Spektakuläres Turrell-Museum Im Weinberg brennt noch Licht

Hierhin dürfte sich die Kunstszene aus New York oder Berlin nie verlaufen: Auf 2300 Metern Höhe hat in den argentinischen Anden das James Turrell Museum eröffnet. Der Wein ist dennoch großartig. Dafür sorgt schon der Erbauer, den Einheimische nur "El Loco" nennen - der Verrückte.

Aus Colomé berichten Heiko Klaas und Nicole Büsing


"Schaut euch die Pflanzen noch mal gut an, ihr werdet lange kein Grün mehr zu sehen bekommen", scherzt der Fahrer Jorge und holt die Sonnenbrille hervor, die er an seinem Gaucho-Hut befestigt hat. Das Ziel, die Estancia Colomé, liegt auf 2300 Metern Höhe. Sie ist das älteste Weingut Argentiniens und eines der angesehensten Südamerikas - und jetzt auch Ort einer einzigartigen Kunstausstellung: dem James Turrell Museum.

Von Buenos Aires sind es zwei Flugstunden bis zur Provinzhauptstadt Salta im Norden des Landes. Dann noch einmal fünf Stunden Fahrt durch unwegsames Gelände. Mit Allradantrieb geht es über staubige Schotterpisten, durch enge Schluchten und kleine Flüsse. Der Himmel hier oben ist stahlblau. Die Sonne scheint 350 Tage im Jahr.

Donald Hess, 73, hat die Estancia Colomé im Jahr 2001 erworben. Der aus der Schweiz stammende Weinproduzent und Kunstsammler ist sich mit seinem Lieblingskünstler, dem amerikanischen Lichtmagier James Turrell, 65, einig: "Entweder du bist schon verrückt, wenn du in die Wüste kommst, oder du wirst es dort. Auf jeden Fall ist das ein Ort, um ungewöhnliche Dinge zu entwickeln." Die Arbeiter seines Weinguts nennen Hess dementsprechend "El Loco", der Verrückte.

Jetzt hat der Verrückte sich einen Traum erfüllt: Auf der Estancia Colomé eröffnete das weltweit erste Museum für die Kunst von James Turrell - unendlich weit weg von allen Kunstmetropolen, in majestätischer Lage unter dem beeindruckenden Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre.

Für die Kunst Turrells gar kein so unpassender Ort: Schließlich geht es in den groß angelegten Arbeiten des weltweit anerkannten Künstlers vor allem um Licht und Raum. Eine besondere Rolle spielen dabei neben Lichtinstallationen die sogenannten Skyspaces ein, eine Art Himmelsobservatorien.

"Als Donald Hess mich gefragt hat, ob ich ein Museum in Argentinien entwerfen wolle, war ich sofort einverstanden, denn ich liebe Buenos Aires", erzählt James Turrell schmunzelnd. Von der langen Fahrt in die Anden ahnte er da noch nichts.

Donald Hess ist einer der wichtigsten Sammler der Kunst von James Turrell überhaupt. Und seine rund 1000 Werke umfassende Kunstsammlung mit Arbeiten so wichtiger Künstler wie Francis Bacon, Georg Baselitz, Franz Gertsch oder Gerhard Richter ist international renommiert.

Als Unternehmer hat Hess einst das Graubündner Mineralwasser Valser zu einer Marke ausgebaut, die mittlerweile über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt ist, und schließlich an die Coca Cola AG verkauft. Heute gehören ihm Weingüter in Kalifornien, Südafrika, Australien und eben auch in Argentinien. Dort lässt er nach biodynamischen Grundsätzen wirtschaften.

Meditation, Ruhe, Zurückgeworfensein

Extreme Herausforderungen liebt er in Kunst und Weinbau gleichermaßen: Auf seinem zwei Autostunden von der Estancia Colomé entfernten Weinberg Altura Maxima, dem höchsten Weinberg der Welt, sollen in einigen Jahren auf der Rekordhöhe von 3111 Metern Spitzenweine produziert werden.

Im knapp 1700 Quadratmeter großen James Turrell Museum durchschreitet der Besucher zwölf ganz unterschiedlich dimensionierte Räume. Rotes, grünes, gelbes, blaues oder violettes Licht wechseln sich ab. Scharf umgrenzte Lichtkegel sind perfekt in Raumecken gesetzt. Irisierendes Flimmern erzeugt optische Nachbilder. Der Besucher gelangt in völlig abgedunkelte Räume, in denen er erst, wenn er zehn oder 15 Minuten geduldig verweilt, ein heraufkriechendes Licht erkennen kann.

Anderswo füllt Licht die Räume, Wände verschwinden, vermeintlich Solides löst sich auf, der Orientierungssinn wird auf die Probe gestellt, Trugschlüsse und Sinnestäuschungen irritieren das Bewusstsein.

Meditation, Ruhe und das Zurückgeworfensein auf die eigene Empfindsamkeit - all dies erfährt man unwillkürlich, wenn man Turrells Museum der inneren Wahrnehmung durchschreitet. "Normalerweise benutzen wir Licht, um damit andere Gegenstände zu beleuchten", sagt der Künstler. "In meinem Werk geht es aber um das Licht an sich. Als Material. Es spielt mit den Dimensionen, es füllt die Räume wie ein dichter Nebel oder ein feiner Dunst." Er selbst fühlt sich offenbar wohl im Hochland der argentinischen Anden. Die karge Wüstenlandschaft erinnert ihn an seine Heimat Arizona.

Das Herzstück des Museums bildet die Arbeit "Unseen Blue" (2002), der weltweit größte von Turrells Skyspaces. Über 20 dieser Himmelsobservatorien existieren bereits. Ein großer kubusförmiger Raum mit schlichten weißen Säulen, der ein wenig an das Pantheon in Rom erinnert. In die Decke ist ein offenes Quadrat eingelassen, darunter ein schwarzer Granitfußboden, rundum Bänke aus Sandstein. Am beeindruckendsten ist das Erlebnis dieser Arbeit bei Sonnenaufgang oder in der Abenddämmerung. Eine präzise durchkomponierte Lichtinszenierung taucht dann den Raum und den Nachthimmel in ganz unterschiedliche Stimmungen. Das computergesteuerte Licht ist minutiös auf die natürlichen Veränderungen am Himmel abgestimmt. Mal erscheint das Viereck an der Decke präzise abgezirkelt wie Malewitschs "Schwarzes Quadrat", mal gehen der Nachthimmel und die Decke diffus ineinander über. Mal erlebt man den von keinerlei menschlichen Einflüssen verunreinigten Südhimmel ganz pur. Im Skyspace breitet sich eine feierliche, fast sakrale Stimmung aus. Laut zu sprechen wagt hier niemand.

Wer den weiten Weg nach Colomé auf sich nimmt, wird belohnt: Mit einem der aufregendsten Museumsbesuche überhaupt und einer Reise in die Geheimnisse der eigenen Wahrnehmung. Für James Turrell, dessen Skyspaces von Schottland bis nach Japan und Australien über die ganze Welt verteilt sind, spielt die Abgelegenheit keine große Rolle: "Ich bin weltweit wohl der Künstler, der die meisten Werke an entlegenen Orten hat."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.