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Sprachkritik: "Notleidende Banken" ist Unwort des Jahres

Sie haben die Weltwirtschaft fast zum Einsturz gebracht, benötigen Hilfe in Milliardenhöhe: Der Begriff "Notleidende Banken" ist das Unwort des Jahres.

Frankfurt/Main - "Notleidende Banken" ist das Unwort des Jahres 2008, das teilte Jury-Sprecher Horst Dieter Schlosser am Dienstag in Frankfurt am Main mit. Der Begriff stelle "das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf", begründete Schlosser die Wahl seines Gremiums. Die Banken samt ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise herbeigeführt worden sei, würden mit dem Ausdruck "notleidende Banken" zu Opfern stilisiert, erläuterte Schlosser. Tatsächlich sei aber der Steuerzahler das Opfer, der die Milliardenkredite mittragen müsse. Gleichzeitig gerieten ganze Volkswirtschaften in arge Bedrängnis.

Es sei allerdings nicht gelungen, den Schöpfer des Unworts auszumachen, sagte Schlosser. Bis Ende 2008 gingen nach eigenen Angaben rund 2100 Vorschläge bei der mit renommierten Sprachwissenschaftlern besetzten Jury ein.

Finanzmakler: Das Debakel der Banken beeinflusste 2008 auch die Sprache
DPA

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Auf Platz zwei landete der Begriff "Rentnerdemokratie". Das Wort habe laut Schlosser Alt-Bundespräsident Roman Herzog nach der Rentenerhöhung um 1,1 Prozent geprägt. Herzog, der nach eigener Aussage selbst "satte Altersbezüge" erhalte, habe damit eine Situation beschreiben wollen, in der "die Alten die Jungen ausplündern".

Unter den eingesendeten Vorschlägen fand sich beispielsweise auch der Begriff "intelligente Wirksysteme" für Artilleriemunition sowie "Karlsruhe-Touristen". Die vom Polizeigewerkschafter Rainer Wendt geprägte Formulierung diffamiere Bürger, die wegen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen vor das Bundesverfassungsgericht gehen, sagte Schlosser

Das "Unwort des Jahres" wird seit 1991 bestimmt. Es soll "sprachlichen Missgriff in der öffentlichen Kommunikation" und unsägliche Formulierungen als solche entblößen. In den vergangenen Jahren wurden die Begriffe "Herdprämie" (2007), "freiwillige Ausreise" (2006) und "Entlassungsproduktivität" (2005) als schlimmste sprachliche Missgriffe hervorgehoben.

Kurz vor Weihnachten wurde von der Gesellschaft für deutsche Sprache bereits das "Wort des Jahres" gekürt: "Finanzkrise". Kein anderes Wort habe die öffentliche Diskussion 2008 mehr bestimmt als dieses, hieß es in der Begründung.

chc/AP/dpa

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