Spike Lees "Katrina"-Doku Requiem für einen Traum

Bildmächtiges Trauerspiel: Der afroamerikanische Filmemacher Spike Lee hat eine vierstündige Dokumentation über die Folgen des Hurrikans "Katrina" in New Orleans gedreht - ein wütendes und anklagendes Lamento über den Untergang des amerikanischen Traumes.

Von Nina Rehfeld


Nur die Spitze des Straßenschilds ragt einsam aus tosenden Fluten, wie eine Mahnung hängt es über dem Wasser: "Humanity Street". Es ist eines von vielen Streifbildern aus New Orleans, die den Vorspann zu Spike Lees vierstündiger Dokumentation "When The Levees Broke" bilden – es steht neben historischen Eindrücken aus dem French Quarter und Bildern von Häusern mit Sprühschrift-Botschaften wie "dead body inside – help us!", neben Aufnahmen von Jazz-Begräbnissen, fröhlichen Mardi-Gras-Kostümen und tiefer menschlicher Verzweiflung angesichts der totalen Verwüstung. Diese kaleidoskopartigen Bilder deuten das allumfassende Panorama an, mit dem Lee in seinem "Requiem in vier Akten" der Flutkatastrophe vom vergangenen Jahr ein Denkmal setzen will. Gestern und vorgestern wurde "When the Levees Broke" im US-Fernsehen gezeigt.

Filmemacher Lee: "Ich hoffe, dass ein paar Leute in den Knast gehen"
REUTERS

Filmemacher Lee: "Ich hoffe, dass ein paar Leute in den Knast gehen"

Die Dokumentarabteilung des Kabelsenders HBO war bereits im Begriff, vor der monumentalen Aufgabe der filmischen Erfassung und Einordnung der Ereignisse nach dem Hurrikan "Katrina" die Waffen zu strecken, als Spike Lee sich meldete. Der afroamerikanische Regisseur schuf ein wutentbranntes Lamento gegen die in Bürokratismus und politischem Kalkül versinkenden humanitären Kapazitäten. "Ich hoffe", hatte Lee vorab in einem Interview gesagt, "dass ein paar Leute in den Knast gehen."

Doch überraschenderweise wird diese Anklage nicht von dem Filmemacher selbst geführt, der sich über die vergangenen 20 Jahre hinweg mit Filmen wie "Do The Right Thing", "Malcolm X" oder "Bamboozled" einen Namen als zornige Stimme der schwarzen Amerikaner gemacht hat. In "When The Levees Broke" lässt der 49-jährige Filmemacher New Orleans selbst zu Wort kommen – Weiße wie Schwarze, Arme wie Reiche, Musiker wie Wynton Marsalis und Harry Belafonte, Politiker wie Bürgermeister Ray Nagin und Gouverneurin Kathleen Blanco, Polizisten, Radiomoderatoren, Buchautoren und ganz normale Bürger.

Schon in anderen, nicht von ihm selbst geschrieben Filmen wie "25th Hour" und zuletzt "Inside Man", hat Spike Lee eine wohltuende Zurückhaltung seines Egos bewerkstelligt. Bei "When the Levees Broke", bei dem eine Naturkatastrophe und ein erbärmliches politisches Drama die Feder führten, spürte er offenbar, dass dem Desaster, was sich vor den Kameras abspielte, kaum noch etwas hinzuzufügen ist. Lee kommt ohne jeden Off-Kommentar aus. Er lässt die Katastrophe durch die Schilderungen der New Orleanser Gestalt annehmen, und aus ihnen formuliert sich ein Klagelied epischen Ausmaßes.

Der erste und zweite Akt von Lees Requiem erzählen die Katastrophe vom Vorabend bis zur Folgewoche nach. Es sind viele Bilder dabei, die man aus den Nachrichten kennt, doch die Augenzeugenberichte fügen sie zu einer furchtbaren Chronologie zusammen, die in dem Monolog eines Mannes namens Herbert Freeman gipfelt. Er erinnert sich, wie er mit seiner an den Rollstuhl gefesselten Mutter vor dem Convention Center von New Orleans tagelang auf die versprochenen Busse wartete. Wie die Fragen seiner Mutter immer leiser wurden. Wie sie sich irgendwann nicht mehr rührte. Und wie man ihn, als die Busse endlich kamen, nicht mal mehr Abschied nehmen ließ von seiner Mutter. Wenigstens hatte er der Leiche einen Zettel mit seiner Telefonnummer angepinnt, damit man ihn kontaktieren konnte.

Der dritte Akt hebt mit einem neuen Bild der Zerstörung an: "Thanks, Katrina", hat jemand mit beißendem Sarkasmus auf eine Häuserwand gepinselt und daneben ein zerbrochenes Herz gemalt. Es ist nicht nur eine Stadt untergegangen, es droht der Glaube ihrer Einwohner an ihr Land zu zerbrechen. Sie fühlen sich sitzengelassen und enttäuscht von einer ehemals Geliebten.

Dem Sturm folgt der chaotische Exodus, der Kampf der Evakuierten mit der Katastrophenschutzbehörde um Zuwendung, um Information, um die monatelang versprochenen Wohnwagen. Als die ersten der Evakuierten nach Monaten heimkehren, liegen immer noch Leichen in den Häusern, die Versicherungsgesellschaften winden sich mit Haarspaltereien zwischen Flut- und Sturmschäden aus der Verantwortung, die Unfähigkeit der Behörden, die Stadt zu entrümpeln, wird bald als Unwillen interpretiert. "Die Stadtentwicklungs-Firmen sind doch schon mit den Politikern im Bett", sagt eine Frau vor ihrem zerstörten Haus, das sie auf keinen Fall aufgeben will. Als wäre durch Inkompetenz und mangelnde Empathie noch nicht genug zerstört worden, droht nun das Prinzip Profit die soziale Struktur und Geschichte einer ganzen Stadt auszuradieren.

Über 100 Interviews hat Spike Lee für seinen Film geführt, mehr als 500 Stunden Material gesammelt. Sechs Monate verbrachte er mit dem Produzenten Sam Pollard im Schnitt. Mit viel Gefühl fügt der Filmemacher hier und da Versatzstücke einer Trauerrede ein. Der Jazztrompeter Wynton Marsalis singt "St. James Infirmary", ein New Orleanser names Shelton "Shakespear" Alexander stimmt vor einem Friedhofstor ein Rap-Gedicht auf die Katastrophe an, der Musiker Terrence Blanchard, der auch den Soundtrack zu Lees Film schuf, marschiert traurig trompetend durch die Ruinen seiner Nachbarschaft.

Es gibt auch die sattsam bekannten Ausschnitte von Nachrichtensendungen und Politiker-Pressekonferenzen. Sie steigern die bodenlose Demütigung und Verlassenheit der New Orleanser Bürger ins Unerträgliche. Da ist der CNN-Beitrag, in dem die Moderatorin Soledad O"Brien den schläfrigen Chef der Katastrophenschutzbehörde Fema, Michael Brown, fünf Tage nach dem Sturm mit kaum verhohlener Wut fragt, wie es möglich sei, dass sie mehr Informationen habe als er. Da sind die Bilder des jovialen Präsidenten George W. Bush, der mitten im größten Chaos schulterklopfend zu Brown sagt: "You're doing a heck of a job, Brownie!" Da ist die Mutter des Präsidenten, Barbara Bush, die beim Besuch der Evakuiertenlager im Houstoner Astrodome sagt: "Viele dieser Menschen waren ja sowieso unterprivilegiert, ich glaube, sie haben es ganz gut hier."

Lees Film ist ein Trauerlied auf das Versprechen eines Landes, seinen Bürgern Leben, Freiheit und die Suche nach Glück zu ermöglichen. Eine Naturkatastrophe, ermöglicht durch die katastrophale Ingenieursleistung des Army Corps of Engineers beim Bau der Deiche, entblößt hier ein anderes Gesicht der vermeintlich großen Nation: die von aalglatter PR geschmückte Gleichgültigkeit angesichts des Elends seiner ärmsten und hilflosesten Bürger.

In den amerikanischen Medien wurde Spike Lee scharf dafür kritisiert, dass er Aussagen mehrerer Augenzeugen über einen lauten Knall Raum gab und damit der immer wieder auftauchenden Verschwörungstheorie einer gezielten Dammsprengung Vorschub leistete. "Höchst fragwürdig", nannte dies beispielsweise die "New York Times". Doch Lee lenkt den Blick damit nur auf das Ausmaß der kollektiven Verunsicherung. Sie sitzt den Einwohnern der Stadt in den Knochen, nachdem während der Flut von 1927 zur Rettung des French Quarters tatsächlich ein Damm gesprengt wurde und es angeblich auch 1965 während des Hurrikans Betsy zu einer nie näher untersuchten Sprengung kam. Angesichts der eklatanten Teilnahmslosigkeit der amerikanischen Regierung während der "Katrina"-Katastrophe wird nun jede Ungeheuerlichkeit plausibel.

Gina Montana, afroamerikanische Bewohnerin von New Orleans, fühlt sich sogar an die dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte erinnert. "Als meine Familie im Rahmen der Evakuierung nach der Flut auseinander gerissen und über das ganze Land verteilt wurde", sagt sie und senkt den Blick, "wurde ich von etwas wie einer uralten Erinnerung erfasst. Es war, als hätten wir noch einmal auf dem Auktionsblock gestanden."

Weniger als die Hälfte der Einwohner von New Orleans sind inzwischen in die Stadt zurückgekehrt. Unterdessen baut der Army Corps of Engineers, dessen desaströse Ingenieursarbeit an den Deichen und Dämmen die Katastrophe erst ermöglichte, die Schutzwälle wieder auf. Derzeit ist es nicht viel, was sie schützen. "Wenn die Dämme brechen", trägt die New Orleanserin Phyllis Montana Leblanc gegen Ende des Films aus einem selbstverfassten Gedicht vor, "sollten wir wissen, was mit ihnen zerbricht."

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