Sprachpflege Seltsamer Drang zu Konzernsprache

Der Vorsitzende des "Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache", Walter Krämer, zum Urteil eines Frankfurter Gerichts, das Lufthansa-Angestellte zum Gebrauch englischer Fachbegriffe verpflichtet.


SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen wird das Urteil der Frankfurter Arbeitsrichter haben?

Krämer: Es wird das Dilemma, in dem wir uns befinden, noch stärker ins öffentliche Bewußtsein befördern. Es gibt so seltsame Pläne, wonach z.B. die Konzernsprache bei DaimlerChrysler auch für die niederen Chargen Englisch sein muß. Dann müßten die Hausmeister in der Stuttgarter Gegend auf einmal Englischkurse besuchen. Dieser Unfug muß aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es weitere Fälle, bei denen Gerichte über Sprachregelung urteilten?

Krämer: Nein. Daß jemand soweit geht, einen Arbeitnehmer abzumahnen, weil er die Landessprache spricht, das ist, glaube ich, eine Spezialität der Lufthansa. Das ist ein Unikat.

SPIEGEL ONLINE: Wie ausgeprägt sind die Anglizismen in deutschen Unternehmen? Ist die Lufthansa eine unrühmliche Ausnahme?

Krämer: Die Lufthansa ist extrem schlimm. Es gibt bei der Lufthansa nicht Fracht, sondern Cargo. Es gibt keine Schalter mehr, nur noch Counter. Auch keine Flugscheine, sondern Tickets. Besonders schlimm ist auch die Deutsche Bundesbahn. Wissen Sie, wie das Klo auf dem Leipziger Hauptbahnhof heißt? – "MacClean". Ich behaupte, daß Leute über 60, die in der Schule kein Englisch hatten, inzwischen in Deutschland nicht mehr Bahnfahren können.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt einen englischen Begriff im deutschen Wortschatz, den sie gut finden?

Krämer: Ja, 'Cockpit' zum Beispiel. Da gibt es im Deutschen Pilotenkanzel oder Führerstand, das klingt aber nicht so gut. 'Cockpit' ist ein typisches Wort, das ich als Fortschritt empfinde. Das ist knackig, knapp, kurz. Jeder weiß, was gemeint ist. Aber warum zum Beispiel die Tragflächen "wings" und die Türen "doors" heißen bei der Lufthansa, das geht mir nicht in den Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Läßt sich die Flut der neuen Anglizismen überhaupt mit Gerichtsurteilen aufhalten?

Krämer: Es wäre schon ein Signal. Der Trend entsteht ja nicht von alleine, der wird gemacht. Und zwar nicht vom Mann oder der Frau auf der Straße. Wenn Sie die einschlägigen Umfragen konsultieren, werden Sie feststellen, daß sich weit über die Hälfte der Bundesbürger durch die Anglizismen belästigt fühlt. Die Sprache wird von den Werbe-Fuzzies verhunzt. Oder von irgendwelchen Managern, die ihr Deutsch verlernt haben, drei Jahre in Amerika gearbeitet haben, zurückkommen und dann meinen, sie müßten ihren Pseudo-Kosmopoliten-Ausweis vor sich herschwenken.

Das Interview führte Petra Nölkensmeier



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