ermordete Hannah - kurz: die schicksalsschweren Kriminalfälle der Woche.

Solche Themen bilden – wie davor die Waldbrände in Griechenland oder der mutmaßliche Kannibale von Wien – das klassische Einsatzgebiet für sogenannte "Feuerwehr-Reporter", mobile Krisenberichterstatter, die der Sender in Ermangelung eines gebührenfinanzierten weltweiten Korrespondentennetzes flexibel zu den jeweils aktuellen Brennpunkten schickt.

Sechs von ihnen beschäftigt N24 – charakteristisch für ihre Form der Video-Reportage (oder des Telefon-Beitrags mit Bildeinblendung in den Nachrichten) ist die suggerierte unmittelbare Anteilnahme am Geschehen. Hintergrundinformationen, politische gar, haben Seltenheitswert. Dafür dürfen in den von Autowerbung eingefassten Berichten von der IAA diverse Firmenvertreter nach Herzenslust die neuen Modelle ihrer Häuser anpreisen - da gewinnt man einen Eindruck, wohin zu viel Nähe zur werbetreibenden Industrie führen kann.

Liegt es nun an den vielen Special-Interest-Informationen, dem permanenten Multitasking, das der Sender dem Zuschauer mit seinem Börsenkurse-Laufband abverlangt, dem dröhnenden "Militainment" oder den Boulevard-News, dass man sich nach längerem Konsum von N24 leicht gerädert fühlt? Die alte Tante "Tagesschau" jedenfalls entfaltet im Kontrast dazu mit ihrer spröden Seriösität eine geradezu kathartische Wirkung.



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