Spiritistische Kunst: Dada oder gaga?

Von Karin Schulze

Séancen, Stimmen aus dem Jenseits, Spökenkiekerei - kann ernsthafte Kunst entstehen, wenn höhere Wesen den Befehl zum Malen geben? Erstmals sichtet jetzt ein deutsches Kunstmuseum die Produktionen spiritistischer Medien unter rein ästhetischen Gesichtspunkten.

Vanda Vieira-Schmidt sieht sich als "Über-Medium". Oder schlicht als "Gott". Und als solcher habe sie den Auftrag, die Welt zu retten. So füllte sie zwischen 1995 und 2005 über eine halbe Million Din-A4-Blätter mit magischen Mustern und Zeichen. Dass ihr "Weltrettungsprojekt" neuerdings auch in der Kunstwelt beachtet wird, findet sie prima. So steht ihr aus mindestens 500.000 Zeichnungen geschichteter Kubus jetzt in der Ausstellung "The Message. Das Medium als Künstler" im Kunstmuseum Bochum. Die Schau packt ein heißes Eisen an: Sie zeigt erstmalig Malerei, Zeichnung, Fotografie und Installation, die seit 1850 im Dunstkreis mediumistischer Praktiken entstanden.

Was Sigmar Polke ironisierte, als er 1969 auf eine teilweise schwarz bemalte Leinwand schrieb: "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!", das nahmen spiritistisch bewegte Menschen bitterernst. Sie malten in Séancen oder in Trance. Sie zeichneten, was ihnen Stimmen aus dem Jenseits eingaben. Sie fertigten hochkomplexe Drucke, bei denen ihnen Geister die Radiernadel führten. Und sie tun es heute noch - so wie etwa Paul Laffoley, der Einflüsterungen Außerirdischer in Bilder umzusetzen glaubt, die fast psychedelisch wirkende Mischungen aus Schautafeln, Diagrammen und Mandalas sind.

Seit die Familie Fox in Hydesville/New York 1848 mit Klopfgeistern kommunizierte, hat sich die spiritistische Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasend schnell ausgebreitet. Überall entdeckten brave Bürger ihre Fähigkeit, mit Toten zu plauschen, lauschten verschworene Kreise in plüschigen Gründerzeitzimmern darauf, was ihnen das Rücken ihrer Tische zuraunte. Auch Intellektuelle und Künstler waren fasziniert. Victor Hugo soll mit Napoleon und Shakespeare kommuniziert haben. Thomas Mann sprach vom "Unmöglichen, das trotzdem geschieht". Und André Breton sah die bildnerischen Produktionen von Medien des 19. Jahrhunderts wie Victorien Sardou, Augustin Lesage oder Hélène Smith als Vorläufer der surrealistischen Kunst.

Dabei hatten die wenigsten Medien eine künstlerische Ausbildung. Sardou, der unter dem Einfluss von Geistern zeichnete, war Dramatiker. Smith hatte eine kaufmännische Lehre absolviert, bevor sie sich extraterrestrische Landschaften und religiöse Gemälde einflüstern ließ. Und Lesage war Bergmann. Ihm prophezeite bei der Grubenarbeit eine Stimme: "Eines Tages wirst du Maler werden". Und er begann zu malen, was ihm seine "Führer" eingaben. Heute werden die größeren seiner fein ziselierten und mit kunterbunten kulturellen Verweisen gespickten Tableaus so geschätzt, dass sie für Preise von 60.000 Euro aufwärts verkauft werden.

Hinsehen, Leute!

Als mindestens so bedeutsam gilt Hilma af Klint. Zwischen 1906 und 1908 produzierte sie, übersinnlich angeleitet, 111 Gemälde: geometrische, ineinander verschlungene, flächige Formen in satten, sanften Farben. Sie arbeitete also bereits abstrakt, bevor Kandinsky ab frühestens 1910 die Bilder malte, die gewöhnlich als die ersten reinen Abstraktionen der Kunstgeschichte gelten. Dabei wirken af Klints Werke noch heute taufrisch, als entstammten sie aktuellen neoabstrakten Tendenzen. Kein Wunder, dass sich ein junger Maler wie Bernd Ribbeck (derzeit ausgestellt in der Galerie Kamm, Berlin) mit seinen leuchtenden Farb-Exerzitien auf die schwedische Malerin beruft.

Ohnehin ist gut vorstellbar, dass gerade junge Künstler in dieser Schau große Augen bekommen. Nach all den Ironie-, Konzept-, Postpop- und Politexzessen der letzten Jahrzehnte suchen sie wieder nach ursprünglicheren, manchmal auch penibel handwerklichen Ausdrucksformen. So sehen etwa die derzeit hoch gelobten Zeichnungen von Ralf Ziervogel aus, als hätten ihn die zarten Gespinste der Radierungen Sardous inspiriert.

Handwerkliche Akribie und eine erstaunliche Bandbreite eigensinniger Stile zeichnen die Bochumer Exponate aus, vermutlich gerade weil sie als Außenseiterkunst abseits der akademischen Kanons entstanden. Den von wilden Kringeln durchfurchten Kopf etwa, den Georgina Houghton malte, würde man jedenfalls nicht 1867, sondern eher in der zeitlichen Nähe von Jackson Pollock oder Jean Dubuffet verorten. Ganz offensichtlich wirkte das mediumistische Selbstverständnis für Jahrzehnte als Katalysator für noch nicht anerkannte Bildlösungen.

Hinsehen, Leute! Das scheint die Botschaft der "Message"-Schau zu sein. Lasst Euch von den okkulten Zeugungsmythen nicht bluffen! Selbst wenn man zu nüchtern ist, um den spiritistischen Erklärungen zu glauben, und höhere Wesen schlicht für gaga hält - Fakt ist: Was im Glauben an das Diktat aus dem Jenseits entstand, sieht verdammt gut aus. Also kann man die besten dieser Werke aufgrund ihrer ästhetischen Qualität getrost in die Kunst eingemeinden.

Aber auch Skeptiker und Kunstpuristen wird die utopische Kraft nicht kalt lassen, die Vieira-Schmidt ihrem vielblättrigen "Weltrettungsprojekt" zutraut: Im Falle einer militärischen Konflikts würde sie ein Blatt aus dem Stapel fischen und ans Verteidigungsministerium faxen. Aufgrund eines dort vorhandenen Codes ließe sich mit ihrer Zeichnung dann ganz easy Frieden schaffen.


"The Message - Das Medium als Künstler", Kunstmuseum Bochum, 16. Februar bis 13. April. Katalog 28 Euro

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