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Spektakuläre Gauguin-Ausgrabung: Der Maler und sein Müll

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Absinthflaschen und Tigerbalsam, Morphiumspritzen und Rinderkraftbrühe: Auf der Südseeinsel Hiva Oa haben Archäologen in einem Brunnen den Hausmüll von Paul Gauguin gefunden - intime Zeugnisse eines unkonventionellen Lebens.

In dem Brunnen fand sich alles, was ein alter, kranker Mann zum Leben brauchte. Alkoholflaschen, mit deren Inhalt er die Verbitterung bekämpfte. Ein Tiegel Tigerbalsam, mit dem er seine schmerzenden Glieder einrieb. Eine Flasche Parfum, dessen Duft ihm gelegentlich die Gunst eines jungen Mädchens erkaufte. Kurz: In dem Schacht befanden sich die kläglichen Überreste des Lebens eines großen Malers, die Haushaltsabfälle von Paul Gauguin.

Nun, über hundert Jahre später, haben Archäologen diese Hausabfälle beim Bau des neuen Paul Gauguin Kulturzentrums in Atuona auf der Marquesas-Insel Hiva Oa ausgebgraben. Das Museum mit Werkstatt steht, ebenso wie ein Nachbau des Maison du Jouir auf dem ehemaligen Grundstück des Malers. Gauguin hatte die traditionelle Maori-Hütte, die er in den letzten zwei Jahren seines Lebens bewohnte, mit eigenen Händen gebaut. Und die Käufer seines Hauses, des legendären Maison du Jouir (Haus der Wonnen) hatten sie nach seinem Tod im Jahr 1903 einfach in den Brunnenschacht gekippt.

1901 war Gauguin auf die Insel gekommen, geflohen vor einem Leben in bitterer Armut in Frankreich, und auf der Suche nach einem "ursprünglichen" Paradies, in dem es sich billig und gut leben ließ. Die Gauguin-Expertin und Direktorin der Pont-Aven School of Contemporary Art, Caroline Boyle-Turner, hat die Liste der Funde in der neuen Ausgabe der Zeitschift "Van Gogh Studies" veröffentlicht. "Es war sehr aufregend, einen so direkten Blick in das Alltagsleben Gauguins werfen zu können", sagt Boyle-Turner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "So nahe kommt man einem Maler nur selten."

Die leeren Flaschen aus dem Brunnenschacht dokumentieren die alkoholischen Vorlieben des Malers: Gauguin trank Absinth. Genau wie sein ehemaliger Freund Vincent van Gogh, der sich nach ausgiebigem Genuss giftgrünen Getränks und einem daraus resultierenden Streit mit Gauguin ein Stück seines Ohres abschnitt. Außerdem trank er Rum und Wein. Drei leere Weinkrüge lagen in dem Brunnen, jeder davon enthielt einst stolze 35 Liter.

Bier zum Vergessen, Morphium gegen den Schmerz

Manchmal gab es auch Bier. Eine dunkelbraune Flasche zeigt noch den Prägstempel der Brauerei: The Kauri Brewery, Ltd., Woodville, Neuseeland. Auch die Gebrauchsgegenstände des Malers wollte nach dem Tod Gauguins keiner haben. Teller und Pfannen wanderten in den Brunnen, ebenso wie ein alter Kamm und eine wohl selbstgefertigte Zahnbürste. "Gauguins Geschirr kam aus Frankreich", bestimmt Boyle-Turner die Herkunft der Teller. "Auf Hiva Oa gab es nichts, womit er sein Haus hätte einrichten können, also brachte Gauguin alles aus seinem alten Leben mit."

Besonders hat es der Kunsthistorikerin ein kleines Schüsselchen angetan. Es ist ein Stück Keramik aus der Bretagne, aus dem Dorf Pont-Aven, wo die Schule Boyle-Turners ihren Campus hat. Auch Gauguin lebte und arbeitete 1886 drei Monate lang in Pont-Aven. Die Schüssel ist handbemalt mit dem typischen Dekor der Gegend. "Dieses Schälchen hat Gauguin fast zwei Jahrzehnte lang in seinem Besitz gehabt. Er muss es so sehr gemocht haben, dass er es den ganzen langen Weg bis nach Atouna immer bei sich trug."

Unter den Funden ist auch der Inhalt von Gauguins Medizinschrank. Und der war nicht immer ganz so harmlos wie die kleine Dose Tigerbalsam. Spritzen lagen dort und kleine Fläschchen, die einst mit Morphium gefüllt waren. Der Maler litt - und starb - an Syphilis. Die letzten Monate seines Lebens lag er fiebernd in seinem Maison du Jouir, bevor er am 8. Mai 1903 im Alter von 54 Jahren starb. Doch neben dem Schmerzkiller Morphium fand sich in dem Brunnen auch eine Flasche mit einer homöopathischen Medizin. "Gauguin war zuletzt so verzweifelt, dass er jegliche Arznei ausprobierte", erklärt Boyle-Turner das breite Spektrum der Medikamente.

Der Duft der Vergangenheit

Schmerzen werden ihm auch seine Zähne verursacht haben. Vier davon bargen die Archäologen, völlig vom Karies zerfressen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich tatsächlich um die Beißer Gaiguins handelt, ist hoch. Die Einwohner der Marquesas Inseln aßen keinen Zucker, ihre Zähne waren im Alter zwar abgenutzt, aber nicht kariös.

In diesen letzten Lebensmonaten wird Gauguin wohl keinen Gebrauch mehr von den Parfumflaschen gemacht haben. "Düfte dienten auf den Marquesas dazu, sich die Gunst von Frauen zu sichern", erklärt Boyle-Turner ihren ursprünglichen Verwendungszweck. Der Maler hat die Flaschen trotzdem bis zu seinem Tod behalten. Auch sie brachte er aus der Heimat mit, "France", ist auf ihnen noch zu lesen.

Und was gab es im Maison du Jouir zu essen? Statt der Reste üppiger Mahlzeiten lag im Brunnen nur ein leeres Glas Bovril. Aus der Paste aus Rinderextrakten wird in Großbritannien heute noch eine salzige Brühe zubereitet, die sich besonders in Fußballstadien großer Beliebtheit erfreut. Manchmal dient Bovril auch als Brotaufstrich.

Für die Kunsthistorikerin besonders interessant sind natürlich die Farbreste, die zwischen dem Müll and Tageslicht kamen. Pasten von Ocker und orangefarbenen Mineralien rochen sogar noch nach Leinöl. Die Mischung lässt darauf schließen, dass Gauguin seine Farben selber mischte. Eine Kokosnussschale diente ihm als Palette, in ihr klebten noch Pigmentreste.

Fundstücke unterm Sofa

Warum nur landeten die Gegenstände aus Gauguins Haushalt ausgerechnet in seinem Brunnen? "Die Einheimischen schöpften ihr Wasser aus Quellen. Brunnen gab es nur zwei in Atouna, den der katholischen Kirche und den von Gauguin", erklärt Boyle-Turner. "Als Gauguin nicht mehr lebte, gab es auch keine Verwendung mehr für das Loch im Boden. Also warf man beim Aufräumen alles rein, was sich aus dem Nachlass des Malers nicht verkaufen ließ."

Erst der jetzige Bürgermeister des Dorfes interessierte sich wieder für die Wasserstelle. Als er das Maison du Jouir nachbaute und schließlich das Kulturzentrum errichtete, ließ er auch nach dem Brunnen suchen, von dessen einstiger Existenz man im Dorf noch Geschichten erzählte, und ihn ausgraben. "Die Grabung war sehr sorgfältig durchgeführt", berichtet Boyle-Turner, "aber dann wusste niemand, was man mit den Funden anfangen sollte." Als die Professorin zu einem Besuch auf die Insel kam, lagen die Fundstücke sorgsam in Zeitungspapier gewickelt unter einem Sofa verstaut. Schließlich bat man sie darum, sich der Stücke anzunehmen.

Nach der monatelangen Beschäftigung mit Flaschen und Zahnbürsten, mit Zähnen und Rinderkraftbrühe, will sich Caroline Boyle-Turner nun endlich wieder der Kunst widmen. "Ich möchte mir im nächsten Schritt noch einmal genau die Bilder aus der letzten Lebensphase Gauguins anschauen", erzählt sie von ihren Plänen, "und in den Bildern nach Spuren der Geschichten suchen, die diese Funde aus dem Brunnen erzählen."

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Gauguins Brunnen: Quell des Lebens

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