Spektakuläre Magnum-Fotografien: "Einfach draufgedrückt, klackklackklack"

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Aus dem Nähkästchen der Meisterfotografen: Die Fotoagentur Magnum hat einen Bildband veröffentlicht, der die Entstehung legendärer Fotos nachvollziehbar macht. Im Interview spricht Star-Fotograf Thomas Hoepker über Bildmonumente, die der Zufall schuf.

Im Prinzip ist das Ganze ein Skandal, aber Thomas Hoepker kann sich nicht erinnern, dass sich auch nur ein Kollege beschwert hätte. "Alle fanden es wohl eine gute Idee", sagt Hoepker und lächelt fein. Der Skandal wiegt fünf Kilo und hat 500 Seiten - ein dickes, schweres Fotobuch der legendären Fotoagentur Magnum. Es zeigt die besten Bilder der besten Fotografen der Welt, was natürlich überhaupt nicht schlimm ist. Aber es zeigt auch ihre Kontaktbögen.

Henri Cartier-Bresson, Franzose und einer der Gründer von Magnum, hat einmal gesagt, dass seine Kontaktbögen am besten nie jemand zu Gesicht bekommen solle, weil das so wäre, als würde ihm jemand beim Pinkeln zusehen. Und auch Thomas Hoepker, 75, Magnum-Fotograf seit 1982, "Stern"-Ikone und gerade in Hamburg zu Besuch, weiß um den Tabubruch. "Das sind eigentlich die Bilder, die man nicht vorzeigen will. Man kreuzt die an, die vergrößert und vielleicht veröffentlicht werden sollen, und der Rest - geht ins Archiv."

Das hat seinen Grund: Kontaktbögen, die Positive der Filmrollen, sind Rohmaterial. Auf ihnen sind nicht nur die besten Schnappschüsse zu sehen, sondern auch die misslungenen. Die unterbelichteten, unscharfen, unvollkommenen. Es ist so, als würde man Notizen eines Schriftstellers veröffentlichen oder Skizzen des Künstlers. Es ist eine Entblößung. Und doch haben am Ende alle Magnum-Fotografen eingewilligt, weil das Buch eben auch etwas nie Dagewesenes ist, außergewöhnlich, ganz nach dem Selbstverständnis von Magnum.

Das Ergebnis ist eine Sensation. Endlich kann nun auch die breite Masse sehen, wie die Bildikonen der vergangenen 70 Jahre entstanden. Wie viel Glück hinter manchem Fotoschuss steckte und wie viel Arbeit. Und es erzählt auch die Geschichte eines Berufs, der akut vom Aussterben bedroht ist. Denn das Buch zeigt die Kontaktbögen von Fotoreportern, die noch Wochen oder Monate unterwegs sein konnten für eine Geschichte, angestellt bei Illustrierten und frei von Sorgen. Männer wie Thomas Hoepker, dem Muhammad Ali 1966 die Faust in die Kamera hielt und der 35 Jahre später ganz zufällig eines der bewegendsten Bilder vom 11. September 2001 schoss.

Hoepker sitzt in einem Café in der Hamburger City, seinen Mantel hat er in die Ecke gelegt und darauf ganz vorsichtig seine Kamera. Die Frage, ob der Mann aus der analogen Ära auch digital fotografiert, erübrigt sich. Die Leica M9-P gilt als beste Digitalkamera der Welt. Allein das Gehäuse kostet 6000 Euro, aber dafür bekommt man nicht nur die neueste Technik, sondern auch ein Symbol: Die Kameras der M-Serie waren stets die Reportagekameras der großen Fotografen. Hoepkers Leica ist die Verbindung zweier Welten, analog und digital, früher und heute. Besser und schlechter?

Hoepker: Ich fotografiere seit 2002 digital. Und ich bin auch nicht nostalgisch und glaube, dass früher alles besser war. Wichtig ist, was auf dem Bild drauf ist. Egal, ob Chip oder Film.

Thomas Hoepker lebt in New York und Berlin, und wenn er mal nicht unterwegs ist bei Ausstellungen in China oder Empfängen in Hamburg, dann digitalisiert er sein Archiv. Das Lebenswerk steckt säuberlich sortiert in Leitz-Ordnern, in der Kühlkammer, es ist das Portfolio einer Legende. Fotograf bei "Kristall", DDR- und New York-Korrespondent sowie Art Director beim "Stern", erstes deutsches Vollmitglied und Präsident bei Magnum. Hoepker wird verehrt von Kollegen, seine Bilder sind bei Sammlern begehrt. Und doch ist nicht Hoepker der Weltstar, sondern seine Fotos. Zwei haben ihn berühmt gemacht: Alis Faust und ein Stillleben des Terrorangriffs vom 11. September.

SPIEGEL ONLINE: Für den "Stern" haben Sie 1966 Muhammad Ali fotografiert. Wie war das, als Sie erfuhren, dass Sie Ali begleiten können?

Hoepker: Unspektakulär. Ich hatte nämlich überhaupt keine Ahnung, wer Ali war. Ich habe mich weder für Sport noch fürs Boxen interessiert, und Ali war damals auch noch kein Superstar. Aber es stand eben dieser Kampf zwischen ihm und dem Deutschen Karl Mildenberger vor der Tür und der "Stern" wollte, dass wir uns diesen komischen Kerl anschauen, über den in Amerika alle redeten.

SPIEGEL ONLINE: Wir?

Hoepker: Ja, meine damalige Kollegin und spätere Frau, Eva Windmöller, war Autorin beim "Stern". Wir flogen zunächst nach London, wo sich Ali auf einen Kampf gegen den englischen Schwergewichtsmeister Brian London vorbereitete.

SPIEGEL ONLINE: Wie war Ali?

Hoepker: Es war nicht leicht mit ihm, er war gerade zum Islam konvertiert und hatte offenbar Probleme, mit einer weißen Frau offen zu reden. Und er war schon damals ein Sturkopf. Wenn er keine Lust hatte, mussten wir ihn alleinlassen. Manchmal nahm er uns dann aber einfach mit, packte uns ins Auto und fuhr mit uns durch London. Wir waren am Ende so fasziniert von ihm, dass wir dem "Stern"-Chef Henri Nannen vorschlugen, Ali noch mal in den USA zu besuchen.

SPIEGEL ONLINE: Dort entstand schließlich jenes legendäre Bild, auf dem der Champ Ihnen die Faust in die Kamera reckt. Was war das für ein Moment, als Sie das Foto schossen?

Hoepker: Total unspektakulär. Wir saßen in seiner schmuddeligen Trainingshalle, in der Ali sein Sparring machte. In einer Pause entdeckte er uns und kam in unsere Ecke. Er sah mich mit meiner Kamera, boxte in meine Richtung und ich habe einfach draufgedrückt, drei Mal, klackklackklack.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Kontaktbogen sieht man, wie miserabel das Licht war.

Hoepker: Es war ja auch eine finstere Ecke, ich hatte Mühe scharfzustellen. Am Ende waren zwei Bilder verwackelt und eins gelungen. Eine spontane Aktion, wie so oft. Das Ergebnis hatte viel mit Glück zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Der Ali-Kontaktbogen scheint nicht komplett zu sein.

Hoepker: Ich habe den Film rausgenommen, bevor er ganz voll war. Das macht man manchmal. Aus Neugier.

Das Ali-Bild wird zum Bestseller, Illustrierte und Sammler bestellen es. Hoepkers Karriere befördert das. In den sechziger Jahren weckt der talentierte Fotograf sogar das Interesse von Magnum. Präsident Elliott Erwitt schreibt dem Deutschen einen Brief und lädt ihn ein, Mitglied der Fotoagentur zu werden. "Völlig außer der Norm" nennt Hoepker das, denn eigentlich ist ein kompliziertes Ritual üblich. Wer zu Magnum will, muss sich bewerben, wird zur Vollversammlung eingeladen, kann durchfallen, muss sich beweisen. Jahrelang. Als er in den Achtzigern den "Stern" verlässt, reicht ein Anruf in New York - Hoepker wird zum ersten deutschen Vollmitglied bei Magnum. Als solches schießt er 2001 sein berühmtestes Foto.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bild von 9/11 zeigt junge Menschen, die am East River sitzen und sich scheinbar sorglos unterhalten. Die Katastrophe findet weit entfernt statt - man sieht nur die Rauchsäule. War das Motiv so geplant?

Hoepker: Natürlich nicht. Ich hatte wie alle anderen auch Fernsehen geschaut und zunächst gedacht, es handele sich um einen Unfall. Als dann das zweite Flugzeug in den Turm flog, war ich schockiert, verwirrt, verängstigt. Und blieb erst mal vor dem Fernseher sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Es war nicht Ihr Impuls, sofort loszustürmen zum World Trade Center?

Hoepker: Nein. Ich war fassungslos und saß da wie versteinert. Erst allmählich raffte ich mich auf. Aber da waren die Straßen schon dicht.

Hoepker wohnt im Norden von Manhattan, der Terroranschlag hatte im Süden stattgefunden. Mit dem Auto fährt der Fotograf durch Queens und Brooklyn, am Horizont sieht er die Rauchwolken. Es sind an diesem Tag noch sieben weitere Magnum-Fotografen in New York, alle sind in der Nähe des WTC. Alle außer Thomas Hoepker. Er parkt in der Nähe eines Restaurants.

Hoepker: Dort am East River, unter der Williamsburg Bridge, sah ich diese Szene, direkt hinter dem Parkplatz. Fünf Leute saßen dort und unterhielten sich, ich habe nicht weiter über die Symbolik nachgedacht sondern einfach draufgedrückt. Drei Mal. Das sind instinktive Momente, da sammelt man einfach Bilder ein.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Ihre Kollegen gesagt, als Sie das Bild sahen?

Hoepker: Ich habe sie ihnen nicht gezeigt. Ich kam am nächsten Morgen ins Magnum-Büro und sah die ganzen Fotos der anderen Kollegen. Da waren unglaubliche Bilder dabei, von den Feuerwehrleuten, von Flüchtlingen, von der qualmenden Ruine. Wichtige Momente. Robert Capa, einer der Magnum-Gründer, hat mal den Satz gesagt: 'Wenn dein Bild nicht gut genug ist, warst du nicht nah genug dran.' Und ja, ich war wirklich weit weg gewesen. Zu Hause, am Leuchttisch, steckte ich die Dias in meine B-Kiste.

SPIEGEL ONLINE: Sie hielten es für zweite Wahl?

Hoepker: Ja. Ich kam nicht auf die Idee, dass man es auch für ein ganz gutes Bild halten könnte. Erst der Kurator des Münchner Fotomuseums hat es dann vier Jahre später bei mir entdeckt und gesagt, das sei ja eigentlich ein verrücktes Foto.

Das Bild, das Thomas Hoepker in eine Kiste verbannt hatte, wurde das Foto seines Lebens. Keines wurde häufiger verkauft, keines ist im Kunstmarkt teurer. Dabei findet Hoepker auch heute noch nicht, dass es ein großartiges Bild ist. Ähnlich ambivalent ist er auch im Fall der Ali-Faust. "Das Negativ ist gar nicht gut, ziemlich unterbelichtet", sagt der Fotograf. Das Bild sei für ihn persönlich auch nie besonders wichtig gewesen. "Aber die Faust ist schön scharf."


Der Bildband Magnum Contact Sheets ist im Schirmer/Mosel Verlag erschienen, 508 Seiten, 98 Euro

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1. "ein Stillleben"
joschid 28.11.2011
"Zwei haben ihn berühmt gemacht: Alis Faust und ein Stillleben des Terrorangriffs vom 11. September." Vielleicht schauen Sie bei Gelegenheit mal nach, was man so als "Stillleben" bezeichnet, im Lexikon oder so.
2. Schleichwerbung?
gugugy 28.11.2011
Zitat von sysopAus dem Nähkästchen der Meisterfotografen: Die Foto-Agentur Magnum hat einen Bildband veröffentlicht, der die Entstehung legendärer*Fotos nachvollziehbar macht. Im Interview spricht Star-Fotograf Thomas Hoepker über Bildmonumente, die der Zufall schuf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,800329,00.html
Sie behaupten über die digitale Messsucher-Leica M9-P, es sei die beste Kamera, aber eigentlich gibt es keine "beste Kamera", denn eine Kamera kann nur so gut sein wie derjenige, der damit fotografiert. Thomas Hoepker ist unbestritten ein exzellenter Fotograf. Seine Fotos bleiben seine Leistung. Ihre Behauptung scheint ihn aber, so mein Eindruck, ihn mittels dieser an Schleichwerbung anmutenden Behauptung "beste Kamera" auf eine schräge Image-Ebene zu schieben. Bekannt ist, dass das Unternehmen Leica es nicht leicht hat sich gegenüber asiatischer Konkurrenz zu behaupten, denn die sind auch verdammt gut. Es wäre besser gewesen, Sie hätten auf das Attribut "beste" verzichtet und einfach nur die Wahrheit gesagt: Eine der teuersten Kameras. Teuer muss jedoch nicht gleichbedeutend mit gut bzw. "best" sein. Leica freut sich sicherlich über Ihren Artikel und wird ihn für die Werbung nachdrucken lassen. Eigentlich hatte ich mir zum neuen Jahr diese Leica kaufen wollen, doch nun fühle ich abgestoßen. Ich werde also verzichten.
3. Wenn ich sowas schon lese...
mulhollanddriver 28.11.2011
..."Die Frage, ob der Mann aus der analogen Ära auch digital fotografiert, erübrigt sich. Die Leica M9-P gilt als beste Digitalkamera der Welt. Allein das Gehäuse kostet 6000 Euro, aber dafür bekommt man nicht nur die neueste Technik..." Sehen wir uns dieses Gerät einmal an. Die Auflösung des LCD-Monitors gab es schon vor sieben oder acht Jahren. Seit mehr als vier Jahren sind statt 250.000 Punkten 920.000 Standard bei guten Kameras. Die ISO-Leistung macht die Kamera für zeitgemäße Reportagefotografie unbrauchbar. Die Ergonomie ist auf dem Stand von 1940. Die "beste Digitalkamera der Welt" für Reportagefotos heißt derzeit Nikon D3s und wird im ersten Quartal 2012 ersetzt. Die "beste Digitalkamera der Welt" für den Einsatz im Studio kommt - soweit ich weiß - von Hasselblad oder Leaf. In diesem Bereich kenne ich mich nicht gut aus. Die kleinen Leicas laufen in Japan bei Panasonic vom Band. Die großen Leicas nicht. Wirklich gut sind sie trotzdem nicht. Wer anderer Meinung ist, darf sich gern zu Wort melden.
4. Die "beste" ???
pek 28.11.2011
Der Trend in der Fotografie geht ganz woanders hin. Denn die "beste" Kamera, das "beste" Objektiv gibt es längst. Mechanisch ist da kaum noch was zu erwarten. Die eigentliche Revolution findet still und leise bei der Software statt. Und da hat Leica nicht die Nase vorn. Heute schon gibt es Kameras die selbstständig erkennen ob das Motiv lächelt. Und wenn der oder die Porträitierte blinzelt während der Aufnahme meldet das die Kamera dem Fotografen. Sie erkennt auch Szenen wie Makro oder Dämmerung automatisch und macht in bestimmten Situationen mehrere Bilder hintereinander, um daraus HDR-ähnlich ein "bestes" Bild zu komponieren. Moderne Kameras haben heute C-Mos Bausteine als Sensoren, wenn auch der 24x36 mm grosse CCD der Leica wunderbare Bilder produziert, auf denen selektive Schärfe möglich ist. Allerdings trennt der Preis die meisten Begeisterten vom Gerät.
5. brave new world
GlindmeierRaus 28.11.2011
Zitat von pekDer Trend in der Fotografie geht ganz woanders hin. Denn die "beste" Kamera, das "beste" Objektiv gibt es längst. Mechanisch ist da kaum noch was zu erwarten. Die eigentliche Revolution findet still und leise bei der .....
Na, dann kann ja bald jeder Technik-Nerd ohne künstlerisch-ästhetisches Talent oder Ausbildung fotografische Meisterleistungen abliefern! Die Hoffnung will ich Ihnen nicht nehmen...
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