Sprachkritik "Herdprämie" ist das Unwort des Jahres

Da wird die CSU kochen! Das von ihr kreierte Betreuungsgeld verhunzten Kritiker zur "Herdprämie" – und die wurde nun zum schlimmsten sprachlichen Missgriff des Jahres 2007 gekürt.


Frankfurt am Main - Da köchelten die Kritiker der CSU ein so plakatives Wortgeschöpf wie die Herdprämie zusammen und jetzt? Ist die Vokabel Unwort des Jahres 2007. Dies gab die Jury um den Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser in Frankfurt am Main bekannt.

Kleinkind vorm Fernseher - spricht das nicht für die "Herdprämie"?
DDP

Kleinkind vorm Fernseher - spricht das nicht für die "Herdprämie"?

Die Herdprämie heißt eigentlich Betreuungsgeld und ist gedacht für jene Frauen, die zu Hause vor sich hinschmoren. Dort betreuen sie ihre Kinder, die ansonsten – zumindest aus scharf konservativer Sicht – in Kitas verwahrlosen würden.

Das Betreuungsgeld trat mit den Kita-Ausbauplänen von SPD und CDU auf den Plan. Familienministerin Ursula von der Leyens ehrgeizige Agenda, jedes 3. Kind unter drei Jahren solle 2013 einen Kita-Platz erhalten galt den Christsozialen als Menetekel des Werteverfalls. Werde die staatliche Kinderbetreuung als pädagogisch überlegenes Modell sanktioniert, so die Befürchtung, würde die von laxen Liberalen verspottete Hausfrau endgültig zum Heimchen degradiert.

Von Angela Merkel gibt es eine Absichtserklärung, das Betreuungsgeld ab 2013 umzusetzen, die Kanzlerin hat Angst vor Zoff mit der CSU. Kollegin von der Leyen allerdings hat hingegen wiederholt das Betreuungsgeld kritisiert. Geben die soziale Schwachen das Geld nicht eventuell für Pornos und Videospiele aus?, so die bange Frage, die die Kita-Strategen umtreibt.

Weil es so schwer ist, die Lage in bundesdeutschen Haushalten auszuspähen, kommt der "Bundestrojaner" gerade recht – zumindest, wenn es nach Wolfgang Schäuble geht. Der Innenminister will den Verfassungsschützern und Diensten die Chance geben, terroristischen Aktivitäten im Internet zu ermitteln. Die SPD sieht in dem Verfahren jedoch die Vernetzung von Paranoia und mangelndem Demokratiegefühl – und mauert.

Sollen die Internet-Spione doch den Abflug machen – am besten "klimaneutral", der Nummer zwei in der Hitliste sprachlicher Missgriffe. Mit der Vokabel werden versucht, "für eine Ausweitung des Flugverkehrs oder eine Steigerung anderer CO2-haltiger Techniken zu werden, ohne dass dabei klar werde, wie diese Klimabelastungen "neutralisiert" werden sollen.

Auch das kulturelle Klima wurde stark belastet: Kardinal Joachim Meisner aus Köln wagte die Formulierung, Kunst sei "entartet", wenn sie ihre religiöse Bindung verliere. "Entartete Kunst war ein NS-Schlüsselbegriff, mit dem missliebige Künstler und ihre Werke diffamiert und ‚beseitigt’ wurden", so die Jury.

Das "Unwort des Jahres" wird seit 1991 bestimmt. Hervorgehoben werden damit "sprachliche Missgriffe" aus dem öffentlichen Leben, die im zurückliegenden Jahr besonders negativ aufgefallen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Unwort des Jahres 2006 war "freiwillige Ausreise".

dan/ddp



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