Leserkonferenz im SPIEGEL-Haus Ist das nur eine Meinung, oder ist es wirklich so?

Wir bekommen viele Rückmeldungen zu unserer Berichterstattung: Mails, Briefe, Einträge in Foren. Zeit, die Leser einzuladen, um sie noch besser zu verstehen.

Isabela Pacini

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Wir wissen eine Menge über die Leser von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE. Wie viele es sind (13,66 Millionen Menschen pro Woche), wie alt sie im Schnitt sind (44,6 Jahre), wie gebildet (überdurchschnittlich). Wir wissen auch, wie häufig ein Text auf der Seite von SPIEGEL ONLINE gelesen wird und wie oft man ein Video ansieht. Doch wir verstehen noch viel zu wenig. Über die Motive, SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE zu lesen; und den Frust, der dazu führt, sich von uns abzuwenden.

Meine Kollegin Isabell Hülsen hat im Februar einen Text veröffentlicht im SPIEGEL; sie hat darin ihre Begegnungen beschrieben mit Lesern, die uns kritisiert und die wir verloren haben. Sie ist der Frage nachgegangen, was die Leser stört. Auf die Veröffentlichung des Textes erreichten uns wiederum mehr als 2500 Briefe und Mails. Wir haben die Leser eingeladen, uns in der Redaktion in Hamburg zu besuchen und mit Redakteuren aus dem Haus zu diskutieren. Rund 150 Leser sind nach Hamburg gekommen; in sechs Diskussionsrunden sind wir verschiedenen Fragen nachgegangen.

SPIEGEL-ONLINE-Chefredakteurin Barbara Hans bei der Leserkonferenz
Isabela Pacini

SPIEGEL-ONLINE-Chefredakteurin Barbara Hans bei der Leserkonferenz

Die Konferenz hat uns geholfen, besser zu verstehen, was Leser auszusetzen haben. Die Reaktion kann keine Pauschalierung sein und keine Rechtfertigung. Wir wollen nicht vorschnell antworten, nicht mit großen Worten verkünden, was sich nun alles ändern wird. Vielmehr werden wir den Prozess fortsetzen und weitere Leserkonferenzen veranstalten, weitere Zugangspunkte zur Redaktion schaffen. Nachhaltige Veränderungen beginnen selten mit großen Versprechungen. Die abzugeben, ist so leicht wie wohlfeil. Will man wirklich etwas verändern, dann beginnt man am besten bei sich selbst, mit einer profunden Reflexion. Dazu haben uns die Leser ermuntert. Und dafür möchten wir ihnen danken.

Ich habe Sätze notiert, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Die Zitate stammen von einzelnen Lesern, sie stehen stellvertretend für die im Rahmen der Konferenz geäußerte Kritik. Eine Auseinandersetzung.

"Sie schreiben häufig über die vermeintlichen Ränder der Gesellschaft. Mir scheint, als haben Sie Angst vor diesen Rändern. Sie schreiben über sie, aber Sie schauen sich die Ränder nicht genauer an."

Unsere vorderste Aufgabe ist die Recherche, in allen Bereichen der Gesellschaft. Pauschalisierungen ersetzen nie den genauen Blick. Es ist unsere Aufgabe, vor allem dort genauer hinzuschauen, wo wir Dinge nicht verstehen, weil sie uns möglicherweise fremd sind. Zuschreibungen ersetzen keine Recherche.

"Sie sind schnell mit Ihren Zuschreibungen. Und verstecken sich hinter Ihren Stereotypen."

Genau das sollte Journalismus nicht tun. Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen in Schubladen zu pressen, sie zu kategorisieren. Es ist unsere Aufgabe, mit Menschen in Kontakt zu treten, sie zu verstehen, ihre - immer zwingend subjektive - Sicht auf die Welt zugänglich zu machen. Wir wollen neugierig sein, keine DIN-Normen vergeben. Ein Journalismus, der Etiketten verteilt, ist immer auch anmaßend - und in dem Moment nie so kritisch, wie er sein sollte. Denn unsere Arbeit besteht in Differenzierung, nicht in Pauschalierung.

"Sie polarisieren in Ihrer Berichterstattung: oben - unten, Stadt - Land, Freund - Feind; das sind Ihre Zuschreibungen."

Journalismus muss differenzieren, er darf sich nicht darauf beschränken, Gegensätze zu identifizieren. Es gibt nur einen journalistischen Anspruch: genau hinzusehen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Der Gegensatz kann dabei die Pole verdeutlichen, aber er darf diese Pole nicht instrumentalisieren. Vor allem dann nicht, wenn wir zugleich eine Polarisierung der Gesellschaft anprangern. Unsere Aufgabe ist es nicht, Konsens herzustellen oder gar gesellschaftlichen Zusammenhalt (eine solche Aufgabe haben Staatsmedien in autoritären Staaten). Doch es muss unser Anspruch sein, die Realitäten zwischen den Polen abzubilden, in all ihrer Unterschiedlichkeit.

"Sie begeben sich in eine gefährliche Nähe zur Politik. Wir wissen nicht, wo die Grenzen verlaufen, wie viel Zeit Sie mit den Politikern verbringen."

Journalismus bewegt sich immer in einem Spannungsfeld, das manchmal zu einem Dilemma wird. Um aus der Distanz berichten zu können, braucht man das Wissen, das aus großer Nähe resultiert. Für jedes Feld, über das wir berichten, gilt: Es braucht die Redakteure und Reporter, die einer Sache auf den Grund gehen, die Experten sind auf ihrem Feld. Eine Recherche braucht Hintergrundinformationen, sonst kratzen wir nur an der Oberfläche. Und an der Oberfläche lauern Stereotype, Verkürzungen, Zuschreibungen. Vereinfacht gesagt: Es braucht Nähe, um Distanz herzustellen. Doch die Nähe ist professionell. Wir machen uns nicht mit den Dingen oder Personen gemein, über die wir berichten. Das unterscheidet uns von Aktivisten. Wenn diese Grenze durchbrochen wird, dann machen wir uns angreifbar.

Abschlussplenum der Leserkonferenz
Isabela Pacini

Abschlussplenum der Leserkonferenz

"Sie bevormunden die Leser, indem Sie uns vorgeben, was wir denken sollen."

Journalisten sind keine Missionare. Es ist unser Ziel, Fakten abzubilden, Hintergründe zu erläutern, Realitäten zu beschreiben. Wir predigen nicht, wir sind keine Priester. Vielmehr wollen wir Informationen zur Verfügung stellen, damit die Leser sich ihre Meinung bilden können. Wir haben aber eine Haltung und veröffentlichen Meinungen in Form von Kommentaren und Kolumnen - die sich durchaus widersprechen dürfen. Meinungspluralität ist ausdrücklich erwünscht.

"Sie kreisen um die immergleichen Themen und die Parteien bestimmen die Agenda. Was ist mit den wirklich wichtigen Fragen: Wie wollen wir morgen leben? Wie wird es unseren Kindern und Enkeln ergehen? Wie verändert die Digitalisierung unsere Gesellschaft?"

Die Aktualität lässt oft zu wenig Raum für die Darstellung von Zukunftsthemen; zumal es das Wesen des Journalismus ist, Missstände zu enttarnen und Konflikten nachzugehen. Wir arbeiten an Formaten, die sich vor allem mit Zukunftsthemen beschäftigen werden. Es mag der Eindruck entstehen, Innenpolitik sei vor allem Parteipolitik, und natürlich hat das mit den handelnden Akteuren zu tun. Allein: Die Parteien bestimmen nicht unsere Agenda, sondern wir selbst.

"Ich will nicht bei einem Politiker im Wohnzimmer sitzen; ich will nicht, dass Sie mir ständig sagen, wie nah Sie den Politikern sind. Ich brauche Fakten, es geht nicht um romanhafte Formulierungen."

Wenn wir in einer Geschichte die Szenerie beschreiben, das Umfeld, eine Situation, dann darf diese Beschreibung nie Selbstzweck sein, sie muss immer einen Mehrwert bieten für den Artikel und die Erzählung. Unser Ziel ist es nicht, mit Nähe zu prahlen. Sie ist für Journalisten immer nur Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck (siehe oben).

"Wenn ich mir Ihre Berichterstattung anschaue, dann frage ich mich manchmal: Wen wollen Sie eigentlich als Leser haben?"

Wir möchten Leser erreichen, deren Anspruch es ist, sich selbst eine Meinung zu bilden. Unser Anspruch ist es, die nötigen Informationen bereitzustellen.

"Ich lebe in der Provinz. Für Sie ist Provinz ein Schimpfwort. Sie berichten nicht gleichberechtigt über das, was bei uns passiert, sondern nur klischeebeladen. Dann ist die Rede von Gartenzwergen. Sie schweben in ihren Altbauwohnungen in Berlin oder Hamburg über den Wolken."

Wir dürfen nicht mit dem elitären Blick der Städter auf die Provinz schauen, in die wir uns nur begeben, um einen Texteinstieg zu formulieren oder gar Authentizität zu suggerieren, die es nicht gibt. Es geht also um die Gartenzwerge im Kopf des Reporters. An der Provinz wird deutlich: Es geht nicht darum, wo ein Reporter wohnt, sondern um seine Haltung. Arroganz verklebt den Blick jedes Reporters. Wir müssen unsere eigenen Filterblasen durchbrechen, statt den Lesern ihre Filterblasen vorzuhalten. Provinz ist kein Wesensmerkmal, und schon gar nicht gibt es sie als Antithese zum vermeintlich höherwertigen, elitären Leben in der Großstadt.

"Ich habe ein großes Bedürfnis nach Hintergrundinformationen. Die politische Lage ist komplex. Ich wünsche mir mehr Faktenchecks und weniger Bevormundung in der Berichterstattung. Ich will mir eine eigene Meinung bilden können."

Wir werden noch intensiver daran arbeiten, Hintergrundinformationen und Faktenchecks zu veröffentlichen. Wir verstehen es als unseren Auftrag zu informieren, keineswegs aber den Leser zu bevormunden. Vertrauen gewinnen wir nur durch unsere Angebote, nicht durch Besserwisserei.

Isabela Pacini

"Wir informieren uns vielschichtig."

Das wissen wir. Und es verändert die Perspektive des Journalismus auf seine Leser. Heute ist es so einfach wie nie, sich vielfältig zu informieren. Der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE machen Angebote, wir bemühen uns um die Aufmerksamkeit unserer Leser. Gewiss ist sie uns nicht. Aber im Zweifel macht dieser Gedanke den Journalismus besser - und die Journalisten weniger selbstgerecht.

"Wie verstehen Sie Ihre Rolle? Sie ergehen sich in political correctness. Ich will aber das Gefühl haben, umfassend informiert zu sein. Deshalb lese ich alternative Medien. Weil ich den Mainstreammedien nicht mehr vertraue."

Der Begriff der "Mainstreammedien" basiert auf einer Annahme: Dass es Dinge gibt, die in Deutschland unsagbar sind und die nur von wenigen, meist kleinen Medien veröffentlicht werden - während die großen Medien unter der Fuchtel der Politik stehen und ihre Inhalte zensiert werden. In dieser Argumentation wird das vermeintlich Unsagbare instrumentalisiert - damit die vermeintlich aufrechten Medien vermeintliche Tabus brechen können, im Gegensatz zu den "gleichgeschalteten Medien". Das Tabu wird konstruiert, um es zu brechen. Ohne Minderheitenmeinungen gäbe es keinen Opferstatus, kein "das wird man ja wohl noch sagen dürfen". Das ist Populismus, kein Journalismus. Indem wir den Begriff unkritisch verwenden, machen wir ihn uns zu eigen.

"Statt das System anzuprangern, verlieren Sie sich in Details. Christian Wulff hat sich falsch verhalten; aber Sie haben sich irgendwann auf das Bobbycar konzentriert."

Details in der Berichterstattung sind ebenso wenig Selbstzweck wie Szenen, die nur vermeintliche Nähe suggerieren sollen. Wenn es also um Details einer Recherche geht, dann ist es unsere Aufgabe herauszustellen, warum ein Detail relevant ist, für was es steht. Kurzum geht es darum, die simple Frage zu beantworten: Warum ist das wichtig?

"Wenn Sie im Forum von SPIEGEL ONLINE Beiträge nicht freischalten, ist das Zensur."

Zensur ist laut Bundeszentrale für politische Bildung "eine von in der Regel staatlicher Stelle vorgenommene Überprüfung und Kontrolle von Druckwerken, Hörfunk-, Fernseh-, Film-, Tonträger- und Videoproduktionen und Ähnlichem auf ihre politische, gesetzliche, sittliche und religiöse Konformität und die ggf. daraufhin erfolgende Unterdrückung bzw. das Verbot der unerwünschten Veröffentlichungen." Allein: Es gibt kein Recht darauf, in einem SPIEGEL-ONLINE-Forum einen Text zu kommentieren.

Wir haben Zehntausende Foristen, und SPIEGEL ONLINE ist für die Inhalte, die in den Foren veröffentlicht werden, verantwortlich. Das heißt: Die Kommentare dürfen nicht justiziabel sein. Es ist also unsere Pflicht, die Kommentare durchzusehen und dann freizuschalten. Das passiert täglich tausendfach. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Themen leider keine ausgewogene Debatte hervorrufen, sondern vor allem Beleidigungen, Verleumdungen und Hetze. Die dulden wir nicht auf unserer Seite. Deshalb öffnen wir zu diesen Themen keine Foren - weil die Inhalte schlicht durch uns nicht zu steuern wären.

Bei dem Prozess des Freischaltens passieren Fehler, das ist uns bewusst. Manchmal trifft es die Falschen, das tut uns leid. Grundsätzlich ist das Forum jedoch ein Angebot, das SPIEGEL ONLINE für seine Nutzer bereithält. Ein Anspruch erwächst daraus nicht. Und in Zeiten, in denen die Pressefreiheit in vielen Ländern bedroht ist, sollten wir den Begriff der Zensur vorsichtig verwenden. Er taugt nicht als politischer Kampfbegriff.

"Entspricht das nur Ihrer Meinung, oder ist das wirklich so?"

Unser Maßstab sind Fakten, keine Annahmen. Und wenn es um Meinungen geht, dann sind diese als Kommentar gekennzeichnet. Den Leser ernst zu nehmen bedeutet aber auch, ihm diese Frage selbst zu stellen. Denn die eine Wahrheit gibt es ebenso wenig wie DIE Objektivität. "Entspricht das nur Ihrer Meinung, oder ist das wirklich so?", das ist die Leitfrage, die wir uns stellen müssen, und von der wir auch erwarten, dass unsere Leser sie sich stellen. Die Aufgabe von Journalismus ist es nicht, Konsens herzustellen. Unsere Aufgabe ist die Aufklärung, unser Mittel die freie Meinungsäußerung, unser Antrieb die Neugier.



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