Sperrung der A40: Feiern, feiern, feiern auf der Autobahn

Von der A 40 berichtet Christoph Twickel

Wie bringt man eine ganze Region auf die Straße? Man lässt die Autobahn sperren und ruft zum großen Picknick auf. Im Ruhrgebiet funktioniert das, wie sich am Sonntag auf der A40 zeigte, bestens: Rund zwei Millionen Menschen futterten und feierten auf dem "Still-Leben Ruhrschnellweg".

Gesperrte Autobahn: 60 Kilometer Alltagskultur Fotos
AP

Alle waren sie gekommen: Die Skatrunden und die Junggesellenabschiede, die Blues-Gitarristen mit schütterem Haar, die Turnvereinigungen mit den vielen übergewichtigen Damen. Und natürlich Hunderttausende von Fahrradfahrern und Inlineskatern. Ab Sonntagmorgen um 10 Uhr machten sie die A40 für sechs Stunden lang zur spektakulärsten Autobahn der Welt.

Das gab's noch nie? Doch: In den fernen siebziger Jahren, als während der autofreien Sonntage die Autobahn für motorisierte Fahrzeuge gesperrt war. Damals war's nur die Ölkrise, die das Fahrrad-Fußgänger-Massenvergnügen ermöglichte. Heute dagegen geht es um alles. Um den ganzen Standort nämlich.

Das Spektakel mit dem etwas behäbigen Namen "Still-Leben Ruhrschnellweg" habe "das Potential, zum emotionalen Gründungsmoment der Metropole Ruhr zu werden", hatte der Fernseh-Dinosaurier Fritz Pleitgen verkündet, seit zwei Jahren Chef der Ruhr 2010 GmbH. Seit er Europas Kulturhauptstadt ist, heißt der Ruhrpott offiziell nämlich "Metropole Ruhr".

Eine Sprachregelung, über die Johannes Brackmann nur schmunzeln kann. "Irgendwann hieß es im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt, dass wir nicht mehr 'Ruhrgebiet' sagen sollen, weil wir nämlich eine Metropole seien", sagt der Hobbyposaunist, im Hauptberuf Geschäftsführer des Essener Kulturzentrums Grend. "Das ist aber ein Etikettenschwindel." Er hat gerade vis-à-vis der Dortmunder Westfalenhalle mit seiner Blaskapelle "Schwarz Rot Atemgold" die Besucher zum Schwofen gebracht. Die Stimmung ist prächtig. Und auch Brackmann findet's gut auf der A40, auch wenn er das Gewese um das Ruhrgebiet als Kultur- und Kreativstandort eigentlich für eine "Blase" hält.

Aber diesmal sind es eben nicht symphonisch aufgepimpte Fußballgesänge oder ein international besetzter Kreativwirtschaftskongress, mit dem der Pott sich als Standort empfehlen will. Sondern 60 Kilometer Alltagskultur, aufgereiht auf Biertischen. Von der Ausfahrt Duisburg-Homberg bis zur Ausfahrt Dortmund Märkische Straße decken sie das ganze Spektrum des ruhrpöttischen Zivillebens ab. Von der Freizeitpoker-Vereinigung bis zum Unterwassersportclub aus Waltrop, vom Inlineskater Verein Skate Rats aus Hameln bis zum Bergmannschor, von der Arbeiterwohlfahrt bis zum Laientheater und natürlich: Hunderte von lokalen Firmenpicknicks.

"Wenn das geht, geht alles"

25 Euro pro Biertischgarnitur waren zu entrichten - die Commerzbank Dortmund hat gleich 30 gemietet, der Lions Club Essen auch. Das Gros jedoch machen die Ein-Tisch-Runden aus, an denen Privatiers mit Dosenbier, belegten Brötchen und spaßigen Kopfbedeckungen der Hitze trotzen. Auch das "Bierbike Dortmund" kurvt über die A40.

An einem Biertisch an der Auffahrt Lindemannstraße in Dortmund sitzt ein modisches Pärchen vor zwei batteriebetriebenen Plattenspielern und legt Punk- und Achtziger-Jahre-Singles auf. Man sei so etwas wie der "Dortmunder Subkulturtisch", wolle aber nicht so heißen, sagen die beiden. Eine seltener Fall von Hipness in dieser Hüpfburg- und Marmorkuchen-Welt. "Still-Leben Ruhrschnellweg" ist sozusagen die gelebte Antithese zur ausgerufenen Standortstrategie. Denn wo sich im Industriezeitalter die Städte um die Hochöfen und Bergwerke gruppierten, will man heute die creative industries, die Wissens- und Kulturbranchen in der Region vor Anker gehen lassen.

Von Dinslaken über Dorsten bis Dortmund, von Duisburg über Unna bis Oberhausen: Jede Kommune hier hat mindestens einen Stadtteil zum "Kreativquartier" ausgerufen, in dem sich am besten Agenturen, Softwareschmieden, Games-Entwickler, Künstler und kreative Freiberufler ansiedeln sollen. Die Laptop-Stadtindianer sollen's richten.

Zumindest einige von denen machen sich ihren eigenen Reim auf das Ruhrgebiet: Eine Künstlergruppe besetzte am Nachmittag fernab der A40 das ehemalige, seit drei Jahren leerstehende DGB-Haus in der Essener Innenstadt. Nach dem Vorbild des Hamburger Gängeviertels wollen die Besetzer dort ein "Kunsthaus" durchsetzen. Das Motto: "Die kreative Klasse macht sich selbständig".

Derweil drängten sich auf den Autobahnspuren gut zwei Millionen Menschen, zeitweilig musste die Feuerwehr die Zugänge sperren und selbst die Rad- und Inlinefahrer standen im Stau. So wurde aus dem 60 Kilometer langen Asphaltriemen, der aus dem urbanen Kontinuum Ruhrgebiet eine Abfolge von Aus- und Auffahrten macht, das vielleicht längste Straßenfest der Welt: Eine Mischung aus Betriebsausflug, Kleinkunst und Sozialverbandsinfotainment sowie mittelständischer Sponsoring-Veranstaltung.

"Die interessanteste Kultur kommt immer noch von der Straße" steht auf dem Ruhr-2010-Transparent, das auf der Höhe Essen-Wickenburg an der Autobahnbrücke hängt. Und ein anders verspricht vollmundig: "Wenn das geht, geht alles." Ja, es feierte sich selbst, das gute alte Ruhrgebiet. Und das kann es recht gut.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
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1. Eine prima Aktion!
haltetdendieb 18.07.2010
"Seit Europas Kulturhauptstadt ist, heißt der Ruhrpott laut offiziell nämlich "Metropole Ruhr". Wer ist Europas Kulturhauptstadt? Dorsten, Dormagen, Duisburg oder gar Dortmund.... Diese Frage müsste noch geklärt werden! Ansonsten eine prima Aktion, die sollte man öfter machen. Auch auf der A1 und A7 in Hamburg, eine Million Menschen würden da schon zusammen kommen. Und bei dermaßen moderaten Stellgebühren ist es kein Problem!
2. Sehr gut
fucus-wakame 18.07.2010
Autobahnen sind für alle Menschen da. Nicht nur für Autos. Denn Autobahnen wurden aus Steuergeldern finanziert. Deshalb plädiere ich auch dafür, daß man mit Fahrrädern auf die Straßen darf.
3. Fahrradfahren
greeper, 18.07.2010
Zitat von fucus-wakameAutobahnen sind für alle Menschen da. Nicht nur für Autos. Denn Autobahnen wurden aus Steuergeldern finanziert. Deshalb plädiere ich auch dafür, daß man mit Fahrrädern auf die Straßen darf.
Ja genau. Das ist ein sehr intelligenter Vorschlag. Ich bin aber dann auch dafür, daß die Fahrradfahrer, genau wie die Autofahrer, 200-400 Euro KFZ-Steuer (bzw. FZ-Steuer) im Jahr zahlen und auf der Autobahn mindestens 80 km/h fahren. Heute morgen habe ich mich noch gefragt "macht Fahrradfahren eigentlich dumm?". Jetzt weiß ich schon mehr...
4. Lustig
Hovac 18.07.2010
Das war heute schon ein lustiger Spaziergang, auch wenn man nur einen kleinen Teil sehen kann. Der Stau ist aber auch ohne Autos immer da.
5. Da fehlt was...
grafkoks2002 18.07.2010
Zitat von HovacDas war heute schon ein lustiger Spaziergang, auch wenn man nur einen kleinen Teil sehen kann. Der Stau ist aber auch ohne Autos immer da.
Was dem Spon-Artikel fehlt: Die Beschreibung des "Rundherum" jenseits der A40. Habe versucht von meinem etwas abgelegenen Wohnort mit dem Auto in die Nähe einer Auffahrt zu kommen (Nähe im Sinne von - ein, zwei Kilometer). Keine Chance. Habe noch nie so viele Wanderer, Radfahrer im Pott auf einem Haufen gesehen. Respekt. Wollte in Bochum-Gerthe zur A40 - und musste es nicht nur eine Ausfahrt weiter versuchen. In Dortmund-Lütgendortmund ergab sich eine Möglichkeit. Und was hat mir ganz persönlich diese Aktion gebracht? Bin jetzt stolzer Besitzer eines A40-Still-Leben-T-Shirts mit Edeka-Reklame drauf. Das war es mir wert!
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