SPIEGEL-Leserkonferenz "Es gibt auch ein Dazwischen"

Wie viel Haltung erwarten Sie vom SPIEGEL und wie viel Neutralität? Welche Themen vermissen Sie? Das wollte die SPIEGEL-Redaktion von ihren Lesern wissen. Und lud deshalb zur Leserkonferenz nach Hamburg.

Isabela Pacini

Am 24. Februar erschien im SPIEGEL unter der Überschrift "Die Wut der klugen Köpfe" ein Report, der die wachsende Entfremdung gebildeter Leser von den deutschen Medien beschrieb. Warum, so wollten wir wissen, sind die Zweifel an der journalistischen Redlichkeit so weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen? Was haben Medien dabei falsch gemacht, auch der SPIEGEL? (Hier können Sie den Report lesen.)

Zwei Leser kamen in dem Text ausführlich zu Wort: Artus Krohn-Grimberghe, Junior-Professor an der Universität Paderborn. Er findet es "widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe". Und Hartmut Richter, der nach 26 Jahren aufgehört hat, den SPIEGEL regelmäßig zu lesen, unter anderem, weil er meint, dass die Redakteure von der Lebensrealität der Bürger zu weit entfernt und der Politik zu nahe seien.

Was die beiden berichteten, sprach offenbar vielen Lesern aus der Seele. Am Ende des Textes baten wir unsere Leser, uns zu schreiben: Was sie vom SPIEGEL, von SPIEGEL ONLINE und den deutschen Medien halten, was sie ärgert und was sie sich wünschen. Rund 2500 Leser haben geantwortet.

Über ihre Kritik und ihre Vorschläge diskutiert die Redaktion seitdem intern, doch dabei sollte es nicht bleiben. Um mit unseren Lesern ins Gespräch zu kommen und genauer zu ergründen, was sie vom SPIEGEL erwarten, lud die Redaktion am Freitag zur Leserkonferenz ins SPIEGEL-Haus in Hamburg. Die gut 200 Plätze für die Konferenz waren binnen weniger Tage vergeben.

In drei Workshops wurde über Themen diskutiert, die den Lesern besonders am Herzen lagen:

  • Die Nähe von Journalisten zum Berliner Politikbetrieb und die Frage, ob große Medien wie der SPIEGEL und andere die Lebensrealität der Menschen in Deutschland ausreichend in den Blick nehmen oder in einer großstädtischen, liberalen Blase leben.
  • Die Frage, wodurch sich Leser bevormundet fühlen - wie viel Haltung erwarten sie vom SPIEGEL und wie viel Neutralität?
  • Wir wollten wissen, welche Themen die Leser in der Berichterstattung vermissen, welcher sie überdrüssig sind.

Die Diskussionen kreisten um die großen Fragen unserer Zeit: Wie umgehen mit Donald Trump? Viele Leser empfinden die Berichterstattung über den US-Präsidenten als "ausufernd" . Zudem fehlten einer Leserin oftmals die Zusammenhänge: "Wenn man die kennt, ist die Wahl Trumps keine Überraschung."

Bei Russland und China wünschten sich die Leser mehr Einblicke in den Lebensalltag der Menschen, die Redakteure fokussierten sich zu stark auf außen- und sicherheitspolitische Aspekte. "Russland scheint nur aus Putin und den paar Oppositionellen zu bestehen, die man kennt", monierte eine Leserin. Aber was bewegt die Russen? Was tut sich in dem Land?

Grundsätzlich bemängelten einige Leser, der SPIEGEL kenne "nur Lieblingsfreunde und Lieblingsfeinde" - bei den Freunden werde vor allem das Gute gesehen, bei den Feinden das Schlechte.

Leser wünschten sich eine differenziertere Berichterstattung auch im Inland: "Ich habe den Eindruck, die Meinungen bewegen sich nur zwischen Pro Asyl auf der einen und Pegida auf der anderen Seite - aber es gibt auch ein Dazwischen", sagte ein Teilnehmer. Provinz werde zu häufig von oben herab betrachtet, die Perspektive sei oft zu großstädtisch geprägt.

Einige Leser regten an, nicht nur die Gegenwart zu beschreiben und zu analysieren, sondern mehr als bislang Antworten zu suchen auf die Frage: "Wie wollen wir morgen leben?"

Nach den intensiven und durchaus kontroversen Diskussionen stellten Redakteure und Leser die Ergebnisse vor.

Die Redaktion wird nun in den kommenden Wochen zusammenfassen, was die Leser ihr mit auf den Weg gegeben haben.

"Wir müssen nicht nur wissen, über wen wir schreiben, sondern auch für wen", sagte Barbara Hans, Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "Das war nicht das Ende der Diskussion. Wir wollen den Dialog mit unseren Lesern fortführen."

Leser und Redakteure im Atrium des SPIEGEL-Gebäudes
Isabela Pacini

Leser und Redakteure im Atrium des SPIEGEL-Gebäudes

ih/bim



insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
McMuffin 26.05.2018
1.
Es ist komisch, dass sich die Spiegel-Redaktion wundert, wenn Leser sich weniger Belehrung, weniger von oben herab berichten, weniger Kumpanei mit dem Politikbetrieb wünschen. Wenn man sich die Medienlandschaft anschaut, ist das Urteil relativ klar: Die deutschen Medien, allen voran der Spiegel, haben einen Haltungsschaden.
go2dive 26.05.2018
2. Einladung
Ich war auch eingeladen, da ich aber in Chiang Mai/Thailand lebe, wäre mir die Anreise doch zu weit gewesen. So eine Leserkonferenz finde ich eine gute Sache und genau die Dinge die im Artikel angesprochen werden stören mich auch (nicht nur im SPIEGEL): Trump, Trump und nochmal Trump - ich habe einen Screenshot gemacht, da ging es in den ersten drei Schlagzeilen auf SPON um Trump. Entweder wird über die Superreichen berichtet oder über die Armen. Kaum Artikel über die Mittelschicht. Dabei sind doch die Geschäfte voll, Restaurants ebenso, der Auslandstourismus boomt und die Mercedes C-Klasse ist das drittbest verkaufte Auto Deutschlands.
joG 26.05.2018
3. Ich finde es wirklich gut....
....dass Sie sich damit beschäftigen und fände es anerkennenswert, wenn Sie es anwenden. Es ist aber halt so. dass ich aus verschiedenen Gründen Informationen in recht großer Zahl international vergleiche und gegen Quellen checke. So schaue ich oft bspw ein Video des Interviews oder der Rede an und vergleiche mit der Darstellung oder der simultan gelieferten Wiedergabe, was ich dreisprachig leicht kann. Auf Grund solcher Beobachtungen kann ich recht zuversichtlich bestätigen, dass nicht nur meist die Berichterstattung durch die jeweilige Kultur Fakten gefärbt werden, oft meinungsbestättigend falsch übersetzt und selektiv zitiert wird. Das ist regional teilweise so intensiv durch Paradigmen homogenisiert, dass man den Kulturbereich verlassen muss, um eine Vorstellung zu bekommen, was wirklich geschah.
Newspeak 26.05.2018
4. ...
In einem Parallelbeitrag zur Debatte heisst es "Was ist plötzlich so schlimm daran, dass sich Medien in manchen Dingen einig sind? Etwa darin, dass Deutschland eine humanitäre Verantwortung hat, sich um Flüchtlinge zu kümmern, und Rassismus in diesem Land keinen Platz haben sollte." Genau das ist das Problem. Die Medien sollen sich nicht einig sein. Ihr sollt objektiv berichten. Nicht mehr, nicht weniger. Ohne Konsens, ohne Wertung, ohne Meinung. Später kommt dann dieser Satz "Dazu braucht es nicht die saubere Trennung von Nachricht und Kommentar, sondern in erster Linie Respekt." Doch GENAU diese Trennung braucht es. Wenn mich die Meinung von Jemandem interessiert, kann ich Dutzende Leute in meinem Umfeld fragen...da gibt es schon genug Diversität. Die Fakten kann ich aber nicht selbst recherchieren, DAS, und das allein, ist Euer Job. Ich brauche als Leser keine Respektsbekundungen, ich brauche Fakten, Fakten, Fakten. Nebenbei...dass es in dem Parallelbeitrag wieder mal kein Forum gibt, zeigt nur den mangelnden Respekt vor dem Leser. Was ist eigentlich so schwer daran, unter ausnahmslos JEDEM Beitrag ein Forum anzubieten, das auch nicht je nach Gusto wieder schnell geschlossen oder entfernt wird?
yugorette 26.05.2018
5.
Tja, SPON und Spiegel, ein Entfremden auf Raten. Ich hatte 10 Jahre lang (2005 - 2015) ein WamS Abo und habe mir jahrelang regelmäßig Spiegel am Kiosk (je nach Inhalt) gekauft. Als dann 2015 diese blinde kritiklose Pro-Grenzöffnung-Berichterstattung in beiden Medien begann kündigte ich mein Abo bei der WamS und hörte auf mir fast jede Woche Spiegel Printausgabe zu kaufen. Verärgert war ich vor allem, dass SPON im Herbst 2015 absichtlich keine negativen Kommentare zum Thema Öffnung der Grenzen durchließ , stattdessen jeden der Bedenken anmeldete als rechts oder gestrig abstempelte. Wie arrogant ! Als ob die Chefredakteure damals kein Interesse an der Meinung eigener Leser hatten. Wir haben uns entfremdet, gelegentlich blättere ich mal in einem Spiegel in der Zeitungsecke bei Rossmann durch und stelle fest, seit 2015 immer die gleiche Leier, Rosa-Rote Brille bei Flüchtlingspolitik, gefühlt 1000-ter Artikel gegen Trump (ja der ist schlimm, aber es ist zu viel, bitte nicht jede Woche) und irgendetwas gegen Autoindustrie, Diesel-Schiffe in Hamburg oder Böller-Feinstaub zum Silvester sind dabei kein Thema. ...alles kein Grund für mich Geld auszugeben. Spiegel Redakteure müssen sich fragen, ob sie eine grüne Nische bedienen wollen oder etwas breitere Leserschaft haben möchten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.